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Kann nicht wahr sein
Von Natascha Roshani & Oliver Gehrs; Foto: Soham Gupta
Preis-Schock, Heizungs-Schock, PISA-Schock, Umfrage-Schock – die Boulevardpresse kennt unzählige Spielarten unseres Themas. Natürlich nur in Großbuchstaben: SCHOCK!!! Die manische Beschwörung des emotionalen Ausnahmezustands gehört zum festen Instrumentarium der Medien, um Auflagen zu steigern und Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Allzu oft ist das Aus-allen-Wolken-Fallen deplatziert. Denn vieles von dem, was uns als Horror verkauft wird, ist selbst verschuldet und eher das logische Ergebnis von Ignoranz und ideologischer Verbohrtheit. Die Hitzewelle etwa muss niemanden überraschen, Wissenschaftler haben dieses Szenarium seit
Langem vorhergesagt. Und vor allem: Man hätte gegensteuern können (und kann es immer noch). Auch der Aufstieg des Rechtspopulismus kommt nicht aus heiterem Himmel. Er ist das Ergebnis von vielen politischen Entscheidungen, die wir unterlassen
haben – von der fehlenden Regulierung menschenfeindlicher Techkonzerne über gescheiterte Integrationsbemühungen bis zur
allgegenwärtigen Akzeptanz krasser Ungleichheit.
Zum echten Schock gehört immer der Moment der Überraschung, das plötzliche Hereinbrechen befremdlicher Geschehnisse. Und was die Menschen in früheren Zeiten so alles entsetzt hat,
interessiert heute kein Schwein mehr. So tauchten in den Fünfziger-jahren junge Männer mit langen Haaren auf und bescherten den spießigen Nachkriegsdeutschen Schnappatmung. Halb nackte Frauen oder Homosexuelle im Film lösten Skandale aus. Später, Anfang der Achtzigerjahre, provozierten Punker mit Sicherheitsnadeln im Ohr und ostentativer Leistungsverweigerung. Was uns schockt, ist immer auch verbunden mit der Zeit und ihren jeweiligen gesellschaftlichen Konventionen.
Die spannende Frage ist ja eh, wie man mit Schockmomenten umgeht. Lässt man sich völlig aus der Bahn werfen, oder werden ungeahnte Widerstandskräfte aktiviert? Lehren
uns solche Erlebnisse Demut, oder denkt man paralysiert: Das kann doch nicht wahr sein? Schon mit einem gewissen Abstand erlebt man oft, dass Menschen sich an (fast) alles, was das Leben bereithält, gewöhnen können – und in den allermeisten Fällen
die Welt doch nicht untergeht.