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Die Flatter machen
Warum wir gerade jetzt ein Heft über das Verschwinden machen
Von Natascha Roshani & Oliver Gehrs
Einfach mal in den Sack hauen, die Flatter machen, verduften, sich verdünnisieren: Fürs Verschwinden haben wir viele Begriffe, schließlich gehört der Fluchtreflex seit Urzeiten zum menschlichen Programm. Erstaunlich ist, dass sich die Gründe zum Abhauen über die Jahrtausende gar nicht so sehr geändert haben. Gut, vor wilden Tieren fliehen heute die wenigsten, aber Kriege, Vertreibung, Naturkatastrophen und Armut sorgen weiterhin dafür, dass weltweit Millionen Menschen ständig weglaufen müssen und ihr altes Leben im Tausch gegen maximale Unsicherheit verlieren.
Wenn Menschen verschwinden, hat das aber nicht nur dramatische Gründe, manchmal steckt auch einfach der Wille zu einem Neuanfang dahinter. Ein mutiges Abschütteln von Zwängen und Konventionen, der Beginn eines neuen Weges. Man sucht dann eben das Weite, um der Enge zu entfliehen. Im Kleinen machen wir das ständig, dann nämlich, wenn wir in den Urlaub fahren. In diesem Sommer vielleicht noch lieber als sonst, um all die Dauerkrisen und die schlechte Stimmung mal für eine Weile hinter uns zu lassen. Es riecht zurzeit ein wenig nach Eskapismus.
Und damit sind wir wieder bei der destruktiven Seite des Verschwindens, bei all den Leerstellen in der Gesellschaft, aber auch im Leben jedes Einzelnen. Wer schon mal von der großen Liebe verlassen wurde, wer den Verlust eines nahen Menschen zu verarbeiten hat, wer dauerhaft rätseln muss, was vermissten Angehörigen zugestoßen sein mag, der hat eine Ahnung von der seelenzerrüttenden Kraft des Nichtmehrvorhandenseins. Und die Stolpersteine auf deutschen Straßen erinnern uns jeden Tag daran, was und wer diesem Land fehlt, weil man einst im Rassenwahn eine ganze Kultur ausradiert hat.
Keine Sorge, dieses Heft widmet sich beileibe nicht nur den tragischen Dimensionen des Themas, sondern bemüht sich, es in möglichst vielen Facetten zu zeigen. Übrigens: Auch eine Zeitlang hinter einem Magazin zu verschwinden, kann äußerst erholsam sein.