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Alle wollen jetzt Beef

In der Beziehung, der Politik, den Sozialen Medien: Überall fliegen die Fetzen, leider zu oft ohne Erkenntnisgewinn. Der Philosoph David Lanius erklärt, was guten Streit ausmacht

Interview: Chris Tomas; Bilder; Marcel Maffei

Herr Lanius, warum streiten wir Menschen überhaupt?

Menschen sind soziale Wesen, und Streit ist notwendig, weil beim Zusammenleben Konflikte entstehen. Die Frage ist: Wie lösen wir sie auf? Streit ist da eine der besseren Methoden. Zwar ist das Wort negativ konnotiert. Denn es beschreibt eine plumpe Auseinandersetzung, bei der man sich eher anschreit als mit Argumenten Gehör verschafft. Doch dass wir versuchen, Konflikte verbal zu lösen und nicht durch Gewalt, ist schon eine zivilisatorische Errungenschaft. 

Und wo liegen die Konfliktlinien im Zusammenleben? 

Entweder geht es um Interessen oder um Wahrheiten. Manchmal streiten wir, weil wir unsere eigenen Interessen durchsetzen wollen oder die unserer sozialen Gruppe. Und manchmal, weil wir eine bestimmte Weltanschauung haben, die wir für die einzig wahre halten. Das kann sogar losgelöst sein von den eigenen Interessen. In der Wissenschaft beispielsweise setzen wir uns darüber auseinander, ob eine Theorie wahr oder falsch ist. Im Privaten geht es darum: Wer trägt heute den Müll raus? Soll das Kind das Zimmer aufräumen oder nicht? In gesellschaftlichen Debatten diskutieren wir über Ressourcenverteilung, also wie viel Geld welche politischen Projekte oder welche sozialen Gruppen bekommen. 

Warum streitet man auch mit Menschen, die man liebt? 

Gerade mit uns nahen Menschen ergeben sich besonders häufig Reibungspunkte und dadurch mehr Konfliktpotenzial. Wir müssen unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen in Übereinstimmung bringen oder zumindest Kompromisse finden. Im besten Fall können wir durch Streit einen Sachverhalt, eine andere Person und uns selbst besser verstehen. Im Gespräch klären wir bestimmte Umstände, tauschen Meinungen aus und erkennen Perspektiven, die wir vorher vielleicht nicht hatten. Am Ende können wir uns einig und emotional nähergekommen sein, weil wir etwas über die andere Person gelernt haben, uns besser in sie hineinversetzen können. 

Und welche Nachteile hat Streit?

Läuft die Auseinandersetzung schlecht, kann es passieren, dass wir uns emotional voneinander entfernen. Wir lernen nichts über die andere Person oder eine Sache, haben noch weniger Verständnis, und die Fronten verhärten sich. Im schlimmsten Fall droht Verlust – wenn der andere sagt: Jetzt habe ich keinen Bock mehr auf dich. Das ist auch ein Grund, warum viele von uns Streit mit nahen Menschen lieber vermeiden. Das Risiko ist höher. Mit jemandem, den wir nicht so gut kennen, kann man potenziell besser streiten, weil man nicht so viel zu verlieren hat.

Wie streite ich richtig?

Einerseits muss ich klar äußern, worum es geht, denn manchmal überlagern sich Problemfelder. Augenscheinlich geht es um den Müll, aber dahinter verbirgt sich ein größerer Konflikt, zum Beispiel wer wie viel für die andere Person tut. Andererseits muss ich aufzeigen, weshalb ich eine bestimmte Position vertrete. Dass wir uns nicht nur Meinungen um die Ohren werfen, sondern Argumente vorbringen – und uns auch auf die Argumente des Gegenübers einlassen. Grundsätzlich sollten wir im Streit sachlich bleiben und nicht vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Und dabei offene Fragen stellen und zuhören. Oft hören wir nur scheinbar zu und denken, während das Gegenüber noch spricht, schon an die eigene Replik. Gibt es überzeugende Argumente, dürfen wir sie nicht einfach abstreiten oder ignorieren, sondern sollten unsere Meinung anpassen. 

Was muss passieren, damit ein Streit aus dem Ruder läuft? 

Die Frage ist: Mit welchem Ziel gehe ich in einen Streit rein? Wenn ich nur meine Wut abladen oder mein Gegenüber beleidigen will, wird es schwierig, das Ruder noch mal herumzureißen. Ich sollte mir überlegen, was ich erreichen will. Der Klassiker: Der Onkel vertritt auf der Familienfeier extreme Positionen. Statt ihn vom Gegenteil überzeugen zu wollen oder ihn vorzuführen, könnte ich versuchen, seine Gründe zu verstehen. Trotz verhärteter Fronten gibt es häufig viele geteilte Überzeugungen. Auf die kann ich mich konzentrieren. Denn wenn ich jemanden auf eine gute Weise beeinflussen möchte, muss ich bei den Gemeinsamkeiten anfangen. 

In gesellschaftlichen Debatten hat man oft den Eindruck, dass sich weniger gestritten als mehr aneinander vorbeigeredet wird. Stimmt das?

Der Eindruck täuscht nicht. Es ist ein bisschen wie im Theater. In Parlamenten oder in Talkshows findet selten echter Meinungsaustausch statt. Stattdessen wird performt, und es werden Argumente vorgebracht, die vorher etliche Male durchgespielt wurden. Auf Argumente der anderen Seite wird nicht eingegangen. Das wäre mit einem Gesichtsverlust verbunden oder könnte Schwächen offenlegen.

Aber eigentlich sind wir uns ja in vielen gesellschaftlichen Fragen mehr oder weniger einig. Dennoch wird ständig von der Spaltung der Gesellschaft gesprochen. Warum?

In vielen gesellschaftlichen Fragen existiert ein breiter Konsens. Das belegen Studien. Aber es ist unattraktiv, über Konsens zu sprechen. Medienakteure und Politiker gewinnen dabei nichts. Natürlich gibt es durchaus Risse in der Gesellschaft, an denen Meinungen aufeinanderprallen. Auf diese Konfliktlinien stürzt sich die Öffentlichkeit und macht sie größer, als sie sind. Zudem nutzen einige politische Gruppen das Bild der gespaltenen Gesellschaft strategisch, um die Gegenseite zu delegitimieren, sich selbst gegen Kritik zu immunisieren und um Debatten zu moralisieren. So trägt die Rede von der Spaltung der Gesellschaft zur Spaltung bei. Dieses Narrativ könnte sich letztlich selbst verwirklichen. 

Warum lassen sich Menschen von Themen wie beispielsweise Gendern überhaupt so stark triggern? 

Ich vermute, es wirkt wie eine Bevormundung. Dass elitär wahrgenommene Zirkel sagen, man solle jetzt so reden. Das impliziert den Vorwurf: Wer nicht gendert, grenzt andere aus und verhält sich unmoralisch. Das wird als Angriff wahrgenommen, der eine emotionale Reaktion triggert: Ich will aber reden können, wie ich möchte! Dagegen muss ich mich wehren! Doch eigentlich steht hinter dieser Diskussion eine wichtige gesellschaftliche Debatte. Darüber, wie gerecht wir zu unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind und wie wir mit Minderheiten umgehen. Das sind zentrale Fragen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft – die allerdings sehr groß sind. Also thematisiert man diese Fragen nicht. Stattdessen tauchen sie als emotionale Trigger in der politischen Debatte übers Gendern wieder auf. 

Statt miteinander ins Gespräch zu kommen, werden auf Social Media Konflikte und Lagerdenken geschürt

Oft lässt man Menschen mit anderer Meinung gar nicht zu Wort kommen. Stichwort: Cancel Culture. Ist das ein neues Phänomen?

Abweichende Meinungen haben wir schon immer sanktioniert. Früher hat man Menschen exkommuniziert oder als Ketzer gebrandmarkt, es gab Berufsverbote. Auch Zensur ist nichts Neues. Das war alles schon immer da – nur äußert es sich jetzt anders. In den digitalen Medien können Sanktionen sehr einfach und schnell verhängt werden. Dort werden Empörungsdynamiken in Gang gesetzt, die innerhalb weniger Stunden eskalieren und dazu führen können, dass sich die Stimmung aufheizt und dass sie reale, häufig irreversible Konsequenzen für jemanden haben, bevor geklärt ist, ob diese Sanktionen überhaupt gerechtfertigt sind. 

Woran liegt es, dass der Streit im Digitalen so verkümmert?

Die Sozialen Netzwerke wurden – trotz ihres Namens – nicht dafür programmiert, dass Menschen sich sozial näherkommen. Dort geht es um Aufmerksamkeit, Interaktion, Klicks. Die Folge: Wer gehört werden will, sichtbar sein will, „Erfolg“ haben will, muss eskalieren. Und das funktioniert besser, wenn man sich nicht an soziale Normen oder die Wahrheit hält. Statt miteinander ins Gespräch zu kommen, werden Konflikte und Lagerdenken geschürt. Das eine Lager versucht, gegen das andere Lager zu polarisieren und die eigenen Leute zu mobilisieren. KI verstärkt das Problem. Empörungsspiralen entstehen nicht nur, weil sich Menschen wirklich empören – es gibt auch inszenierte Empörungsspiralen, die nicht von Menschen, sondern von Bots angeheizt werden. 

Lässt sich eine neue Streitkultur etablieren, gerade auch im Digitalen?

Da bin ich etwas pessimistisch. Gegen die Logiken der Sozialen Medien kommen wir als Individuen nicht an. Wenn wir einen Sachverhalt verstehen oder Argumente bewerten wollen, brauchen wir Zeit, Aufmerksamkeit und Ruhe. Das ist in den Sozialen Medien nicht gegeben. Ohne echte Regulierung geht es also nicht. Leider gibt es jedoch zu viele politische Akteure, die daran kein Interesse haben. Zudem häufen sich die Indizien, dass Jugendliche und junge Erwachsene aufgrund der Nutzung digitaler Medien eine geringere Aufmerksamkeitsspanne haben als noch vor zwanzig Jahren. Dadurch verlieren wir Fähigkeiten, die wir für einen guten Streit dringend bräuchten. Wir müssten massiv in Bildung investieren und dabei Medienkompetenz nicht als bloße Technikkompetenz, sondern als umfassende Diskurskompetenz begreifen.

David Lanius beschäftigt sich damit, wie wir Konflikte lösen – und wie nicht. Er arbeitet heute als Assistenzprofessor für Praktische Philosophie und Philosophiedidaktik an der Universität Salzburg und ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Forums für Streitkultur

Unser Bilder: Ab und zu müssen die Aggressionen raus, aber bitte nicht so, dass die Mitmenschen leiden. Dann lieber am Punchingball auf dem Rummelplatz, diesem herrlichen Überbleibsel aus seligen Kirmestagen, als es noch nicht der dreifache Looping sein musste. Also nicht lange fackeln und dem Ding ordentlich eine verpassen – so wie es die jungen Männer auf den Bildern des Fotografen Marcel Maffei tun.

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