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Zwischen Block A und Block B, vor dem Jugendzentrum Alterlaa, sitzen zwei Jungs in gebügelten Jogginghosen und warten, bis sie an der Reihe sind, um mit dem E-Roller durch die Gartenanlage zu surren. „Eigentlich eh chillig hier“, sagt Yasir. Nicht Yaser, sondern mit „i“ wie Siri. „Außer paar alten Leuten, die sich über jeden beschweren, der sich bisschen schneller bewegt als sie.“
Yasir ist sechzehn, seit fünf Jahren wohnt er in Block B. Einmal wollte sein Vater wegen der Arbeit „in die Stadt“ ziehen, aber das konnte Yasir ihm ausreden. „Wir haben alle unsere Kollegen hier, was soll ich im dritten Bezirk?“ Hier gibt es einen Fußballplatz, im Jugendzentrum ein Playstation-Zimmer und manchmal sogar Essen umsonst. Sein Freund Abdulrahman, siebzehn, hört ihm rauchend zu. Abdulrahman wohnt in Block C. Als er fertig geraucht hat, berichtigt er: „Ich wohn gar nicht in Block C. Ich würd aber gern.“ In Wahrheit ist er eine U-Bahn-Station weiter, am Schöpfwerk, zu Haus.
Wann immer Alterlaa als Beispiel für einen gelungenen Sozialbau genannt wird, hält die Anlage „Am Schöpfwerk“ als Gegenbeispiel her. Abdulrahman nickt zustimmend. Obwohl die Security in Alterlaa die Jungs regelmäßig wegen angeblich illegaler Gruppenbildung von den Plätzen verweist, ist Abdulrahman froh um sie: „Bei uns im Stiegenhaus am Schöpfwerk wird geprügelt, gekifft, gefickt, alles. Voll das Ghetto.“

Jeden Frühling findet die Wahl Wiens zur lebenswertesten Stadt der Welt statt. Man kann das ruhig so sagen, es sind jetzt zehn Jahre in Folge. Wer in Berlin wohnt (Platz 13), wird das plausibel finden, auch ohne die genauen Kriterien zu kennen; im Grunde reicht es, einmal in Schönefeld ein- und in Wien-Schwechat wieder ausgestiegen zu sein.
Anders als bei den Berliner Verkehrsbetrieben dauert bei den Wiener Linien eine Minute nur sechzig Sekunden. Statt eines Psychopathen wartet an jeder Ecke ein Therapeut. Und dann natürlich: eine Altstadt zum Niederknien. Fünfzig sogenannte Wastewatcher sind allein damit beschäftigt, widerrechtlich platzierte Hundstrümmerl zu melden (bis zu 2.000 Euro Bußgeld für Wiederholungstäter). Weil über 400.000 Wohnungen der Stadt oder von ihr geförderten Genossenschaften gehören und es dann noch einen Mieterschutz gibt, der nicht aus reinem Zynismus so heißt, können sich Menschen auch leisten, in dieser schönen Altstadt zu wohnen.
Die höchste Wohnzufriedenheit findet man Berichten zufolge aber nicht in der Beletage im ersten Bezirk, im Penthouse am Prater oder irgendwo am Naschmarkt, sondern am Speckgürtel Wiens, dort, wo die Kaffeehausdichte abnimmt und die der Wurstbuden zu, zwanzig U-Bahn-Minuten vom Stephansdom entfernt im größten Plattenbau des Landes, dem Wohnpark Alterlaa: 3.181 Wohnungen, 9.000 Menschen, eine Trillion Tonnen Stahlbeton.

Im Kaufpark Alterlaa, zwischen Block A und Block B. „I gib kan Kommentar ab“, sagt ein Herr in weißem Poloshirt. Er hat weiße Haare, einen weißen Bart und eine weiße Schildmütze, auf der „Security“ steht. Mit der Geschmeidigkeit eines weißen Hais gleitet er durch den Kaufpark, links am Handyladen vorbei, dann rauf in Richtung Ärztezentrum Süd, über die Wendeltreppe wieder runter und am Nagelstudio vorbei in den Arkadenhof. Es ist ruhig an diesem Nachmittag. Zu ruhig? Bisher jedenfalls noch keine besonderen Vorkommnisse – bis natürlich auf die weibliche Fremdperson mit Aufnahmegerät, die der Securitymann wenig später dem Kaufparkmanager gemeldet haben wird. Zu den Beschwerden der Alterlaaer Jugend will er sich nicht äußern. Er führe nur Befehle aus. Welche das seien und von wem sie angeordnet werden, dazu könne er auch nichts sagen. Nur so viel: „Wenn es nach den Alten geht, des sog i Eana, donn müssten wir die Jungen glei de Trepp’n runterstoßen.“

Von außen betrachtet ist Alterlaa mehr Atompark als Wohnpark. Sechs beige Klötze ragen bis zu 27 Stockwerke in den Himmel hinauf, unterbrochen von schlackefarbenen Lift- und Stiegenanlagen. Angeordnet sind die Klötze in drei Reihen: Reaktorblock A, B und C. Die Verortung erfolgt über Nennung des Blocks, der Himmelsrichtung, der Stiege, des Stocks und der Türnummer. Die Taxonomie und ihre lückenlose Ausschilderung sind essenziell, selbst langjährige Mieter sollen hin und wieder orientierungslos auf dem Gelände umherirren.
Nach unten hin verbreitert sich jeder Block, wie zwei hastig geschriebene L, die Rücken an Rücken stehen. Diese Architektur, so behaupteten böse Zungen bei Baubeginn 1973, diene dazu, den Aufprall jener zu mindern, die sich sicher bald zu Dutzenden aus ihren Fenstern werfen werden. Ab Mitte des Ls jedoch wird die Linie krakelig: Jeder Krakel bedeutet eine vorgelagerte Terrasse, auf der massive Pflanztröge stehen.

Block B, vierter Stock. Tief gebückt kratzt Susanne Röser Taubendreck von ihren Balkonfliesen. Mit der rechten Hand umgreift sie einen Spachtel mit extralangem Stiel, mit der linken hält sie ihr Toupet fest. Frau Röser ist 91. „Ha! Das hätten’s nicht g’laubt, oder? Ich bin a alter Fetzen!“, richtet sie sich triumphierend auf, schiebt das Leopardenoberteil wieder in Form und die blau getönte Lesebrille etwas höher auf die Nase. Vor Terminen lässt sich Frau Röser die Haare gern beim Friseur im Kaufpark richten, aber heute früh war sie im Tanzkreis in Block A, Stiege 5 und dann zum Mittagessen in den Arkaden verabredet. Und da kommt man aus dem Grüßen ja gar nicht mehr heraus: „Servus, Schatzi“, „Hallo, du fesche Katz!“, „Bussi, mach’s gut, Schatzi“. Einzig ein zerzaustes Fräulein in Leggins, das sich mit wirrem Blick und einem Tetrapak Trinkschokolade an den Nebentisch setzte, konnte Frau Röser nicht genau zuordnen. Zwei ihrer Slim-Zigaretten reichte sie ihr aber trotzdem rüber, „sie tanzt halt ein bissl aus der Reihe“. Die Frühlingsonne schien fabelhaft, selbst der Ärger über den Stöpsel auf dem höllisch schnellen Tretroller war bald vergessen.
Dass Frau Röser mit jedem per Schatzi ist, hat zum einen damit zu tun, dass sie sich zunehmend oft mit den Namen vertut. Und zum anderen natürlich mit ihrem früheren Amt: Susanne Röser war die erste Hausverwalterin im Wohnpark Alterlaa. Zwei Jahrzehnte lang hat sie jeden Mietvertrag unterschrieben. Den Ruf als legendäre „Mama Wohnpark“, so leid sie ihn seit jeher ist, eilt ihr auch zwanzig Jahre nach der Pensionierung noch voraus.
Die Erstbesiedlung mit Mietern und Läden, ein chinesisches Restaurant da, ein Kindergarten dort, ist Frau Röser damals so gut gelungen, dass die Herren Architekten, Bauleiter, Vorstände und so weiter Schlange bei ihr standen. Interessiert hätten sie die Herren aber nicht, „Na, ned im Geringsten, NA!“, auch wenn mancher Mieter sich da anders erinnert. Für Frau Röser hätte nur eins gezählt: das Nest.
„Der Wohnpark ist das Nest“, sagt Frau Röser und tippt auf ihre Handinnenfläche, „und ich lieg mittendrin.“ Zur Schlüsselübergabe – 1976 ging es los – ließ sie deshalb immer mehrere Mietparteien gleichzeitig antanzen. So konnten sich die Neuankömmlinge schon einmal beschnuppern.
Drei Dutzend verschiedene Grundrisse gibt es in Alterlaa, von Einzimmerwohnungen – in Österreich Garçonnière genannt – bis zur Maisonette mit fünf Zimmern und knapp 55 Quadratmeter Terrasse.
Frau Rösers Garçonnière ist klein, aber umso dekorierter. Die Loggiawand ist übersät mit Kühlschrankmagneten, „alles Mitbringsel von Mietern“. Nur Familienfotos hängen in ihrer Wohnung keine. Zwar gibt es eine Tochter in Berlin und einen Schwung Enkel und Urenkel in Wien, „aber keine Ahnung, wie viele, is mir auch egal“, sagt Frau Röser. „Wir sind so selbstständige Menschen. Wir brauchen uns nicht kennenlernen.“
Weil es jeden Tag so weit sein kann, kümmert sich Frau Röser aber natürlich um das Erbe, peu à peu. Zum Beispiel um den Nerz, den ihr einst ein verliebter Kürschner aus der Kärntner Straße genäht hat. „Mah, Jössas na, war das ein Traum!“, sagt Frau Röser und dreht die Goldringe an ihren Fingern. „Aber wenn ich damit durch Alterlaa renn, dann denken die Leut’, die Röser ist deppert.“ Sie hat den Nerz also vor kurzem in einen Kleidersack gepackt. Kurz nach 22.30 Uhr ist sie damit runter und hat den Mantel blitzschnell neben die Postfächer gehängt, hat auf dem Absatz kehrtgemacht und ist dann, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen, zurück in die Wohnung gehuscht.

Als der Architekt Harry Glück 1970 im Auftrag der gemeinnützigen Bauvereinigung Gesiba (zu 99,97 Prozent im Besitz der Stadt Wien) mit der Planung begann, zeigten ihm viele Kollegen einen Vogel. Der Bau wäre unmenschlich, monströs, wird das hier Moskau? Für den Architekten Roland Rainer, der am Küniglberg gerade das ORF-Zentrum baute, war das Einfamilienhaus die einzig angemessene Wohnform. Im Hochhaus würde schon das Finden der richtigen Klingel zum Problem werden. Der Architekt Gustav Peichl sprach von einer „veruntreuten Landschaft“, und der ORF (für den Peichl acht Landesstudios baute) strahlte eine gleichnamige Doku aus.
Harry Glück sah das anders. Seine Satellitenstadt würde, frei nach Jeremy Bentham, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl an Menschen bringen. Glück, das hieß für den Architekten vor allem die Befriedigung des „psychischen Appells der Natur“: dem Verlangen nach freier Aussicht, klarem Wasser, einer grünen Umgebung. Die Schwärmerei für die Natur, zitierte Glück bei einem Besuch von Kabel 1 Bertold Brecht, kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte.
Um sich in der Wildnis zu schützen, hätte der Mensch aber immer die Nähe anderer gesucht. Einzelhaft ist Strafe, sagte Harry Glück immer wieder, bis zu seinem Tod vor drei Jahren. Auf Fotos hatte er meistens einen Pitbull im Arm.

Zwischen den drei Wohnblöcken liegen heute jeweils 140 begrünte Meter. Auf den Dächern gibt es sieben Schwimmbecken, im Inneren noch sieben weitere. Im Brandfall dienen sie als Löschteiche – die Feuerwehr nämlich kommt mit ihren Schläuchen nur bis zum sechsten Stock – und ansonsten als sozialer Klebstoff: Schwimmen geht man ohne Krawatte, Putzkittel oder Airpods.
Über die Schwimmbäder zerrissen sich anfänglich Populisten jeglicher Couleur die Mäuler: Von rechts warf man Harry Glück vor, Proleten unnötigen Luxus zu verschaffen. Und von links, ihnen damit revolutionären Eifer zu rauben. Heute sagt keiner mehr was.
Ferner befinden sich aktuell in Alterlaa: drei Kindergärten, drei Schulen, zwei Ärztezentren, eine Bücherei, vier Badmintonplätze, zwei Tennishallen, eine Kirche, sechs Solarien, zwanzig Saunen (Aufgüsse mit Alkohol nicht gestattet!), vier Infrarotkabinen, ein Dampfbad und ein Sanarium, was auch immer das ist. Dazu kommen noch die Vereine im „schwarzen Dreieck“: 32 Räume, in die kein Sonnenstrahl dringt, wurden den Bewohnern übergeben, ohne vorbestimmten Zweck. Heute stehen darin Keramiköfen und Schießstände. Es treffen sich Pfadfinder, Briefmarkensammler und die „Freunde der Freiheitlichen“. Es gibt einen Modellautorennsportverein, ein Freddy-Quinn-Museum und einen Jiu-Jitsu-Club, aus dem schon eine Weltmeisterin hervorgegangen ist. Über die wichtigsten Neuigkeiten berichten die „WAZ“ („Wohnparkzeitung Alterlaa“) und das Wohnpark-TV. Würde man nachts heimlich eine Kuppel über den Wohnpark stülpen, es könnte ein Weilchen dauern, bis es jemand bemerkte.

Grünanlage, zwischen Block B und Block C, ein grauslicher Nachmittag.
„Sie wissen schon, dass Radfahren hier oben verboten is?“, fragt Julius Ehrlich eine Mieterin, die auf dem Fahrrad sitzt.
„Ja, schon“, nickt sie schuldbewusst, die Regenkapuze klebt an ihrer Stirn. Kurz wirkt es, es als wolle sie absteigen, doch dann ist sie schon hinter einem Baum verschwunden.
„Donn müssen’s aber ganz schen deppert sein, dass sie trotzdem weiterfahren!“, schreit Herr Ehrlich ihr hinterher.
Oberflächenverkehr, erklärt Ehrlich, ist in Alterlaa verboten, das gesamte Gelände ist unterirdisch befahrbar: Man fährt außen mit dem Auto rein, parkt unter der Erde und nimmt dann den Lift rauf in die Wohnung. Wenn sich alle daran halten, und nicht wie Frau Röser noch bis vor kurzem mit 50 km/h durch die Garage fetzen (jetzt hat sie ihr Auto einem Hausmeister geschenkt), braucht niemand einen Unfall zu fürchten.
Julius Ehrlich, ein kleiner Mann mit schelmischem Blick, hat sich in seinem Leben schon öfters unbeliebt gemacht. Als er gerade bei den Wiener Linien angefangen hatte und statt eines Schraubenschlüssels eine Ratsche nahm. „Heast, wüst du bei uns Akkordarbeit einführen?!“ Oder als er anmerkte, dass es einen Interessenkonflikt bedeutet, wenn die Hausverwalterin gleichzeitig im Mieterbeirat sitzt. Bisher aber, so scheint es zumindest von außen, haben sich die Differenzen immer gelohnt.
Zwölf Leute sitzen im Mieterbeirat, drei von ihnen sind parallel auch im Aufsichtsrat der AEAG, der Gemeinnützigen Wohnaktiengemeinschaft Alterlaa. Jeder Mieter besitzt eine Aktie und hat dadurch Mitspracherecht. Gewählt wird alle drei Jahre neu. Julius Ehrlich ist, seitdem Frau Röser ihm am 1. März 1985 den Wohnungsschlüssel übergeben hat, fast durchgängig Mitglied. Seit er in Pension ist, widmet er sich ganz dem Amt des Obmanns: Er hält Sprechstunden, führt neugierige Fremdpersonen stundenlang übers Gelände und hört sich die Sorgen der Nachbarn an.
„Ma muas rechnen mit drei, vier im Jahr. Manche machen’s dumm, die springen direkt ausm Fenster und liegen dann schwer verletzt im Blumentrog“, sagt Herr Ehrlich. Es gebe auch welche, die schafften es, auf die Windfänge der Stiegenaufgänge zu fallen. „Aber meistens endet es tödlich.“
Die Menschen sprängen allerdings nicht, weil sie vereinsamen würden in dem großen Haus. Oder weil sie die niedrigen Decken und langen Gänge nicht mehr aushielten, sondern wegen anderer Sachen. Ehrlich kennt das von den Wiener Linien, Stichwort Scheidungsopfer. „Der Großteil, der jetzt hupft, sind Altersverzweifelte“, sagt Herr Ehrlich, „viele vertragen den Lebensabend nicht.“
Die Fluktuation der Mieterschaft aber gehe trotzdem gegen null. 93 Prozent Wohnzufriedenheit attestierte das Forschungsinstitut SORA dem Wohnhaus. Eine meterlange Warteliste auf eine Wohnung attestiert Herr Ehrlich. Vier Jahre, bestätigt man bei der Baugesellschaft Gesiba.

„Heute wär a Utopie wie Alterlaa nicht mehr möglich“, sagt Herr Ehrlich. Zwar gilt seit Ende März eine neue, vom rot-grünen Stadtrat beschlossene Bauordnung: Zwei Drittel aller Wohnungen, die auf neu ausgewiesenen Bauflächen entstehen, müssen in die Kategorie „geförderter Wohnbau“ fallen. Pro Quadratmeter dürfen sie maximal fünf Euro Nettomiete kosten, nur ein Drittel der Wohnungen darf frei finanziert werden – ein Stinkefinger an Investoren und Spekulanten.
Würde der Wohnpark Alterlaa heute gebaut, müsste man den Mietern ihre Wohnung aber nach zehn Jahren zum Kauf anbieten. Diese verpflichtende Kaufoption gilt seit 1994 österreichweit. Im April haben FPÖ und ÖVP noch mal nachgeschärft: Künftig sollen Mieter („Österreicher zuerst“) schon nach fünf Jahren kaufen dürfen und das Angebot auch länger bestehen als bisher.
Der Tod einer progressiven Gemeinschaft, glaubt Julius Ehrlich. Irgendein Eigentümer lege doch immer ein Veto ein, wenn ein Lift erneuert oder in energiesparende LEDs investiert werden soll. „Ich bin ned wirklich a Linksradikaler“, sagt Herr Ehrlich. „Aber wenn mir einer mit Eigentum kommt, dann sag ich zu ihm: ‚Moch die Augen zua, dann waßt, wos dir g’hört.‘“
Dass der Wohnpark heute eine moderne Schließanlage hat und bald auch Ladestationen für Elektroautos, dass er eine eigene Müllpressanlage betreibt und mit dem Verkauf von Altstoffen Geld macht – all das sei nur möglich, weil Entscheidungen mehrheitsdemokratisch getroffen werden und sich „nicht nur ein paar Hansln scheren“.

Spielplatz zwischen Block A und Block B, spätnachmittags an einem Picknicktisch.
„Sie so zu mir: ‚Ihr Sohn darf hier nicht Roller fahren!‘ Und ich so zu ihr: ‚Sie dürfen hier auch nicht auf den Boden aschen‘“, erzählt Katrin, geboren in Block A, ihrer Nachbarin Sakera, geboren in Bangladesch. Die beiden kennen sich, seitdem Katrin letzten Sommer Sakera (gesprochen: Shakira) ein Kompliment für ihren Sari gemacht hat. Als sie sich ein Dreivierteljahr später auf dem Spielplatz wieder getroffen haben, es war zufällig Katrins Geburtstag, hat Sakera ihr einen ihrer Saris geschenkt. Seitdem sehen sie sich jede Woche. Katrin trägt eigentlich sportliche Sachen, verspiegelte Sonnenbrillen und die blondierten Haare unter einer Schildmütze, aber den Sari von Sakera zieht sie sogar in die Arbeit an.
„Jedenfalls, ich hab Frau Röser dann Folgendes angeboten: Wenn sie nicht mehr auf den Boden tschickt, dann hol ich den Bub auch vom Roller runter.“ Die Verkäuferin im Spielwarengeschäft hat ihrem Sohn später eine Spielzeugpistole geschenkt, und alles war wieder gut.
„Für junge Leute, die Single sind, isses unnötig hier“, sagt Katrin, „da hast echt keinen Auftrag.“ Die paar Lokale in der Gegend könne man „schmeißen“, und das Taxi vom Club nach Alterlaa kostet dreißig Euro. In ihren Zwanzigern ist sie deshalb ins Zentrum gezogen, ins Epizentrum sogar: Neubaugasse. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder zurückkommt.
Wenn man ein Kind ist oder welche hat, dann ist Alterlaa nämlich das Paradies, sagt Katrin. Ein All-inclusive-Club, in dem alle ein Auge aufeinander haben. In dem man seinen Freundinnen in Badeschlapfen über den Weg läuft, zufällig, aber verlässlich.
Wer in Berlin in eine Sozialwohnung ziehen will, darf nicht mehr als 16.800 Euro im Jahr verdienen, eine vierköpfige Familie maximal 26.600 Euro. In Wien liegt die Nettoeinkommensgrenze für Alleinstehende bei 46.450 Euro. Hat man einen Partner und zwei Kinder, sind auch 87.430 Euro okay.
So kommt es, dass in Alterlaa nicht nur Katrin und Sakera leben, sondern auch wohnen oder gewohnt haben: die Fußballlegenden Hans Krankl und Willy Kreuz, die Burgschauspieler Heinrich Schweiger und Walter Langer, der Ex-Rechnungshofpräsident Fiedler und die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Kirchschläger.
Verdient man irgendwann mehr, darf man trotzdem bleiben. Auf Julius Ehrlichs Tiefgaragenplatz stehen heute ein eigener und ein geleaster Porsche. Eingezogen ist er mit einem Einser-Golf und Krediten der Arbeiterkammer und der Stadt.
Wer in den Wohnpark ziehen will, muss einen Finanzierungsbeitrag leisten. Bei Auszug bekommt man ihn zurück, minus ein Prozent pro Jahr. Bei einer Siebzig-Quadratmeter-Wohnung liegt er zwischen 9.100 und 11.900 Euro. Die Warmmiete kostet zwischen 566 uns 616 Euro, je nach Block. Block A und B sind bereits abbezahlt.
Mit den Einnahmen werden neue Häuser gebaut und bestehende in Schuss gehalten. In Alterlaa entschied man sich für eine fest installierte Hausbetreuung, die auch nachts besetzt ist. Unter den fünfzig Mann sind Tischler, Schlosser und Gärtner, Maler, Lüftungstechniker und Installateure, die jedes ihrer Abflussrohre am Klang erkennen.

Block A, Stiege A1/A2, Parterre.
Wilhelm Anděl steht vor einem fleischfarbenen Fresko, elf Meter lang, fünf Meter hoch, und staunt. Seine Augen wandern von einem nackten Mann mit Kuhschwanz zu einem mit einer Pistole in der Hand. Oben links singt eine blonde Frau lasziv in ein Mikro, neben ihr sitzt ein Alkoholiker. Und in der Mitte bleibt gerade ein Sportler mit der Spitze seines Skis an einem Unfallopfer hängen.
„Alfred Hrdlicka“, sagt Wilhelm Anděl ehrfürchtig und schüttelt den Kopf. Auch nach drei Jahrzehnten kann er nicht glauben, dass hier ein echter Hrdlicka hängt. Und gegenüber mit „Einblicke in die Innereien des Hauses“ gleich noch einer.
Bis vor zehn Jahren, erklärt Anděl, war in Österreich Gesetz, dass ein Prozent der Baukosten von öffentlichen Gebäuden für Kunst verwendet wird, die sogenannte „Kunst am Bau“. In jeder der zwölf Eingangshallen hängen deshalb Werke von in den Siebzigern teils noch weniger, heute aber sehr bekannten Künstlern. Über den Wert der Werke will in Alterlaa niemand etwas sagen – sie sind unbewacht –, aber er dürfte in den siebenstelligen Bereich gehen.
Die ersten vier Künstler suchte Harry Glück aus, über die restlichen durften die Mieter entscheiden. „Mich interessieren besonders diese 4 Maler“ stand auf dem Coupon, den man bei der Information im Kaufpark abgeben sollte.
Früher war Wilhelm Anděl Informatiker bei der UN, heute hat er einen Blog und schreibt Essays für die „WAZ“, oft über die Kunstwerke in den Eingangshallen und das Leben ihrer Macher. In Bluejeans und Jerseyhemd führt er erzählend durch die Sammlung Alterlaas: Da ist Franz Zadrazil, dort Georg Eisler, hier Adolf Frohner und da Hans Staudacher. Die meisten Bilder sind mittlerweile hinter Glas. „Manchmal wird es so geschrieben, aber wir sind hier keine bessere Gesellschaft als anderswo“, sagt Anděl, „es sind genauso viele Spinner und Querulanten dabei.“
Die Führung endet in Anděls Wohnung in Block C, Stiege 6, sechster Stock.
Alle Wohnungen in Alterlaa sind standardmäßig mit Tapete verkleidet. Von der Raufaser in Anděls Wohnung ist aber nur mehr wenig zu sehen. „Das ist eine Lithografie von Euroart“, erklärt Anděl. „Diese walisische Landschaft hat meine erste Frau gemalt, die Schlange hier meine Tochter und das abstrakte Bild dort eine Mieterin nach dem Selbstmord ihres 25-jährigen Sohns.“
Die Werke an Anděls Wänden sind unterschiedlich groß und unterschiedlich laut, teils gerahmt, teils nicht. An manchen kann man sich nicht satt sehen, andere hat man schon beim Anschauen vergessen – eigentlich prädestiniert für eine Petersburger Hängung. Anděl hat sich aber bewusst dagegen entschieden: „Die Bilder hängen ja nicht zur Dekoration da. Ich möchte sie mir anschauen können, in Ruhe, jedes für sich.“ Er hat sich deshalb spezielle Schienen besorgt, wie man sie manchmal in Galerien sieht. Das Ausloten war nicht ganz einfach, und die Nylonfäden machten einen irre. Aber mit dem Ergebnis ist Anděl zufrieden: Jetzt hängen alle Bilder nebeneinander, in einer Linie, alle auf der exakt gleichen Höhe. Fast wie in einem Jahrbuch, Mieterschaft Alterlaa 1976 bis 2019.