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Mach mal Schluss

Jemanden zu verlassen, ist nie leicht. Manchmal ist die Liebe dem Alltag gewichen, manchmal flieht man vor Tristesse und Gewalt. Wer es nicht schafft, seine Beziehung zu beenden, kann eine Agentur beauftragen

Text: Benedikt Herber; Illustration: Francesca Condello

Ob der Kuchen hier denn empfehlenswert sei? Maike blickt sich um, sieht einen Mann am Nebentisch sitzen, er ist vielleicht Anfang dreißig, er gefällt ihr. „Ja, der Kuchen schmeckt gut“, antwortet sie. „Dann bestelle ich den auch“, sagt der Mann und lächelt. 

Maike und der Mann aus dem Café treffen sich bald häufiger. Es ist 2017, gemeinsam besuchen sie das Maschseefest zu Hause in Hannover, fahren nach Hamburg, nach Dresden, zu Roland Kaiser, egal welches Schlagerfest, der Mann aus dem Café ist immer dabei. Maike kann ihr Glück kaum fassen: Er sieht nicht nur gut aus, er verdient auch gut, fährt ein schickes Auto, hat keine Ehefrau, keine Kinder. Jackpot, denkt Maike. Nicht ohne Stolz stellt sie ihren neuen Partner bald ihren Freundinnen vor. „Mein Freund geht mit seinen Kumpels zum Fußball, deiner mit dir auf Konzerte“, schwärmen die. Nur manchmal fragt sich Maike, warum er eigentlich keine eigenen Freunde hat. 

Es vergehen Monate, Maike und der Mann aus dem Café sind mittlerweile zusammengezogen. Ihre Freundinnen sieht Maike jetzt immer seltener. „Reiche ich dir nicht?“, fragt sie ihr Freund jedes Mal, wenn sie verabredet ist. Gelingt es ihr doch, der häuslichen Zweisamkeit einmal zu entkommen, da braucht sie nur an ihrem Cocktail zu nippen, schon ploppt die Nachricht auf ihrem Handy auf: Die Katze sei krank. Seltsam nur, dass die Katze immer genesen scheint, nachdem Maike nach Hause geeilt ist. Und wenn der Liefermann mit den Frühlingsrollen und Garnelen vor der Tür steht und sich nett mit ihr unterhält, dann nimmt ihr Freund das Essen und schmeißt es direkt in den Müll. Ob sie ihn denn für völlig verblödet halte und glaube, er merke nicht, dass da was laufe?

Immer wenn Sie gehen will, heult und zetert er herum 

Über vier Jahre geht das so, zu ihren Freundinnen hat Maike mittlerweile den Kontakt abgebrochen. Immer wieder versucht sie, Schluss zu machen. Doch wenn sie gerade dabei ist, ihre Sachen zu packen, dann heult und wütet er herum – und Maike beschleichen Sorgen. Ob er ihr etwas antun würde? Geschlagen hat er sie nie. Doch Maike ahnt, dass er ihr Handy ortet und dass er an ihrem Auto einen Peilsender angebracht hat. Was soll sie tun? Damit die Polizei handelt, müsste erst etwas Schlimmeres passieren. 

Da erinnert sie sich eines Tages an einen Film, „Der Schlussmacher“. Matthias Schweighöfer spielt darin einen Mann, der für eine „Schlussmachagentur“ arbeitet und professionell Beziehungen beendet. So jemanden bräuchte sie jetzt, denkt Maike. 

Mai 2026, etwa neun Jahre nach dem ersten Treffen im Café: In Alicante, einer Hafenstadt an der spanischen Costa Blanca,­ sitzt ein solcher professioneller Schlussmacher in seiner Wohnung. Beim Videocall erscheint ein elegantes Büro mit verglasten Trennwänden und Ledermöbeln, im Hintergrund ein übergroßer Flachbildschirm mit riesigem Unternehmenslogo. Nur ein KI-Bild, erklärt Stefan Eiben, für diese Räumlichkeiten reiche es dann doch noch nicht. Aber immerhin für ein Leben unter der spanischen Sonne, weit weg vom Regen Norddeutschlands, dem er seit mittlerweile 25 Jahren entflohen ist. Den Betrieb halten die Kollegen zu Hause am Laufen. 

Eiben ist ein 49-Jähriger in einem Casual-­Hemd, den man rein äußerlich für einen spröden Vertriebler halten könnte, wäre da nicht dieses Dauerlächeln. Ein Lächeln, in dem die Verblüffung darüber durchscheint, worin er da eigentlich hineingeraten ist. Denn Eiben ist Eigentümer eines ganzen Konglomerats von Dienstleistungsagenturen – sie reichen vom Alibi-Verschaffen über das Doppelleben-Organisieren bis eben zum Schlussmachen, von Deutschland über die Schweiz bis in die USA. Fünf feste Mitarbeiter und mehrere Hundert Schauspieler arbeiten mittlerweile für ihn, er kooperiert mit Firmen, Massagesalons und Handwerksbetrieben, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen, viele Inhaber sind ehemalige Kunden. „Freiraummanager“ lautet Eibens Selbstbezeichnung. 

Los ging alles mit der Alibi-Agentur, über dreißig Jahre ist das mittlerweile her. Diese Anekdote erzählt Eiben gern in Interviews: Es war Ende der 1990er-Jahre, er war Anfang zwanzig und lebte in einem niedersächsischen Dorf nahe Oldenburg, wo er „Kabel an Server herumsteckte“ und Webseiten entwarf, wie er sagt. Die Ein-Mann-Internetagentur lief gut. Bis er eines Abends mit zwei Kumpels in Oldenburg um die Häuser ziehen wollte. Beide sagten ihm mit derselben Begründung ab: Ihre Freundinnen wollten, dass sie zu Hause blieben. 

Los ging es damit, dass er Freunden ein Alibi verschaffte

Eiben erinnert sich, wie enttäuscht er an diesem Abend war. Um drei Uhr morgens saß er an seinem Computer und erstellte eine Website: „Alibi-Strohmann“. „Wenn euch jemand daran hindert, eure Freunde zu treffen: Ruft mich an!“, schrieb er. Er verschaffe ihnen dann ein Alibi, fingiere einen dringenden Notfall. So recht habe er nicht gewusst, worauf er mit alldem hinauswollte, wie er sagt, und zunächst meldete sich auch niemand. Bis Wochen später das Telefon klingelte. Der Mann in der Leitung sprach Englisch, er sei Journalist, sagte er, er interessiere sich für Eibens „Alibi-Agentur“. Er arbeite für die BBC. 

Ein Scherzanruf, glaubte Eiben und legte auf. Als der Journalist ein zweites Mal anrief, musste er einen Kumpel dazubitten, so schlecht war sein Englisch. Der Beitrag über die angebliche Agentur erschien schließlich im Videotext des Senders, übernommen wurde er kurz darauf von italienischen und französischen Medien. Als sich schließlich RTL meldete, hatte Eiben tatsächlich gerade den ersten Auftrag erhalten. Eine ältere Dame wollte sich ein Spa-Wochenende ohne störende Anrufe ihres Ehemanns gönnen. Und was tat Ebelin: Er druckte für sie eine fingierte Broschüre des Wellnesshotels; mit so eng getaktetem Programm, dass unmöglich ein Telefonat dazwischen passte. 

Mit jedem Bericht wurden die Aufträge mehr: Es meldeten sich Krebskranke, die ihre Krankheit verheimlichen wollten. Homosexuelle, die Alibi-Freundinnen für Geschäftstermine suchten. Verzweifelte, die sich ritzten und fürchteten, dass es jemand mitbekommt. Wenn man Eiben so zuhört, dann klingt es so, als habe er aus lauter Menschlichkeit nicht anders gekonnt, als all diese Aufträge anzunehmen. Nachts habe er in Unterhose auf dem Bett gelegen und sich diese Geschichten von Verzweifelten angehört. Und dann überlegte er sich Legenden, fälschte Beweise und fand Firmen, deren Briefkopf er verwenden durfte. Und als sich schließlich eine Schauspielschule bei ihm meldete – das wäre doch eine tolle Gelegenheit für etwas Praxiserfahrung bei den Schülern! –, da ging es richtig los mit den erfundenen Onkeln, Ehefrauen und Geschäftspartnern. Anfangs habe er nur ganz wenig Geld verlangt, sagt Eiben, mittlerweile existiert ein Leistungskatalog. Menschen mit kompliziertem Doppelleben zahlen für eine Alibi-Flat schon mal bis zu 400 Euro monatlich. 

Nach wenigen Jahren sei dann das Schlussmachen dazugekommen. Der erste Kunde war laut Eiben ein Hüne, zwei Meter groß und ein Meter breit. Er wollte die Beziehung mit seiner Freundin beenden, doch jedes Mal, wenn er es andeutete, wurde die Freundin gewalttätig. Weil sie so klein und zierlich war, glaubte ihm niemand. Die ­Lösung: Ein älterer Schauspieler begleitete den Kunden, während er seine Klamotten aus der gemeinsamen Wohnung abholte – sein angeblicher Vater. Durch seine Anwesenheit reagierte die Freundin jetzt nicht mehr aggressiv, sie weinte – und entschuldigte sich sogar. 

Regel Nummer eins beim Schlussmachen: Die Anwesenheit einer weiteren Person ändere viel, sagt Eiben, ob sie nun als Zeuge oder Respektsperson auftritt. Manchmal müssten Schauspieler auch den neuen Freund spielen, wenn die Botschaft einfach nicht ankomme. Die meisten Kunden, die einen Schlussmacher beauftragen, meiden aber häufig den direkten Kontakt. So wie Maike aus Hannover. 

Als Maike den Begriff „Schlussmacher“ googelt, stößt sie auf die Website der Agentur. Verarsche, denkt sie, einen Anruf wagt sie trotzdem, versuchen kann man’s ja. Die Frau, mit der sie daraufhin spricht, klingt nett und empathisch; sie bittet Maike, ihre Situation im Detail zu schildern. Nach mehreren Gesprächen steht der Schlachtplan: Maike mietet eine neue Wohnung, und ein Mitarbeiter wird ihre persönlichen Dinge aus der gemeinsamen Wohnung abholen und den Ex-Freund informieren, dass er nicht nach ihr suchen solle. Sonst würde man seinem Arbeitgeber „ein paar Geschichten erzählen“ – die Agentur hatte vorher mit Maike seine wunden Punkte identifiziert. Anschließend würde ihn ein Privatdetektiv noch ein paar Tage überwachen, um zu sehen, ob er sich an die Abmachung halte. 

Manchmal arbeiten Sie auch für eifersüchtige Ex-Freunde, die nicht darauf klarkommen, dass sie einen Neuen hat

„Für so etwas brauchst du Profis“, erzählt Maike. Hätte sie ihren Vater vorbeigeschickt, hätte der ihrem Ex-Freund bestimmt eine reingehauen, sagt sie, zum Positiven verändert hätte das allerdings nichts. Die 2.000 Euro jedenfalls, die sie der Agentur zahlte, seien jeden Cent wert gewesen. Mittlerweile habe sie wieder Kontakt zu ihren Freundinnen und eine Therapie hinter sich. 

Womit wir bei Regel Nummer zwei fürs Schlussmachen wären: Keine Zweifel zulassen. Am schlimmsten sei es, wenn der Schlussmachende sage: „Vielleicht klappt es ja später noch einmal“, sagt Eiben. Oder wenn er ghostet, also einfach nicht mehr auf Anrufe und Nachrichten reagiert. Wem eine Resthoffnung bleibe, der könne die Beziehung nicht verarbeiten. Da sei es allemal besser, einen professionellen Schlussmacher vorbeizuschicken.

Leistet Eibens Agentur also einen Dienst an der guten Sache? Oder ist es – von Extremfällen wie Maikes einmal abgesehen – nicht auch ein Problem, wenn ein externer Dienstleister übernimmt, was eigentlich zwei Menschen miteinander aushandeln sollten? Wo zieht Eiben die Grenze bei ­seinen Auftraggebern?

Ein Schauspieler erzählt, er habe von der Agentur schon Aufträge bekommen, da sei der eifersüchtige Ex-Freund nicht damit klargekommen, dass die Verflossene wieder in einer neuen Beziehung steckte – und habe deswegen die Agentur beauftragt, Zwietracht zu säen, indem Flirt-Lockvögel auf den Neuen angesetzt oder der Ex-Freundin Rosen von angeblichen Liebhabern geschickt wurden. Ist Eibens Agentur also auch eine Beziehungszerstörungsagentur?

Eiben sagt, an den geschilderten Fall erinnere er sich nicht und die Schauspieler würden in die Hintergründe ihrer Einsätze eh nie eingeweiht. Aber grundsätzlich meide er Urteile über seine Kunden und nehme die meisten Aufträge an. Und ja, es komme vor, dass man prüfe, ob eine neue Beziehung wirklich so gut laufe. Oder ob es für den Kunden vielleicht doch noch Hoffnung gebe. Ein Stupser in die richtige Richtung sei das für ihn, mehr nicht.  

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