Das Ende vom Glied

In Deutschland erkranken etwa 600 Männer im Jahr an Peniskrebs. Manchen von ihnen rettet nur eine Amputation das Leben

Von Christoph Cadenbach 

Manchmal träumt er vom Pinkeln: Seine Blase drückt, er muss ganz dringend, aber er findet einfach keine Toilette. Er sieht nur Bäume in seinem Traum. In diesem Moment wacht Wolfgang Brenner* dann auf, schlurft zum Klo und setzt sich. So einfach wie früher ist es nicht mehr. An den Baum stellen. Reißverschluss auf. Seit der Operation ist es kompliziert. 

Ein Reihenhaus in Kiel, roter Klinker außen, innen Antikholzmöbel. Wolfgang Brenner sitzt am Esstisch Ein Bär von einem Mann. 1,86 groß, 100 Kilo schwer, weißer Vollbart, breites Lachen. Seine Stimme klingt warm und sonor. Er war nie wirklich krank in seinem Leben. Bis zum Herbst 2003. 

Es fing mit einer kleinen Wölbung auf der Eichel an, wie ein Pickel unter der Haut. Brenner sah keinen Grund, zum Arzt zu rennen. Er ist Jahrgang 1940. Alles unterhalb der Gürtellinie ist „Schmuddelkram“, so haben seine Eltern ihn erzogen. Irgendwann konnte er dann nicht mehr die Vorhaut zurückschieben. 

„Ich hatte ´ne Phimose“, sagt er. Heute weiß Brenner, wie die Vorhautverengung von den Ärzten genannt wird. Keine schlimme Sache eigentlich, kann mit Salben oder einem einfachen chirurgischen Eingriff behandelt werden. Damals dachte Brenner aber: Zähne zusammenbeißen. Er hat 29 Jahre bei der Bundeswehr gedient. Berufssoldat. Marinefliegergeschwader 5. Erst Mechaniker, später Werkstattleiter. Wenn er mit seinen Kameraden über Frauen redete, sagten sie „Weiber“, das Fremdgehen hieß „Wildern“ und die Lärmschutzkopfhörer „Micky Mäuse“ die sich niemand aufsetzen wollte, auch wenn er bei laufenden Propellern an den Albatross- Motoren schraubte, einem Wasserflugzeug. „Wir waren Mordsmollys“, sagt er. Alles Haudegen. Unverwundbar. Stell dich nicht so an!. Im Sommer 2004 fing es dann zu bluten an. 

Brenner wurde eine Gewebeprobe entnommen. Diagnose: Peniskarzinom. Eine besondere Form des Hautkrebs auf der Eichel oder der Vorhaut.

„Und was bedeutet das?“, wollte Brenner vom Arzt wissen. 
„Wir müssen Ihnen den Penis abnehmen.“

Fragt man Wolfgang Brenner, wie es ihm heute damit geht, sagt er: „Ein Arm ab oder ein Bein wären doch schlimmer.“ Über seine Behinderung spricht er so locker wie über einen Bänderriss. Trotzdem hat er sich in den siebeneinhalb Jahren seit der Amputation kein einziges Mal die Schnittstelle im Spiegel angesehen. 

Krebs ist die häufigste Ursache, warum ein Mann seinen Penis verliert. Wobei häufig relativ ist: Etwa 600 Männer erkranken in Deutschland an einem Peniskarzinom im Jahr, allerdings müssen sich die wenigsten während der Behandlung einer Amputation unterziehen. Andere Ursachen wie Verkehrs- oder Sexunfälle kommen noch seltener vor. Wolfgang Brenner ist also ein ziemlich einsamer Fall. Und er ist nur einer von zwei Männern, die mit dem Reporterdarüber reden wollen. Wer seinen Penis verliert, gilt seit jeher als entmannt. 

Torben* träumt von einer Frau. Keine bestimmte, und auch nicht nachts im Schlaf. Es ist nur ein Gedanke, dem er fast jeden Tag nachhängt, sein sehnlichster Wunsch: endlich eine Beziehung zu haben. Sich zu verlieben. Geliebt zu werden. Aber wie soll das gehen, ohne das Ding da unten? 

Torben ist 20 und hat noch nie ein Mädchen geküsst. Dass er nicht mehr im Stehen pinkeln kann, ist sein geringstes Problem. 

In dem Video auf Youtube ist sein Gesicht mit einem schwarzweißen Filter verfremdet und seine Stimme künstlich verzerrt. Er trägt eine Sonnenbrille und eine Kapuze auf dem Kopf, von der spitze Wolfsohren abstehen. Wenn man das Video zum ersten Mal sieht, fragt man sich unweigerlich, ob das ein Witz oder ernst gemeint ist. „Hello everyone!“, sagt Torben auf Englisch mit deutschem Akzent. „In diesem Video werde ich euch erzählen, was mir passiert ist, als ich zwölf Jahre alt war und was mein Leben verändert hat.“ 

Vor acht Jahren erkrankte Torben an einem Fournier’schen Gangrän, einer bakteriellen Infektion im Genitalbereich, bei der die Haut am lebendigen Körper abstirbt. Sie entstand durch eine Vorhautverklebung, die sich entzündete. Die Infektion ist extrem selten – und tödlich. Torben wurde mit Fieber ins Krankenhaus eingeliefert und kann sich immer noch erinnern, wie aufgeregt die Ärzte waren. Dass sie ihm den Penis amputiert haben, hat er nie jemandem erzählt. 

Nicht in der Schule, in der er zwei Wochen gefehlt hat, nicht während seiner Ausbildung zum Webprogrammierer, nicht in seinem Büro. Nur seine Eltern wissen Bescheid, fragen aber schon lange nicht mehr, wie es ihm damit geht. Er will das nicht, schreibt er in einer E-Mail. Mails und Skype sind die einzigen Möglichkeiten, mit Torben zu kommunizieren, persönlich treffen möchte er sich nicht. 

Torben hat die meisten Verbindungen zur Welt gekappt, zumindest zu der Welt, in der er den Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnen muss. Er geht nicht in Cafés, nicht in Bars, ins Freibad und ins Fitnessstudio schon gar nicht. Er fährt nicht in den Urlaub und feiert keine Geburtstage. Mit seinen Arbeitskollegen redet er ausschließlich über die Arbeit. Torbens einziger Freund, dem er alles erzählt, ist das Internet. 

„Du bist ein ganz normaler Kerl, auch ohne Penis! :)“, hat ein Junge aus Finnland sein Youtube-Video kommentiert. 
„Ich wünsche mir sehr für dich dass du eine nette Frau findest, die sich in DICH verliebt & der du vertrauen kannst :)“, schreibt ein anderer.

Mehr als 10.000 Mal wurde das Video bisher angeschaut, seitdem Torben es im Oktober 2011 hochgeladen hat. Und kein einziger negativer, verletzender Kommentar. Torben hat noch ein paar andere Videos gedreht, die man nicht so leicht findet, wenn man bei Google etwas zum Thema Penisamputation sucht. In einem masturbiert er. Wie die meisten amputierten Männer hat auch Torben noch einen Penisstumpf. Er ist so kurz, dass er oberhalb der Hoden in einer Hautfalte verschwindet. Wenn Torben ihn reibt, kann er einen Orgasmus bekommen, es dauert nur länger, weil mit der Eichel auch der sensibelste Part des Penis fehlt. 

Sein Gesicht sieht man in dem Video natürlich nicht. Torben fühlt sich nur wohl in der Anonymität. So kann er sich ausprobieren, Reaktionen testen: „You look very sexy!“ „HOT HOT HOT!“. Es ist seine Art, Mut zu sammeln für die andere Welt, die vor seiner Tür. 

Im Januar 2012 schreibt er auf seiner Facebook-Seite: „Ich dachte nicht, dass ich das machen würde… In ein paar Minuten habe ich mein erstes Mal.“ 
Torben möchte Sex haben. Wenigstens das. Endlich einmal, so weit es geht. Die Prostituierte hatte ihm geantwortet, dass sie da „keine Berührungsängste hat“. 

Maik Naumann weiß nicht mehr, wie viele Penisse er in seinem Berufsleben schon gesehen hat. Er ist Urologe und deutschlandweit einer von drei Experten für die Behandlung von Peniskrebs. Wolfgang Brenner ist sein Patient, er sieht ihn regelmäßig zur Kontrolle, in einem der fensterlosen Untersuchungsräume der Uni-Klinik Kiel. 

Naumann nimmt pro Jahr etwa zehn bis zwölf neue Patienten mit Peniskrebs auf, wobei die Ursachen für diese Erkrankung noch immer unklar sind. Das Alter spielt eine Rolle: Die meisten Betroffenen sind wie Brenner älter als 60 Jahre. Es gibt wohl auch eine Verbindung zu einer Infektionen mit Humanen Papilloma-Viren, die bei Männern auch für harmlosere Geschlechtskrankheiten wie Feigwarzen verantwortlich sind. Auch mangelnde Hygiene kann ein Auslöser sein, wenn sich unter der Vorhaut Talg ablagert, das sogenannte Smegma. In manchen südamerikanischen Ländern erkranken prozentual fünf Mal mehr Menschen an Peniskrebs als in Deutschland. In muslimischen Ländern, in denen die Männer beschnitten sind, kommt Peniskrebs dagegen fast nie vor.

Die meisten seiner Patienten kann Naumann „organerhaltend“ behandeln, das heißt den Tumor oberflächlich herausschneiden, ähnlich wie bei einem Muttermal. In seinen sieben Jahren an der Uni-Klinik musste er nur fünf Penisse fast vollständig amputieren, weil zu viel Gewebe vom Krebs befallen war. „Natürlich läuft es einem da kalt den Rücken runter“. Naumann ist 37, sieht aber jünger aus, glattrasiert, durchdringender Blick, ein wenig wie Benno Führmann. Er hat den ganzen Tag mit Prostata, Blase, Niere zu tun, spricht mit Männern über ihre Impotenz. Aber einen Penis abschneiden ist etwas anderes, als eine Niere entnehmen. 

Naumann zieht einen Stift aus der Brusttasche seines weißen Kittels und zeichnet einen Querschnitt des männlichen Organs. Den größten Teil des Penis’ machen die beiden Schwellkörper aus, die wie zwei Lungenflügel aneinander liegen. An ihrer Unterseite verläuft die Harnröhre. Bei einer Penektomie, so der medizinische Fachbegriff für eine Penisamputation, kommt es darauf an, wie viel vom Organ entfernt werden muss. Bei einer vollständigen Amputation wird die Wunde direkt am Körper verschlossen und ein künstlicher Harnröhrenausgang unter den Hodensack gelegt. Bleibt nach dem Schnitt dagegen noch ein Penisstumpf, wie bei Torben, belassen die Ärzte die Harnröhre in diesem Stumpf und vernähen nur die offene Wunde. Das Ergebnis ähnelt einem Penis, dessen Eichel von der Vorhaut bedeckt ist, diese falsche Vorhaut lässt sich jedoch nicht mehr zurückziehen. 

„Die Operation ist technisch nicht besonders anspruchsvoll“, sagt Naumann. „Das Schwierige ist das Psychologische.“ Er hat schon Patienten erlebt, die trotz der lebensbedrohlichen Krebsdiagnose nicht zur Operation erschienen sind, nachdem sie erfahren hatten, was genau passieren sollte. 

Als Wolfgang Brenner nach der Operation aus der Narkose aufgewachte, musste er „heulen wir ein Schlosshund“. Aus Erleichterung, sagt er. „Ich war erstmal froh, überlebt zu haben.“ Drei seiner Kameraden aus der Flugzeugwerkstatt sind in den letzten Jahren an Krebs gestorben. Bei Peniskrebs aber sind die Heilungschancen sehr groß, wenn man sich für eine Amputation entscheidet. Deshalb ist Peniskrebs „einer der Guten unter den Bösen“, sagt der Urologe Maik Naumann. „Gefährlich ist es nur, wenn der Krebs bereits gestreut hat und die Lymphknoten in der Leiste befallen hat.” 

Brenner macht heute Witze über seinen Verlust. „Euern Weibern werde ich ja nicht mehr gefährlich“, scherzt er manchmal, wenn er sich mit den übrig gebliebenen Freunden vom Marinefliegergeschwader trifft. Sie wissen Bescheid, Brenner hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, nicht wie Torben die Verbindungen zur Welt gekappt. Er geht noch aus, fährt mit seiner Frau in den Urlaub. Brenner ist zum zweiten Mal verheiratet, den Heiratsantrag hat er seiner Frau im Krankenhaus kurz vor seiner OP gemacht. Sie waren schon Jahre zusammen, aber nun sollte es amtlich sein, damit sie abgesichert ist, falls ihm etwas passiert, aber auch als Liebesbeweis. Nur intim geworden sind sie seitdem nicht mehr. 

„Ich vergleich das immer mit dem Schmöken“, sagt Brenner. „Früher hab ich geschmökt wie ein Weltmeister und auch heute noch hätte ich manchmal Lust auf ein Pfeifchen. Aber die Lust vergeht auch wieder.“ Brenner hat sich den Sex abgewöhnt wie das Rauchen. Vor kurzem hat er einen Anruf von Maik Naumann bekommen. Sein Urologe wollte ihm sagen, dass er nach siebeneinhalb Jahren nun endgültig als geheilt gilt vom Krebs. 

Die Prostituierte klingelt gegen 23 Uhr an Torbens Tür. Sie nennt sich Janina. Torben bekommt kaum ein „Hallo“ heraus. „Selbst der Blickkontakt fiel mir schwer“, schreibt er später. 

Janina sagt, er solle sich einfach ausziehen, hinlegen und entspannen. Sie mache das schon. 

Torbens intimster Moment in seinem Leben war in der zehnten Klasse. Eine Schulfreundin hatte sich in ihn verguckt. In den Pausen setzte sie sich neben ihn, sie redeten über Filme und ihre gemeinsame Lieblingsserie „Stargate“, irgendwann fragte sie, ob er nicht mit ins Kino kommen will.

Sie sahen „Das Parfüm“ und sie legte ihren Arm um ihn. „Die Situation war einerseits schön, andererseits wurde sie immer beunruhigender“, schreibt er. „Ich war irgendwie hin- und hergerissen. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Sie gab mir einen Kuss auf die Wange, das verunsicherte mich sehre. Ich war nicht in der Lage, darauf zu reagieren und blieb verkrampft bis zum Ende des Films sitzen. Als wir rausgingen, fragte sie, ob irgendwas mit mir los ist. Ich hab da aber schon völlig blockiert und nur gesagt: Och ne… ist nichts.“ Getroffen haben sie sich danach nicht mehr.

Torben hat nie gelernt, über sein Problem zu sprechen, eine Psychotherapie wollte er nicht, „die können mir auch nicht helfen“. 

Janina, die Prostituierte, versucht es mit der Hand, mit dem Mund, aber Torben ist zu nervös, um etwas zu spüren. Nach einer halben Stunde steht sie auf und verabschiedet sich: „Das war bestimmt nur die Aufregung“, sagt sie. „Du kannst dich ja melden und dann versuchen wir es noch mal.“ Aber auf seine Anrufe wird sie später nicht mehr reagieren. 

Fragt man Torben, ob er lieber ein anderes Körperteil verloren hätte, antwortet er: „Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ein Bein vielleicht, aber nur bis zum Knie.“ Torben macht keine Witze, er hat seinen Verlust nicht akzeptiert. Seine Hoffnung liegt vor allem in der Medizin, die ihm irgendwann vielleicht helfen kannmit einem künstlichen Penis, der sich anfühlt, wie ein echter. 

Bisher ist das Ärzten nur bedingt möglich. In der plastischen Chirurgie nutzt man Eigenhaut aus dem Unterarm, um einen künstlichen Penis zu modellieren. In diese Röhre aus Haut werden zwei Silikonzylinder eingesetzt, künstliche Schwellkörper, die man über eine kleine Pumpe bedienen muss, die unter die Haut an der Leiste eingenäht wird. Für eine Erektion muss man drücken. Mechanik statt Magie.

Torben schreibt, er wolle so einen „Frankenstein-Penis«“ nicht. Auch keine Penistransplantation, wie Ärzte es einmal in China versucht haben. Dem Opfer eines Autounfalls wurde da der Penis von einem Toten angenäht. Nach zwei Wochen und einem Nervenzusammenbruch ließ er sich das fremde Organ wieder entfernen. Torben hofft auf etwas anderes, die Stammzellenforschung, die ihm irgendwann seinen Penis, seinen eigenen Penis, aus einer Zelle herauswachsen lassen kann. Es ist Science-Fiction, Phantasie.

Das Wolfskostüm, das er im Youtube-Video trägt, ist aus dem Kinderbuch Wo die wilden Kerle wohnen. Ein kleiner Junge zieht es da an und träumt sich in eine unglaubliche Welt. Eine Welt, in der ein König ist. 

* Namen von der Redaktion geändert

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