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Der nette Herr Schneider
Meine beste Freundin war dreizehn, als unser Sportlehrer sie sexuell bedrängte. Interessiert hat das damals niemanden. Heute leider auch nicht
Von Silvia Silko; Illustration: Davide Zocca
Mein Klassenlehrer bot mir das „Du“ an. Das war kurz nach der Jahrtausendwende, ich war sechzehn Jahre alt, völlig perplex und nannte ihn trotzdem weiter Herr Peters*. Anselm zu sagen, fühlte sich damals falsch an – und auch heute noch, 22 Jahre später. Autoritätspersonen duzt man halt nicht. Aber bei Herrn Peters gibt es noch einen anderen Grund.
Der Geruch der Mädchenumkleidekabine meiner Schule war speziell: eine Mischung aus Schweiß und dem Deo „Vanilla Kiss“ von Impulse. Wir waren dreizehn und bettelten unsere Eltern um die Hüfthosen von Miss Sixty an. Unser modisches Vorbild war Britney Spears, die in ihrem Video „Baby One More Time“ männliche Schulmädchenfantasien und weibliche Unsicherheiten bediente. In den Schulpausen lästerten wir über unsere Mütter, die uns vor Nierenentzündungen warnten, weil wir bauchfrei herumliefen, und versteckten uns hinter der Turnhalle, um unsere allererste Zigarette zu rauchen. Wir vertrauten einander an, in welche Jungs wir verliebt waren, ohne uns vorstellen zu können, dass aus der Schwärmerei je mehr werden könnte. Einen Jungen zu küssen, da waren meine beste Freundin Sabrina und ich uns einig, fanden wir jedenfalls „total eklig!“. Zu Hause spielte ich mit meiner kleinen Schwester mit Barbies und las Abenteuerromane.
Zu den ersten Lektionen für uns Heranwachsende gehörte es, dass es für Mädchen und Frauen nichts Schlimmeres gab, als zu viel zu wiegen – natürlich fanden wir uns alle zu dick. Also meldeten wir uns bei der Mädchen-Volleyball-AG an, ehrenamtlich geleitet von Herrn Schneider. Er war gleichzeitig unser Sport- und Mathelehrer, sein Spitzname war „Einstein“ wegen seines wirren grauen Haars.
„Was meinst du, warum Herr Schneider immer sagt, wir sollen uns alle kürzere Shorts anziehen?“
„Was meinst du, warum Herr Schneider immer sagt, wir sollen uns alle kürzere Shorts anziehen?“, fragte mich Sabrina eines Tages. Ich verstand gar nicht, worauf sie hinauswollte. „Vielleicht, damit wir uns besser bewegen können beim Volleyball?“, versuchte ich ihr zu erklären. Schnell wechselten wir das Thema. Und doch fing ich an, die Situation beim Volleyball genauer zu beobachten: Herr Schneider stand beim Training immer viel näher an Sabrina als nötig, schien mir. Nach dem Sport, wenn wir anderen uns schon auf den Weg nach Hause machten, rief er sie zu sich, um „noch mal was zu besprechen“.
Ich traute mich nicht, Sabrina zu fragen, was das zwischen ihr und Herrn Schneider bedeutete. Irgendwann erzählte sie es von sich aus und fing dabei sofort an zu weinen. Herr Schneider habe sie immer wieder in seinem kleinen, dunklen Lehrerkabuff angefasst und geküsst. Er habe sich an ihr gerieben und ihr gesagt, dass er sich freue, dass sie bald vierzehn Jahre werden würde. Das Alter, ab dem es angeblich nicht mehr strafbar für ihn wäre, Sex mit ihr zu haben. Mir wurde schlecht, und ich blieb stumm, fing auch an zu weinen. Vielleicht, weil ich einfach nicht wusste, was ich sagen sollte.
Trotz Sabrinas Geständnis ging ich weiter zum Volleyball, hielt aber Abstand zu Herrn Schneider. Im Matheunterricht stand er an der Tafel, und ich stellte mir vor, wie er seinen hageren, alternden Körper an Sabrina drückt. Auf dem Schulhof hieß es irgendwann, Herr Schneider würde kleine Mädchen mögen.
Einmal fragte ich Sabrina, warum sie Herrn Schneider keine Abfuhr erteilt habe. Sie wisse es auch nicht, antwortete sie mir. Es habe einfach so angefangen, und erst habe es sich auch ganz okay angefühlt, dann aber wurde es „immer schrecklicher“.
Ich musste Sabrina schwören, dass ich mit niemandem über sie und Herrn Schneider reden würde – doch wenig später schon brach ich mein Versprechen. Ich bat unseren Klassenlehrer Herrn Peters um ein Gespräch und erzählte ihm, was ich wusste. Er reagierte geschockt und versicherte mir, sich kümmern zu wollen. Ich hatte eine Bombe gezündet und wartete die nächsten Wochen mit Bauchschmerzen darauf, dass sie hochgehen würde. Dass Eltern in die Schule zitiert würden, dass die Polizei uns Schülerinnen vernehmen würde – und Herr Schneider, dieser widerliche alte Sack, büßen müsste. Und dann passierte: nichts.
Damals konnte ich es kaum fassen, doch über die Jahre verblasste die Erinnerung daran, was an meiner Schule passiert war. Bis zur Me-too-Debatte. Plötzlich fragte ich mich: Warum hat sich niemand gekümmert? Und vor allem: Hat unser Klassenlehrer Herr Peters nach unserem Gespräch irgendwas unternommen? Die Frage wollte nicht mehr aus meinem Kopf, und ich wusste, dass es nur einen einzigen Menschen gab, der sie beantworten konnte.
Herr Peters wohnt in meiner Heimatstadt, in einer ruhigen Gegend. Ein Einfamilienhaus, holzvertäfelte Wohnzimmerwände, Streuselkuchen zum Filterkaffee. Vor meinem Besuch hatte ich ihm gemailt, dass ich über meine damals beste Freundin Sabrina sprechen möchte. „Darüber, was zwischen ihr und unserem Sportlehrer passiert ist“, schrieb ich in meiner Mail. Kurz danach ärgerte ich mich über meine Formulierung. Es klang, als wäre es ein Unfall gewesen.
Beschwerden und Gerüchte über Herrn Schneider gab es jahrelang immer wieder. Er habe übrigens bis zur Rente an der Schule unterrichtet
Nach all den Jahren als Lehrer scheint Herr Peters die Nase voll zu haben von seinem Job. Er schimpft viel, die Schüler, die Lehrpläne, das Kultusministerium. Ich höre nur halb zu. Schnell spreche ich ihn auf Sabrina an, frage ihn, ob er sich erinnern kann. Kann er. „Das mit ihr und Herrn Schneider?“ Ich nicke. Ob er damals nach unserem Gespräch etwas unternommen habe, frage ich ihn, und warum nichts passiert sei. „Weißt du, wenn ich eins gelernt habe in den vielen Jahren an der Schule, dann, dass junge Mädchen sich oft die kühnsten Sachen ausdenken. Sie wollen Aufmerksamkeit und haben eine blühende Fantasie“, sagt er energisch. „Aber wäre es nicht zumindest gut gewesen, mal nachzuforschen?“, hake ich nach. „Du weißt ja nicht, was solche Anschuldigungen für einen Rattenschwanz nach sich ziehen. Da macht man doch ein Riesenfass auf! Und oft, wenn es hart auf hart kommt, will niemand mehr reden, und dann wäre ich der Gelackmeierte. Oder Herr Schneider ist unschuldig, und man sieht sich weiter im Lehrerzimmer. Das ist alles sehr kompliziert.“ Klar, sagt er, hätte er das damals ernster nehmen können. Aber dann hätte er ja ständig zur Schulleiterin rennen müssen. Beschwerden und Gerüchte über Herrn Schneider gab es jahrelang immer wieder. Er habe übrigens bis zur Rente an der Schule unterrichtet.
Lange habe ich überlegt, ob ich mich auch bei Sabrina melden soll. Beste Freundinnen waren wir schon zum Ende der Schulzeit nicht mehr, danach brach unser Kontakt ganz ab. Über Umwege bekommt sie meine Nachricht. Ich schreibe, dass ich an einem Artikel arbeite. Sie antwortet knapp und eindeutig: Sie möchte nicht mit mir reden – und ich bohre nicht weiter nach. Sie hat das Recht, mit ihrer Geschichte so umzugehen, wie sie es für richtig hält.
Habe ich das gleiche Recht wie Sabrina? Auch wenn es in dieser Geschichte um den sexuellen Missbrauch eines anderen Menschen geht, ist es ja auch meine Geschichte. Ich stand Sabrina damals sehr nahe, ich hatte Angst um sie. Das Ganze hat auch mit mir etwas gemacht: Damals war ich davon überzeugt, dass die Erwachsenen eingeschaltet werden müssten, damit sie uns beschützen könnten, weil wir ja noch Kinder waren. Und ich habe erlebt, wie diese Hoffnung enttäuscht wurde. Wie mein Vertrauen in Erwachsene litt.
Das hat mich geprägt. Meine Kindheit war vorbei, als ich verstand, dass meine Wahrheit anscheinend nicht zählt. Auch nach diesem Erlebnis musste ich immer wieder lernen: dass Männer einander schützen. Dass Frauen nicht geglaubt wird. Dass ein Täter wie Herr Schneider nicht allein agiert, sondern von einem System aus Schweigen und Wegschauen profitiert. Dass eine Frau keine unbequemen Nachfragen und Konfrontationen wert ist. Dass wir Frauen allein sind, wenn wir laut werden. Bis heute wurde das, was ich damals verinnerlicht habe, nicht revidiert. Und da soll noch jemand sagen, dass man in der Schule nichts fürs Leben lernt.