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Stein oder nicht Stein

Eben war er noch da, jetzt ist er weg. Oder doch nicht? Der Oktopus ist ein Meister des Verschwindens, entweder durch Tarnung oder durch Flucht. Unsere Autorin ist ihm hinterhergetaucht

Von Svenja Beller; Foto: Alexey Masily

„We would sing and dance around / Because we know we can’t be found“ – Wir würden singen und umhertanzen, weil wir wissen, dass wir nicht gefunden werden können, singt Ringo Starr in „Octopus’s Garden“. Der Beatles-Song klingt in mir nach, während ich auf einem Tauchgang vor der Küste Portugals nun schon eine halbe Stunde nach den achtarmigen Meistern der Tarnung suche. Zwischen den Algen, in den Spalten, unter den Felsen – nichts. Dann ein Stein, auf den ersten Blick wie jeder andere, bis auf die zwei Augen. Als er spürt, dass ich ihn bemerkt habe, schwebt er auf und legt seine Tarnung ab –­ 

als sei sie ein Mantel, den er nun nicht mehr braucht. Geschmeidig schwimmt er davon, seine Arme wehen wie Haare im Wind. Ich folge ihm, aber da ist er natürlich längst unsichtbar – zu einer Koralle, Alge oder einem Sandhügel geworden, wer weiß das schon –,und ich wünsche mir so sehr, ich könnte das auch.

Der menschliche Traum vom Verschwinden ist natürlich älter als „Harry Potter“ (der Tarnumhang!) von 1997, älter als „Der Herr der Ringe“ (der Ring!) von 1954, ja noch viel älter als „Der Unsichtbare“ (die Chemikalien!) von 1897. Die erste Unsichtbarkeitsfantasie spann Platon 380 nach Christus: Im „Ring des Gyges“ findet ein Hirte nach einem Erdbeben einen Ring an einem toten Riesen. Als er ihn ansteckt, wird er unsichtbar. Daraufhin verführt er die Königin, ermordet den König und reißt die Macht an sich – denn unsichtbar scheint alles möglich.

Weil es aber so einen Ring im echten Leben nicht gibt, brauchen wir andere Tricks. Und was läge da näher, als sich an einem Tier zu orientieren, das mit seinen rund 400 Millionen Jahren zu den ersten intelligenten Wesen auf dem Planeten zählte und so gut verschwinden kann wie kein anderes?

Kraken sind mit ihren Verwandten, den Sepien und Kalmaren, die klügsten Weichtiere. Sie sind in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Die meiste Zeit ihres kurzen Lebens – oft werden Kraken nur zwei bis vier Jahre alt – sind sie allein und versuchen, gegen ihre zahlreichen Fressfeinde anzukämpfen. Dafür entwickelten sie ausgeklügelte, faszinierende Fähigkeiten. Mit ihrer Haut können sie Helligkeitsunterschiede wahrnehmen, bei Gefahr schwarze Wolken aus ihrem Tintenbeutel versprühen und mit ihren mehreren Tausend Saugnäpfen schmecken und riechen – und das bis zu einer Entfernung von dreißig Metern. Außerdem können sie mit ihren Saugnäpfen eine Zugkraft entwickeln, die dem Zehnfachen ihres Körpergewichts entspricht. Der Großteil ihrer rund 500 Millionen Neuronen sitzt nicht im Gehirn, sondern in ihren acht Armen. Stark vereinfacht heißt es deswegen oft, Oktopusse haben nicht nur ein zentrales, sondern zusammen mit ihren Armen neun Gehirne (und obendrauf auch drei Herzen).

Die Krakenarme sind also wahre Wunderwerkzeuge, die bei Verletzungen sogar nachwachsen und sich auch unabhängig von dem zentralen Gehirn eigenmächtig bewegen können – ebenso wie ihre Haut. Und das führt uns zu ihrem ersten Kunststück.

Fähigkeit Nr. 1: Tarnen

Oktopusse können innerhalb von Sekundenbruchteilen Farbe und Struktur ihrer Haut verändern – dank dreier Schichten: Zuoberst liegen die Chromatophoren, das sind mit Pigmenten gefüllte elastische Säcke. Ziehen Kraken ihre Muskeln zusammen, dehnen sich die Säcke aus und enthüllen leuchtend rote, braune oder gelbe Pigmente. Entspannen sie ihre Muskeln, ziehen sich die Säcke wieder zusammen. Darunter liegen die Iridophoren, sie können ein Spektrum funkelnder Töne reflektieren und funktionieren im Prinzip wie Seifenblasen: Wenn der Seifenfilm (also die Iridophore) sehr dünn ist, reflektiert er kürzere Wellenlängen (wie blaues Licht); wenn er dicker ist, längere Wellenlängen (wie Gelb und Rot). Mit ihnen können die Oktopusse sogar polarisiertes Licht reflektieren, das wir Menschen nicht sehen können, dafür aber manche ihrer Fressfeinde. Unter dem Seifenfilm liegen die Leucophoren, als „weiße Flecken“ reflektieren sie das gesamte Licht aus der Umgebung.

Obwohl wir die Haut der Oktopusse so weit verstehen, verstehen wir sie noch nicht genug, um sie nachbauen zu können. Das hält uns aber nicht davon ab, zu versuchen, Teile von ihr zu rekonstruieren: beispielsweise das rot-braun-gelbe Pigment in der obersten Hautschicht der Kraken. Forschenden von der University of California in San Diego ist es jetzt gelungen, dieses farbwechselnde Pigment mithilfe von Gentechnik zu produzieren. Interesse daran hat die Kosmetikindustrie – das Pigment könnte sich offenbar als Sonnenschutzmittel eignen. Und das US-Verteidigungsministerium, denn je tarnfähiger eine Armee, desto besser.

Fähigkeit Nr. 2: Imitieren

Kraken verschwinden also nicht wirklich, sie sind nur sehr gut darin, wie etwas anderes auszusehen. Und dazu gehört es nicht nur, Farben zu imitieren, sondern auch Textur. Die önnen Oktopusse mit ihren Papillen verändern – das sind Hauterhebungen, die sie mittels Muskelkontraktion beliebig ein- und ausstülpen können. Ein bisschen lässt sich das mit unserer Gänsehaut vergleichen, die wir allerdings nicht steuern können. Mithilfe­ ihrer Papillen aber können Oktopusse blitzschnell zwischen der rauen Struktur einer­ Koralle, der glatten Oberfläche eines Steins oder der Unebenheit des Sandbodens wechseln.

Das würde das Militär natürlich auch gern können, weshalb die Armee und die Luftwaffe der USA in die Entwicklung eines netzartigen Materials auf Silikonbasis investieren: Durch den Einsatz künstlicher Muskeln lässt sich dieses Material bis zu 700 Prozent dehnen und in beliebige Formen bringen. Forschende imitierten damit 2017 – ganz nach Oktopus-Art – Steine und Pflanzen. Die Hoffnung des Militärs ist, dies mit der Fähigkeit zu kombinieren, die Farbe wechseln zu können – und damit dann Menschen, Autos oder sogar ganze Gebäude zu verstecken. Die Verheißung der Unsichtbarkeit scheint in greifbare Nähe zu rücken.

Einige Krakenarten – es gibt mehr als 300 verschiedene – „verschwinden“ übrigens, indem sie andere Tiere mitsamt ihrem Verhalten imitieren. Der Versierteste in diesem Täuschungsspiel ist der Karnevalstintenfisch. Er lebt auf kargen und sandigen Meeresböden im tropischen Indo-­Westpazifik. Dort sind die Versteckmöglichkeiten rar, die Zahl von gefährlichen Fressfeinden hingegen groß. Also imitiert der Karnevalstintenfisch andere, zumeist giftige Tiere. Manchmal zieht er seine Arme blattförmig zusammen und wiegt sich im Wasser wie ein Plattfisch, manchmal streckt er die Arme von sich wie ein giftiger Feuerfisch, und manchmal verkriecht er sich in einem Loch und streckt zwei Arme in entgegengesetzte Richtungen wie die Gelblippen-Seeschlange. Und eine Seeanemone imitiert er auf einem Sandhügel sitzend und die Arme zickzackförmig in die Höhe streckend, eine Qualle dagegen mit gewellten Armen zu Boden sinkend.

Der „Kokosnuss-Oktopus“ hat sich noch eine andere Taktik zum Verschwinden ausgedacht: Er trägt immerzu zwei Kokosnusshälften mit sich herum, in die er bei Gefahr hineinschlüpft und die er dann blitzschnell zuklappt – zack, weg ist er! Und wenn all das nicht wirkt, hilft nur noch die Flucht. Das führt uns zu einer weiteren Kraken-Eigenart.

Fähigkeit Nr. 3: Quetschen

Oktopusse nehmen den Namen­ ihres Tierstamms „Weichtiere“ sehr ernst. Alles an ihnen ist weich, das einzig wirklich unveränderbar Feste­ ist ihr Hornschnabel, der an den gebogenen Schnabel eines Papageien erinnert. Er und ihre Augäpfel sind die limitierenden Körperteile, wenn es darum geht, wie klein sie sich machen können. Alles andere an ihnen ist form-, dehn- und wendbar. Das macht die Kraken zu talentierten Ausbruchskünstlern, beinahe jedes Aquarium auf der ganzen Welt kann davon berichten. Kein Spalt und kein Röhrchen ist ihnen zu klein.

Das National Aquarium of New Zealand meldete im Jahr 2016, dass Oktopus Inky sich durch einen kleinen Spalt an der Oberseite seines Tanks gezwängt hatte, sich fallen gelassen und etwa drei Meter über den Boden geschlittert war, um dann ein mehr als dreißig Meter langes Abflussrohr hinunterzugleiten und in die nahe gelegene Meeresbucht zu gelangen. Einige Jahre zuvor hatte Oktopus Sid aus einem anderen neuseeländischen Aquarium Berühmtheit erlangt, weil er mehrfach ausbrach, sich bei seinem letzten Versuch in einem Abflussrohr versteckt hatte – und schließlich freigelassen wurde. Und Henry Lee, Direktor des Aquariums in Brighton, Großbritannien, berichtete schon 1875 von einem Oktopus, der offenbar jede Nacht aus seinem Becken ausbrach, um im Nachbarbecken Fische zu jagen.

Das Wesen der Kraken ist also ein mehr als flüchtiges. Und wenn wir Menschen nach den Meistern des Verschwindens suchen, sind sie längst geflohen und zu Steinen, Algen oder Korallen geworden. Vielleicht werden sie singen oder leise kichern, während wir weiter nichts ahnend um sie herumtauchen. 

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