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Nimm das, linksgrün versifftes Restdeutschland!

Wie durchgeknallt viele Menschen in Sachsen-Anhalt sind, wissen wir nun. Ein bisschen konnte man es schon beim großen Redneck-Treffen im Harz sehen

Von Alex Raack; Fotos: Florian Müller

Wie friedlich es hier oben ist, einige Höhenmeter vom Festivalgelände entfernt neben dem Flugplatz Ballenstedt, wo doch unten Sodom und Gomorrha herrschen. Hier am nordöstlichen Rand des Harzes erhebt sich die sogenannte Teufelsmauer, eine Sandstein-Felsformation mit Aussichtsplattform. Der Nachthimmel ist voller Stars und auch ein paar Stripes, das dürfte den gut 6.000 tanzenden und grölenden Menschen da unten gefallen. 

Der Legende nach wollte der Teufel das Harzgebirge für sich haben, aber Gott wollte es ihm nur geben, wenn er in einer einzigen Nacht eine Mauer drum herum bauen würde – noch ehe der erste Hahn kräht. Doch eine Bäuerin stolperte kurz vor dem Morgengrauen auf dem Weg zum Markt, ihr zu verkaufender Hahn fing vor Schreck an zu krähen, der Teufel verlor die Wette und schmiss vor Wut seinen letzten Stein gegen das fast fertige Bauwerk, das einstürzte und heute die zerklüftete Steinformation ist.Gottes Wette und Teufels Beitrag. Was für eine passende Geschichte, wo unterhalb der Mauer gerade die Hölle los ist.

„Keep it Redneck, du Fotze“

Willkommen beim Tail­gate-Festival, einem inzwischen zum zehnten Mal stattfindenden Treffen der sogenannten German Rednecks, einer Bewegung, die innerhalb von wenigen Jahren Tausende Menschen für die romantisierte Idee der US-amerikanischen Hillbilly-Vorbilder begeistert hat. Grob runtergebrochen besteht diese Idee aus monströsen Autos, viel Bier, Grillfleisch, lauter Musik, Dorfjugend-Revival, Cowboyklamotten und, ja, wie auch in den USA, aus zumeist weißer Arbeiterklasse, die mit aufgedrehtem Zapfhahn und getunten V8-Motoren der vermeintlich spießigen und woken Durchschnittskultur den Mittelfinger zeigt. Oder um es mit den Worten der Festivalmacher zu sagen: „Keep it Redneck, du Fotze.“

Nun wäre es ein Leichtes, als Nichtmitglied dieser Szene, als vermeintlich woker Durchschnittsjournalist, der die Existenz eines verchromten Dodge-Ram-Trucks ebenso überflüssig findet wie die auf dem Tailgate-Festival inflationären Phallussymbole oder das riesige Schlammloch, durch das erwachsene Menschen voller Freude ihre umgebauten Vehikel jagen, ebendiese Szene und ihr großes Klassentreffen abzuurteilen, lächerlich zu machen, mit mahnendem Finger auf die in diesen Zeiten so gnadenlos spürbare CO²-Erhöhung hinzuweisen. Auch nahelie­gend, die fast schon sakrale Unterwerfung vor dieser ach so uramerikanischen Niedrigschwellig-Partykultur zu kritisieren, irritiert zu sein von der Vielzahl an Südstaatenflaggen, einer Spendenaktion für US-Veteranen in Zeiten der Trump’schen Kriegslust, die doch unter anderem dafür gesorgt hat, dass die Betankung der hier zur Schau gestellten PS-Monster so schweineteuer geworden ist. 

Schockiert zu sein von so vielen Menschen, die einen Beobachter mit solchen Bedenken nur zu gern schocken würden. Aber das wäre dann doch ein bisschen zu billig. 

Irgendetwas muss die Besucherinnen (von denen es erstaunlich viele gibt) und Besucher an dieser Mischung aus schreienden Motoren, Country-Rap, Pulled Pork und bierseligem Simplizissimus faszinieren. Sonst hätten sie doch nicht extra für diesen Tag ihre Rasenmäh­trecker und Vollbärte frisiert und die Fläche unterhalb der Teufelsmauer in einen nach verbranntem Gummi und Dosenbier riechenden Schmelztiegel verwandelt. Der vereint zu sehr später Stunde auf bizarre Art Mad Max, sachsen-anhaltinische Dorfjugend-Ästhetik, ein außer Kontrolle geratenes Tuner-Treffen und eine Wahlkampfparty für Donald Trump miteinander. 

Also rein in das Getümmel, rein in den Wahnsinn. Das schreibende Nichtmitglied wird begrüßt von zwei Jungs in einem selbst gebauten Pool auf vier Rädern, einst ein solider Opel, jetzt – natürlich – der „Pussy-Waggon“. 

Auch wenn weit und breit keine Vagina zu sehen ist (mal abgesehen von der Plastik­muschi am anderen Ende des Festivals, aus der man Likör zapfen kann). Auf Knopfdruck erscheint im Heck des Pussy-Waggons ein Kasten Bier, im  Tankdeckel ist ein Duschkopf versteckt. „Haben unsere Alten gebaut, als sie besoffen waren“, erklären die Boys und sind dann doch viel höflicher und freundlicher, als man es von zwei alkoholisierten Halbstarken in einem Opel-Pussy-Pool erwarten würde. Dieses Phänomen wird einem auf dem Tailgate häufiger begegnen: völlig übertrieben zur Schau gestellte Macho-Männlichkeit, selbst ernannte „Assis“ mit Stars and Stripes über dem Tarnzelt, sonnenbebrillte Menschen, die grimmig ihr Getränk umklammern und sich über den Hubraum ihres Kraftfahrzeugs definieren – und dann doch im Gespräch fast die Fürsorge von Kita-Erziehern ausstrahlen. 

Weniger Outlaws also als Misfits, die hier eine Zuflucht finden, um sich angemessen zu besaufen

Maurice aus Essen schaut nicht grimmig, er trägt nicht mal eine Sonnenbrille, dafür nimmt er sich Zeit zu erklären, was ihn und seine Jungs – allesamt Baumpfleger aus dem Westen des Landes – nun schon zum wiederholten Male in den Harz geführt hat: „Autos, Saufen – abends Konzert.“ Wie so viele andere hier wurde Maurice auf dem Dorf sozialisiert: „Wir haben Scheiße gebaut, sind besoffen mit dem Auto über den Acker gefahren.“ Dem 23-Jährigen gefällt, wie die Leute hier sind: „Alle bekloppt, aber geil.“  Den Riesen-Pick-up von  Kollege Marvin haben die Baumpfleger übrigens schon im Sauerland abschleppen lassen müssen, inklusive Mini-Motorrädern und motorisierten Kettcars auf der Ladefläche. Bittere Ironie der Geschichte: Da fährt man zu einem Festival, um Motoren und Metall zu schrotten, und der leistungsstärkste von allen gibt einfach nach ein paar Kilometern den Geist auf. 

Mike hat 36 Jahre mehr Lebenserfahrung als Maurice auf dem Buckel, und obwohl er gerade erst wach geworden ist und man ihm den ersten Festivaltag ansieht, fasst er zusammen, wonach der nach Tiefgang gierende Reporter gesucht hat, seit er die ersten Runden über diesen Prollzirkus gedreht hat: „Ich glaube, dass hier auch viele Menschen hinkommen, die nicht überall reinpassen, in der Redneck-Community aber herzlich aufgenommen werden.“ Weniger Outlaws also als Misfits, die hier eine Zuflucht finden, um sich angemessen zu besaufen, den Militär-Hummer vorm Nachbarzelt zu bewundern, mit Gummidildos nach Festivalgästen zu werfen oder sich über Aufkleber am Heck des Jeeps aus Halberstadt zu beömmeln: „KEIN BABY ON BOARD. ICH MACHE NUR ANAL.“

Provokation und Grenzüberschreitung als Zeichen der Zusammengehörigkeit? Kennt man aus anderen Subkulturen. Punks oder Fußballfans machen ja nichts anderes. Aber nicht so. Hier auf dem Festival leuchten die Augen nicht nur bei der Pyroshow, sondern auch bei einem Schwanzvergleich der ganz besonderen Art. Auf dem Gelände hat eine Gruppe gereifter Männer ihr Lager aufgeschlagen, deren ganzes Tun darin besteht, Reifen von Motorrädern so lange durchdrehen zu lassen, bis sie in einer toxischen Gummiwolke den Geist aufgeben. Das verursacht einen Höllenlärm, der nur noch durch das gigantische Ofenrohr des Trucks auf der gegenüberliegenden Seite getoppt werden kann. Und so stehen sie da, Männer in ihren späten Vierzigern, die ein paar anwesende Rotnacken verzücken, indem sie immer und immer wieder die Drehzahl nach oben schießen lassen. So muss sich die Hölle für Lastenradfahrer anhören, was vielleicht auch der Sinn und Zweck der Aktion ist. 

Als man später, oben auf der Aussichtsplattform der Teufelswand, mit Tailgate-Besucher Jens eine Kippe teilt und ihn in diesem so besinnlichen Moment der Ruhe nach der Faszination für schreiende Motoren fragt, zieht Jens an seiner Zigarette und sagt: „Das ist einfach saugeil. Wenn ich könnte, würde ich mich jeden Morgen davon wecken lassen.“

Alles unpolitisch … Tattoos und T-Shirts mit Reichsadler konnte man trotzdem beobachten

Dafür ist Jens wahrlich am richtigen Ort. Als das Camp am nächsten Tag erwacht, röhren die Maschinen schon vorfreudig, und die Gemeinde rollt – die Heckklappen (= tailgates) vollgepackt mit Bikini-Girls und Tattoo-Boys – den nahen Hügel hinauf, wo eines der Highlights des Festivals wartet. Mit Baggern und Kränen wurde hier ein riesiges Schlammloch ausgehoben, auch das eine Kopie der verehrten Vorbilder aus den USA, wo das „Mud Bogging“ für Sehnsucht nach Freiheit und Sprengung der bürgerlichen Konventionen steht. Motorisiert durch den Matsch ballern, klar, das geht nur hier. Die Faszination erschließt sich dem Reporter jedoch selbst dann nicht, als bereits zum sechsten Mal ein Kleinwagen-Cowboy unter lautem Gejohle von einem Abschleppwagen des Technischen Hil­fs­werks aus der Pampe befreit werden muss. Und auch nicht, als der Verantwortliche für den ganzen Wahnsinn hier – German-Redneck-Gründervater Anthony Abrantes – in seiner auf Truckreifen hoch­gebockten Stretchlimo wie der Imperator von Rom durch den Schlamm gleitet, getragen vom Jubel seiner glücksbesoffenen Gemeinde. 

Während also alle paar Minuten ein Vehikel versucht, den Schlamm zu durchqueren, sich abenteuerlustige Männer und Frauen in einen danebenliegenden Tümpel stürzen, die Sonne am Himmel über der teuflischen Mauer herabbrennt, zieht sich Julia vom Orga-Team den Strohhut noch etwas tiefer ins Gesicht. Die 25-Jährige lebt in München, weit entfernt von diesem Schlammloch. „Ich habe Freundinnen, die dieses Festival niemals betreten würden“, sagt Julia und erzählt davon, wie sie im Allgäu aufwuchs und in der Schule gemobbt wurde für ihr vermeintlich burschikoses Wesen, „allein schon für den Akzent vom Dorf“. Wie sie dann vor einigen Jahren auf diese Szene stieß, die zwar Freiheit mit „Guns, Titties and Beer“ verbindet, dafür aber ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt – auch für diejenigen, die es nicht immer einfach hatten, eine Gemeinschaft zu finden. 

Julia findet dafür den schönsten Satz des Wochenendes, und mit ein bisschen Glück tauschen die Rednecks den bald ein gegen ihre ganze Pussy-Waggon-/Fotzen-/Kiss-my-Country-Ass-Rhetorik: „Das ist wie ein Zuhause, von dem man noch nicht wusste, dass man es gesucht hat.“

Was bleibt von dieser Kulturschockerfahrung namens Tailgate alias Freizeitpark der German Rednecks? Natürlich die vielen Fragen im Kopf, was Titties, Bier und hochfrisierte Karren mit Freiheit zu tun haben in einer Welt, die auch von der menschlichen Sehnsucht nach Pferdestärken und ungezügelten Express-yourself-Vibes zugrunde gerichtet wird. 

Während Maurice und Mike durch den Schlamm gebrettert sind, sich Jens von V8-Motoren hat wach küssen lassen, ein Festival-Main-Act wie die „Krawallbrüder“ ins Mikro gebrüllt hat: „Und wenn die Welt an uns zerbricht, dann werden wir in Flammen stehen“, hat es fünfzig Autominuten vom Flugplatz entfernt tatsächlich gebrannt. Fragen bleiben auch deshalb, weil die Grenzen zwischen verkappter Über-Maskulinität und Rechtsaußen-Rhetorik manchmal schnell verschwimmen können. Selbst wenn sich die Veranstalter „ausdrücklich von jeder politischen oder ideologischen Vereinnahmung sowie von extremistischen, diskriminierenden, rassistischen, fremdenfeindlichen, menschenverachtenden und Hass oder Gewalt verherr­lichenden, fördernden oder unterstützenden Inhalten und Handlungen“ distanzieren – Tattoos und T-Shirts mit Reichsadler konnte man trotzdem beobachten. 

Es bleibt aber auch der Eindruck einer Bewegung, die in all ihrer verschlammten Outlaw-Brachial-Romantik eine Daseinsberechtigung hat, weil ganz offensichtlich immer mehr Menschen von dieser Spielart der Spaßkultur und Freiheitsfindung angezogen werden. Alles kann, nichts muss einem daran gefallen.  

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