Dieser Text ist aus:

NEWSLETTER? Haben wir!

Diese Mail willst du nicht missen (kommt auch nur alle drei Monate).

Ich möchte den Newsletter per E-Mail erhalten und habe die Datenschutzbestimmungen gelesen und akzeptiert.

Total geknickt

Man spricht nicht darüber, aber allein in Deutschland leiden mehr als eine Million Männer daran: Ihr Penis wird immer krummer und kürzer. Liegt es vielleicht am Mikroplastik in unseren Körpern?

Text: Hilmar Schmundt; Bild: Christine Gensheimer

Es klingt wie ein Albtraum. Die Schmerzen beginnen plötzlich, obwohl die körperlichen Veränderungen da schon ein Jahr zu spüren sein können: erbsengroße Knoten oder strangförmige Verhärtungen am Penisschaft – jede Erektion tut weh, das Glied schrumpft oder ist eingeschnürt wie eine Sanduhr. Teilweise verkrümmt es sich, bis es im rechten Winkel abknickt. Vierzig Prozent der Betroffenen kriegen keinen mehr hoch. Induratio penis plastica heißt diese Krankheit: Penisverkrümmung. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts kennt man sie in ihren schrägen Einzelheiten. „Heute sind mehr als zwei Millionen Männer in Deutschland betroffen“, schätzt der Männerarzt Hartmut Porst, der ehemalige Präsident der European Society for Sexual Medicine (ESSM). Besser bekannt ist er als „Penis-Papst“. 

Ist das noch eine Erektion oder schon eine Banane, ein Bumerang, ein Geodreieck oder einer, der im Verkehr falsch abgebogen ist? Derlei Zoten machen die Runde, nicht nur online. Jeder Lacher ist Gift, denn für viele Männer und ihre Liebsten ist der Leidensdruck erheblich: Paare trauen sich oft nicht zum Arzt, aus Angst, lächerlich gemacht zu werden. Erektion und Samenerguss klappen nicht recht. „Sie vermeiden deshalb häufig jegliche Intimitäten, was die Beziehung erheblich belastet“, sagt Arzt Hartmut Porst. „Bei nicht rechtzeitiger und fachgerechter Behandlung kommt es bei über der Hälfte der Betroffenen zu Depressionen. Einzelfälle enden sogar völlig verzweifelt im Suizid.“

Hirn, Lunge, Hoden: Plastik ist überall 

„Die heimliche Volkskrankheit der Männer“ nennt das „Berliner Ärztemagazin“ die Penisverkrümmung. Meist tritt sie zum ersten Mal im Alter zwischen vierzig und sechzig auf. Induratio penis plastica – ursprünglich hatte diese Fachbezeichnung nichts mit dem modernen Werkstoff zu tun, sondern bezog sich auf den griechischen Wortstamm plastikós: formbar. Doch neuerdings geraten auch Kunststoffe in den Verdacht, für den Plastikpenis mitverantwortlich zu sein, neben anderen Auslösern. Denn Mikroplastik lässt sich fast überall im menschlichen Körper nachweisen, in der Lunge, in der Plazenta, in Hoden und Hirn. Und natürlich in den gut durchbluteten Schwellkörpern des Gliedes. Chemische Verbindungen, feiner als ein Haar, aus Verpackungen, Textilien, Elektronik gelangen in Industrienationen mit jedem Atemzug, jedem Schluck, jeder Mahlzeit, jeder Berührung in den Körper. Lagern sie sich im Gewebe ein, so die Vermutung, könnten sie Entzündungen befeuern. Es kommt zu Vernarbungen, Plaques genannt.

Erektionsprobleme gehen oft einher mit besonders hohen Konzentrationen an mikroskopischen Plastikteilen in den Schwellkörpern, schrieben im März Forschende aus Shanghai im Fachjournal „iScience“. Bereits vor zwei Jahren hatte ein Team aus Miami sieben verschiedene Plastiksorten im Penisgewebe seiner Patienten gefunden, darunter Polyethylen und Polypropylen. Die Kunststoffpartikel waren zwischen 20 und 500 Mikrometer groß. Das entspricht einem Salzkorn oder dem Punkt hinter diesem Satz. Sonderlich gesund dürfte das nicht sein. Ob derlei salzkorngroße Plastikteile tatsächlich die Induratio penis plastica auslösen können, ist wissenschaftlich nicht klar bewiesen. Zum einen gab es das Leiden lange vor der Erfindung moderner Plastiksorten. Anderseits gibt es Hinweise, dass diese die Symptome zumindest verschlimmern: Bei Laborversuchen mit Ratten zum Beispiel führt Mikroplastik in hoher Dosierung zu Entzündungen, Vernarbungen und: Penisverkrümmung. Die ist ein uraltes Phänomen; sie taucht bereits auf Höhlenzeichnungen auf. Detailliert beschrieben wurde sie schon vor über 280 Jahren von François Gigot de la Peyronie, Leibarzt des französischen Königs Ludwig XV. „Wie ein Rosenkranz“ fühlten sich die Verhärtungen am Penisschaft an, schrieb der streng jesuitisch erzogene Militärarzt 1743. Die Heilung gelang de la Peyronie angeblich durch Waschungen mit Weihwasser und Quecksilber (don’t try this at home). „Peyronie’s Disease“ wird die ­Penisverkrümmung in der englischsprachigen Welt seitdem genannt. 

Trotz der langen Tradition ist die Forschung bis heute lückenhaft. Ungeklärt ist sogar die grundlegendste Frage: Wie viele Männer sind überhaupt betroffen – und werden es mehr? Schätzungen schwankten bislang zwischen 0,3 bis zwanzig Prozent, eine absurde Spanne. Nun pendeln sich Experten bei drei bis vier Prozent ein, so eine Studie im Journal „Sexual Medicine Reviews“ vom Mai. Die Dunkelziffer dürfte allerdings groß sein, weil das Thema immer noch in einem Bermudadreieck aus ­Machosprüchen, Tabus und Forschungsdefiziten driftet. 

Die Penisverkrümmung ist jedoch nur Teil einer umfassenderen Krise der Sexualgesundheit, deren Symptome oft zeitgleich auftreten: Fruchtbarkeitsprobleme wie Impotenz, niedrige Spermienqualität oder Hormonstörungen haben in den letzten dreißig Jahren um über siebzig Prozent zugenommen, stellte eine Studie 2023 fest. In Industrieländern dürfte jeder fünfte Mann an Erektionsproblemen leiden, schrieb auch die Fachzeitschrift „Reproductive Health“ 2022. Allerdings: Diese hohen Zahlen spiegeln zum Teil auch einfach das Altern der Gesellschaft wider. Nur fünf Prozent der jungen Männer betrifft die Lendenschlaffheit, bei Männern über siebzig ist es die Mehrheit. 

Mikroplastik könnte die demografische Krise noch verschärfen. Es steht im Verdacht, die Fruchtbarkeit vieler Tiere zu schädigen – von Austern über Mäuse bis zu Zebrafischen. Die Plastikpartikel gehen im Laborversuch einher mit mehr Erbgutschäden, niedriger Spermienqualität und Hormonstörungen. Warum sollte also ausgerechnet der Homo sapiens eine biologische Sonderstellung einnehmen, auch er ist zweifellos Teil des von ihm selbst ausgelösten Artensterbens auf dem Planeten. 

Über 400 Millionen Tonnen Plastik werden weltweit hergestellt pro Jahr. Hinzu kommen Reifenabrieb in der Luft und Textilfasern im Wasser. Wir bewegen uns durch eine Umwelt voll Plastik – und das Plastik bewegt sich durch uns, zum Beispiel als salzkorngroße Plastikpartikel in einem verbogenen Penis. Eine intime Körperfunktion als Teil der Weltpolitik, ganz persönlich und ungeheuer schmerzhaft für den Einzelnen, körperlich und seelisch.

Vieles davon allerdings ist spekulativ. Nehmen wir tatsächlich pro Woche fünf Gramm Mikroplastik auf, so viel wie eine Kreditkarte? Diese Mengenangabe geisterte 2022 durch die Medien, doch ist sie wohl stark übertrieben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt daher vor einer Mikroplastik-Panik: Es gebe „keine belastbaren Hinweise auf gesundheitliche Risiken für den Menschen.“ Nach dieser Argumentation führen vor allem feinere Messmethoden zu einem Scheinriesenproblem. Das ist keine Entwarnung. Sondern lediglich ein entschiedenes: Wir wissen es (noch) nicht!

Das zarte Geschlecht ist ein Mann

Aber wenden wir den Blick von den globalen und mikroskopischen Tatsachen zurück zum konkreten Problem zwischen den Beinen von mehr als einer Million Deutschen, dann zeigt sich: Mikroplastik ist eher ein Nebenschauplatz. Andere Risikofaktoren sind besser belegt. Und besser beeinflussbar: Altersbeschwerden wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Bindegewebsschwäche etwa. Auch die Vererbung spielt wohl eine Rolle, ebenso wie Mikroverletzungen durch Geschlechtsverkehr. Diese verhärten nach einer Entzündungsphase zu Plaques, ähnlich wie beim schmerzhaften Fersensporn. 

Frauen verfügen über ein ähnliches Schwellkörpersystem wie Männer, das sogenannte Corpus cavernosum, ein schwammartiges Gewebe, das bei Erregung­ ebenfalls stark durchblutet wird. Die Klitoris wird daher auch „weiblicher Penis“ genannt. Der aber ist weniger exponiert und weniger verletzungsanfällig als beim Mann. Denn die zwei männlichen Schwellkörper liegen außerhalb des Körpers, lediglich umhüllt von Bindegewebe, was sie empfindlich für Verletzungen und Umwelteinflüsse macht. Und: die Manneskraft zum zarten Geschlecht.

Diese Verletzlichkeit triggert Tabus, könnte aber ebenso gut als Vorteil gefeiert werden: Jeder kann den Bumerang zwischen den Beinen auf einen Blick erkennen. Das ist nicht peinlich, sondern großartig. Denn er ist gut sichtbar und gut behandelbar – je früher, desto besser: Reden ist Hoffnung, Schweigen ist Gift. Vielleicht können sogar derbe Pimmelwitze zu Aha-Erlebnissen führen statt ins Verstummen. Denn neue Behandlungsmethoden geben Hoffnung. Da sind Medikamente, die entweder geschluckt oder mit einer feinen Nadel direkt in das verhärtete Gewebe gespritzt werden, um es enzymatisch aufzuspalten. Für die akute Phase in den ersten anderthalb Jahren gibt es zudem ein ganzes Arsenal an mechanischen Penisstreckern. Auch kann die Stoßwellentherapie Plaques auflösen, ähnlich wie bei der Läuferferse. Und schließlich bleibt in der chronischen Phase noch das Herausoperieren des krankhaften Bindegewebes oder sogar ein Schwellkörperimplantat. 

Dreißig Grad Kurvenlage sind noch okay

Abwarten dagegen ist keine gute Idee, weil die Verkrümmung unbehandelt nur in dreizehn Prozent der Fälle wieder zurückgeht. Betroffene Paare sollten sich also schon bei ersten Anzeichen überwinden und ärztlichen Rat suchen. Dreißig Grad Kurvenlage gelten dabei noch als unproblematisch, alles darüber sollte lieber begutachtet werden. Peinlich, klar. Aber potenziell lebensrettend. Denn eine urologische Untersuchung berührt nicht nur die Sexualität, sondern weist weit über das Glied hinaus. Die ­empfindlichen Schwellkörper des Mannes sind ein Frühwarnsystem für weitaus tödlichere Krankheiten. „Eine Herzschwäche zum Beispiel kann durch eine Untersuchung locker fünf Jahre vor einem Herzinfarkt erkannt werden“, erklärt der Urologe Tobias Jäger, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG). Und fügt hinzu: „Der Penis ist die Antenne des Herzens.“  

Zum Heft

Mehr von DUMMY

Newsletter-Anmeldung

Gar nicht so schlecht, der Artikel, sagst du? Aber für ein Abo reicht die Kohle oder das Vertrauen nicht? Fair enough. Dann melde dich hier für den kostenlosen Newsletter an und lass dich vier Mal im Jahr darüber informieren, was wir so treiben.

Ich möchte den Newsletter per E-Mail erhalten und habe die Datenschutzbestimmungen gelesen und akzeptiert.