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N° 89 Wunder

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Die Brüste der anderen

Mit ihrem Buch „Single Mom Supper Club“ ist Jacinta Nandi auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Einige Archetypen aus dem Buch finden sich schon in diesem herrlichen Text über neidische Expats in Neukölln

»Ich bin überhaupt kein neidischer Mensch«, sagt meine Freundin Dani, die gerade arbeitslos geworden ist. Sie ist Britin und kommt aus einer »guten« Familie – na ja, was heißt gut? Ihr Vater ist Alkoholiker, ihre Mama, seine zweite Frau, die zunächst seine Sekretärin war, zwanzig Jahre jünger als er. Aber sie haben Geld, und Danielle ging auf eine teure Privatschule. Und das bedeutet für uns Briten, dass die Familie irgendwie »gut« sein muss. Hauptsache, man zahlt Geld für die Schule. 

Dani ist meine älteste Freundin in Berlin – und manchmal denke ich, dass ich sie hasse. Sie hat dünne, sehr dünne Beine und riesengroße Titten, und wenn sie durch Berlin läuft, kriegt sie so viele Telefonnummern, wie es Männer auf der Straße gibt. Und: Ab und zu labert sie rassistische Kackscheiße.

Das nervt auch. Fast so doll wie ihre schönen Melonenbrüste.

»Ich bin auch nicht neidisch«, sage ich zu Dani. Wer gibt es auch zu, ein neidischer Mensch zu sein? Wer gibt es zu, das Gefühl Neid zu kennen?

»Ich bin extrem neidisch«, sagt unser Kumpel Roger. Roger ist Danis bester Freund, seit fünf Jahren in Deutschland. Trotzdem kann er kein Deutsch und hat auch nicht vor, die Sprache zu lernen. Arbeitet als Sprachlehrer und wohnt in einer superbilligen Wohnung. »Wenn ich sehe, wie die Wichser aus meinem alten Internat jetzt alle supererfolgreich geworden sind, könnte ich vor Neid platzen! Sie haben alle so tolle Jobs! Das kotzt mich an. Ich habe fast der Hälfte der BBC- und der Guardian-Redaktion irgendwann mal einen unter der Dusche geblasen, sage ich euch. Und was mache ich heute? Ich unterrichte dicke dumme Deutsche für zwölf Euro die Stunde.«

Manchmal ist es gut, dass man auf einer staatlichen Schule war, denke ich mir. Alle Mädchen, mit denen ich zur Schule ging, leben von Sozialhilfe oder Callcenter-Zeugs, und die Jungs sind entweder im Gefängnis oder arbeiten im Baumarkt.

»Oh, ich bin doch neidisch, und zwar auf Theresa Warrington«, sagt Dani.

»Theresa Warrington!«, wiederholt Roger.

»Ja, aber auf sie darf ich neidisch sein!«, sagt Dani. »Sie hat das perfekteste Leben, das jemand haben kann. Ich glaube, sogar Kate Middleton könnte neidisch auf sie sein. Zwei Kinder. Apartment in London. Reicher Mann. Landhaus irgendwo am Meer. Tolle Karriere. Na ja, okaye Karriere. Tolle Urlaube. Süße Hunde. Und ich glaube«, sagt Dani verbittert, »dass sie ihre Lippen hat machen lassen.«

»Oh, zeig uns Fotos!«, sagt Roger. »Du weißt ja, mein Hobby ist es, gefakte Lippen und Titten zu erkennen.«

Roger ist einer dieser Oldschool-Gays, die Titten sehr mögen. Manchmal denke ich, wenn er jetzt jung wäre, wäre er vielleicht trans. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht Quatsch von mir.

»Sie hat mir neulich bei Facebook geschrieben. Habe nicht geantwortet«, sagt Dani. »Was sollte ich sagen? Ja, ich habe keinen Mann, keine Kinder – und jetzt bin ich sogar arbeitslos geworden.«

»Neid ist eine sehr negative Emotion«, sagt Roger plötzlich.

»Auf jeden Fall«, sagt Dani. »Zum Glück spüre ich diese negative Emotion kaum. Wirklich kaum. Fast nie.«

»Es ist gefährlich, neidisch zu sein«, mahnt Roger.

»Aber wisst ihr, wie ich mich fühle, wenn ich in die Hasenheide gehe und all diese glücklichen Menschen um mich herum sehe?«, fragt Dani.

»Neidisch?«, entgegne ich.

»Nein!«, ruft sie. »Nicht neidisch, sondern wütend. Diese Hipster mit ihren tollen Projekten. Sie müssen nicht arbeiten, schieben nur Projekte an.«

»Ja, das ist zum Kotzen!«, sagt Roger.

»Ich frage mich immer, woher sie ihre vielen Freunde haben«, ergänze ich.

»Alle mit Hut, einer mit einer Gitarre. Chillen im Park, chillen am Kanal.«

»Sie haben echt das perfekte Leben, die Kids, die hier ankommen«, sagt Roger.

»Master in irgendwas mit Medien, reiche Eltern, tolle Hütten. Und so einen peinlichen Musikgeschmack.«

»Sie treffen sich mit mehr Leuten, um nur mal in den Park zu gehen, als ich Leute zum Geburtstag einlade«, sage ich.

»Und noch schlimmer«, erregt sich Dani. »Diese Ausländer!« Sie sagt das Wort »Ausländer« auf Deutsch – foreigner klingt komisch, man denkt an Hercule Poirot.

»Aber wir sind auch Ausländer, Dani«, beschwichtige ich.

»Du weißt, was ich meine, Jacinta«, sagt sie. »Die echten Ausländer. Die Kopftuchleute. Diese Ausländer im Park, denen das Bürgergeld völlig reicht.«

»Du kannst doch nicht bei jemandem im Park sehen, ob er von Bürgergeld lebt oder nicht«, erwidere ich.

»Die sehen so glücklich aus!«, faucht sie. »In der Hasenheide! Diese Kopftuchomas! Warum sind sie so glücklich? Ich habe nie eine traurige Kopftuchoma gesehen.«

»Manche sehen auch wütend aus und schimpfen mit den Jungen«, entgegne ich.

Ich hatte das neulich auf der Straße gesehen, wie eine Oma mit Migrationshintergrund auf dem Balkon steht und einen Teenager beschimpft und alle seine Freunde ihn auslachen. Und ich denke, dass von allen rassistischen Ressentiments, die Dani so von sich gibt, dieses über muslimische Migranten von ihr leider wirklich ernst gemeint ist.

»Aber wie gesagt«, so Dani, »ich bin nicht neidisch. Nur wütend.«

»Du klingst aber ziemlich neidisch«, meint Roger und holt ein bisschen mehr Koks raus.

»Und ganz schön rassistisch«, füge ich hinzu, aber nur in meinem Kopf. Dani ist doch erst neulich arbeitslos geworden.

»Ich habe ein Date morgen«, eröffnet uns Dani nun.

»Über Tinder?«, fragt Roger.

»Nein, es war so lustig«, sagt Dani. »Ich war im Buchladen und habe mir ein Kochbuch von Ottolenghi gekauft, und der Buchhändler erklärte mir, dass er auch viele Rezepte von ihm möge und dass wir uns treffen und Rezepte austauschen sollten.

Was für ein Zufall, oder?«

Ich blicke kurz auf Danis schöne Melonentitten, wünsche mir, ich hätte sie dafür

zusammengeschissen, dass sie eine schlimme Rassistin ist, und ziehe noch mal ein

bisschen Koks durch die Nase.

»Ja«, sage ich. »Was für ein Zufall!«

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