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Wenn er hinter ihrem Stuhl steht, legt er seine Hände auf ihre Schultern. Morgens steht er als Erster auf und deckt für seine Frau den Frühstückstisch. Sie kocht gern aufwendig für ihn, eines seiner Lieblingsgerichte ist Zunge, und amüsiert sich über seine Angewohnheit, sich anschließend ein Schläfchen zu gönnen. „Ich könnte das nicht“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Er lächelt darüber, dass sie die Zeitung auf keinen Fall digital lesen möchte, sondern nur auf Papier.
Wenn Marion (79) und Jürgen Jonas (80) vom Alltag ihrer Beziehung erzählen, foppen sie einander. Sie sezieren die kleinen Macken des anderen, über die man hinwegsehen kann, solange die Liebe frisch ist.

Vor fast sechzig Jahren haben sich die beiden schon einmal ineinander verliebt. Anfang zwanzig waren sie, als sie sich auf einer Party kennenlernten. Zwei Jahre später heirateten sie, bei der Trauung war Marion bereits schwanger. In den ersten gemeinsamen Urlaub fuhren sie mit Marions Eltern, mit dem Auto durch ganz Frankreich bis an die spanische Costa Blanca. Als Hochzeitsgeschenk bekamen sie von ihren Eltern den Schlüssel für die erste gemeinsame Mietwohnung. Zwei Zimmer, ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Neben dem Ehebett stand das Kinderbettchen für den Sohn, schon ein Jahr später bekamen sie eine Tochter. „Wir waren so jung. Damals hat man die Kinder so nebenbei bekommen“, sagt Marion heute.
Die Ehe hielt dreizehn Jahre, wobei sie eher aneinander vorbei- als miteinander lebten. Marion blieb zu Hause, um sich um die Kinder zu kümmern, Jürgen machte sich als Architekt selbstständig und verschanzte sich fortan die meiste Zeit in seinem Arbeitszimmer. Irgendwann gingen beide fremd. „Du hast es öffentlich gemacht, während ich es heimlich gemacht habe“, erinnert sich Jürgen.
Damals suchte sie das Gespräch, er nicht. „Mein Mann wollte nicht mit mir darüber reden. Und früher hat man auch nicht so viel miteinander gesprochen wie heute“, sagt Marion. Als betrogener Mann die Ehe einfach weiterzuführen, das kam für Jürgen nicht infrage. „Altertümlich“ sei sein Verhalten damals gewesen, findet Jürgen. Heute wisse er es besser.
Anstatt sich mit ihren Eheproblemen auseinanderzusetzen, reichten sie die Scheidung ein. Marion zog aus, suchte sich eine eigene Wohnung und eine Arbeit. Erst als Dekorateurin und dann bis zur Rente, 27 Jahre lang, im Büro eines Kameraherstellers . Ihrem Geliebten, einem zwanzig Jahre älteren Mann, blieb sie treu, obwohl der seine Frau für sie nicht verlassen wollte. Nach dem Tod der Ehefrau hätte der Mann sie heiraten wollen, sagt Marion, doch da wollte sie nicht mehr. Die beiden blieben trotzdem bis zu seinem Tod zusammen.
Kurz vor der Scheidung einigten sich Marion und Jürgen, ihre Kinder aufs Internat zu schicken. Mit zwei Kindern hätte sie damals in den Siebzigern niemals Arbeit gefunden, erklärt Marion. „Und du hast eine Auszeit genommen. So war das doch, Schatzi“, sagt Jürgen. „Ja, ja, Schnäuzelchen“, gibt Marion zu.
Ohne die Kinder gab es für beide keinen Grund, einander zu sehen oder auch nur zu telefonieren. Jahrelang herrschte totale Funkstille.
Jürgen heiratete nach der Trennung noch zwei Mal. „Meine Zeit war ein bisschen wilder“, fasst er seine Jahrzehnte ohne Marion zusammen. Mit der ersten Frau ging es nicht lange gut, sie stritten sich ständig übers Geld. Die nächste Ehe hielt bis zum Tod der Frau. Nicht lange nachdem Marions Partner gestorben war, war auch Jürgen allein.
Als Jürgen nach dem Tod seiner dritten Frau mit seinem Sohn Urlaub auf Ibiza machte – er hatte sich dort in den Siebzigerjahren ein Ferienhaus gekauft –, redeten Vater und Sohn zum ersten Mal nächtelang miteinander. Und irgendwann fragte Jürgen vorsichtig, ob sein Sohn damit einverstanden wäre, wenn er sich mal bei der Mama melden würde. Das müsse sie entscheiden, antwortete der Sohn.
„Papa ist allein“, habe der Sohn zu ihr gesagt, erinnert sich Marion. „Ja und?“, gab sie zurück. Sie könne ja mal anrufen. Sie aber war skeptisch, so kurz nach der Beerdigung seiner Frau und ihres Partners und überhaupt: Nach so langer Zeit kannte sie ihren Ex-Mann doch überhaupt nicht mehr. An ihn gedacht habe sie nie viel, erinnert sie sich. Sie wollte nicht ihrem früheren Leben nachhängen, sondern neu beginnen. Darum der schnelle Auszug nach der Trennung, darum kein Kontakt über die Jahre. Sie habe nie ein Mensch sein wollen, der alten Dingen nachtrauert.
Doch nun insistierte auch noch ihre Schwiegertochter: Ruf doch mal an! Die beiden gerieten beinahe in Streit darüber, die Frau ihres Sohnes aber blieb hartnäckig. „Du rufst ihn jetzt an, und danach meldest du dich bitte noch einmal bei mir.“
„Also habe ich angerufen. Ich musste ja“, erzählt Marion. Aus dem geplanten kurzen Anruf wurde dann ein langes Gespräch. Nach so vielen Jahren hatten sich Marion und Jürgen plötzlich doch viel zu erzählen, es habe sich sehr vertraut angefühlt, sagen beide heute. Am Ende verabredeten sie sich zum Abendessen in einem Restaurant an der Elbe. „Kann ja nicht schiefgehen, wenn man sich auswärts trifft“, dachte sich Marion. Als sie ihrem Sohn von dem Telefonat erzählte, geriet sie fast ein wenig ins Schwärmen über ihren Ex-Mann.
Ein bisschen aufgeregt sei sie dann gewesen, als sie am Tag der Verabredung mit dem Auto beim Restaurant vorfuhr. Und da stand er auch schon: schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Jacke, graue Haare und einige Kilo mehr als früher. „Das kann er nicht sein“, dachte sich Marion in diesem Moment. Aber während des Essens kam das Vertraute zwischen ihnen zurück – und ein neues Gefühl: ein Kribbeln. Der Mann mit den grauen Haaren war immer noch so witzig und gesprächig wie vor sechzig Jahren, neu war, dass er jetzt aufmerksam zuhörte und sich um Marion bemühte. „Er ist ein ganz Lieber geworden“, sagt Marion. Und Jürgen ergänzt: Er habe sich schon damals in seine Frau verliebt, weil sie so eine Warmherzige sei. Das sei bis heute so.
Kaum betrat Marion nach dem Rendezvous ihre Wohnung, klingelte das Telefon.
„Man muss doch am Ball bleiben“, versucht Jürgen seinen damaligen Anruf zu erklären.
„Und am nächsten Morgen hast du gleich wieder angerufen.“
„Am Ball bleiben halt.“
„Erzähl keinen Quatsch. Du hast dich sehr bemüht“, sagt Marion.
„Klar , darum habe ich dir auch noch einmal einen Heiratsantrag gemacht.“
Kurz nach ihrem Wiedersehen zeigte er ihr seine Wohnung. Und sie lud ihn zum Essen in ihre Wohnung ein. Die beiden lernten sich wieder neu kennen und lieben – mit beachtlichem Tempo. Es dauerte nur wenige Wochen, bis Marion bei Jürgen eingezogen war. „Rate mal, wo ich bin“, ließ Marion ihren Sohn am Telefon zappeln, nachdem der einige Wochen nichts von seinen Eltern gehört hatte. Er sei dann doch etwas erstaunt gewesen, wie schnell die beiden wieder zueinanderfanden, erinnert sich der Sohn.
Schon im Frühjahr machten Marion und Jürgen gemeinsam Urlaub – in Jürgens Ferienhaus auf Ibiza. Dort machte er ihr später dann auch den Heiratsantrag. „Das war so niedlich und so schön, ich hätte fast geheult“, erzählt Marion.
Die zwei haben im August 2019 im kleinen Kreis geheiratet. Ganz spontan, den Termin hatten sie keine zwei Wochen vorher vereinbart, eine standesamtliche Trauung mit nur vier Gästen, hinterher Essen in einem Fischrestaurant. Kein Tamtam. „Wir hatten ja schon mal eine große Hochzeit gefeiert“, sagt Marion.

Sie seien heute gelassener miteinander als in ihrer ersten Ehe, darüber sind sich beide einig. „Eigentlich haben wir uns immer gut verstanden“, erinnert sich Marion an den ersten Versuch. „Aber wenn man jünger ist und dann irgendwas dazwischenkommt, denkt man gleich, die Welt geht unter.“ Heute sehen sie vieles weniger eng. Hauptsache, sie verstehen sich gut, Hauptsache, das Vertrauen ist da.
„Ich würde heute jedem raten, sich einen Partner zu suchen, dem er auf Augenhöhe begegnen kann“, sagt Marion. „Dieses Modell von früher, der Chefarzt, der die Krankenschwester heiratet, das wird meist nichts. Die Zeiten sind vorbei.“ Je älter man werde, desto weniger passe so etwas, findet sie. „Die Interessen müssen übereinstimmen, und man muss sich etwas zu erzählen haben“, sagt Jürgen. Nach dem Frühstück bleiben sie oft noch am großen Esstisch sitzen, von dem sie auf ihre Dachterrasse schauen können, und erzählen sich gegenseitig, was sie in den 42 Jahren ohne den anderen erlebt haben. Eine so lange Zeit aufzuarbeiten, das kann so schnell nicht langweilig werden.
„Wir haben ja nicht mehr viel Zeit“, sagt Marion.
„Zwanzig Jahre, Schatzi“, sagt Jürgen.
„Zwanzig Jahre, glaubst du, Schnäuzchen ?“, fragt Marion.
„Die hunderteins wollen wir schaffen. Schatzi, wir müssen uns anstrengen!“