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N° 89 Wunder

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Da liegt er richtig

An der Welt, wie sie gerade ist, kann man verzweifeln. So viel steht fest. Aber man kann auch versuchen, anders auf die Dinge um sich herum zu schauen.  Über einen, dem das ganz gut gelingt
 
Von: Annett Scheffel; Bilder: Werner Amann
 
Wenn es eine Sache gibt, die Aziz Kian besonders liebt, dann ist es das Auskundschaften eines neuen Ortes. Der braucht überhaupt nicht spektakulär zu sein. Aziz macht da keine Unterschiede. Tempelruinen in Mexiko oder der Strand in Venice Beach sind dafür genauso geeignet wie ein Straßenzug irgendwo hier mitten in Los Angeles. Plötzlich blitzen seine Augen auf, und sein Schritt wird schneller. „Komm, wir gucken uns das da mal an.“


Wenn man so will, ist Aziz eine Antithese zu unserer aufgeheizten, nervösen Gegenwart. Er ist superentspannt und immer gut gelaunt. Jemand, der es irgendwie schafft, sich in einer Zeit, die so viele andere Menschen so viele Nerven kostet, eine bemerkenswerte Ruhe und Gelassenheit und, ja, sogar Optimismus zu bewahren und ein Leben zu leben, das von all den Aufregungen und Ängsten, von Doomscrolling, Unsicherheiten und Burn-out ganz weit weg ist. 


Dabei lebt Aziz nicht in einer anderen Welt als alle anderen. Er lebt sogar in einem Land, in dem die Stimmung vor den nächsten Präsidentschaftswahlen im November gerade besonders angespannt ist. Und auch wenn in Kalifornien üblicherweise immer alle so tun, als gehe sie das alles gar nicht viel an, als sei man hier auf seiner eigenen liberalen und spirituellen Reise, gestresst sind sie trotzdem alle. Workload, Inflation, Studienkredite, Waldbrände, hohe Obdachlosenzahlen – es gibt zahllose Gründe. Fragt man herum, wer einen superentspannten Menschen in seinem Freundeskreis habe, antworten die meisten: So einen Menschen kennen sie in ganz L.A. nicht. 
Wie um Himmels willen macht Aziz das also? 


Aziz Kian ist 75 und pensionierter Universitätsprofessor. Er schert sich nicht um Klamotten und andere Oberflächlichkeiten. Käppi, Turnschuhe und gut. Aziz ist der Typ Mensch, der eine Scherbe auf der Straße sieht und sie aufhebt, damit sich niemand seinen Reifen kaputt fährt. Der oft den Satz sagt: „Gibt es etwas Schöneres?“ – auch und besonders über einfache und alltägliche Dinge. Und der alle auf der Straße grüßt, wie in einer Kleinstadt. „Good morning“, sagt er zu der alten Dame mit Rollator, zu den Studentinnen an der Bushaltestelle und zu dem Obdachlosen an der Ecke. Immer mit der ihm eigenen Fröhlichkeit, so als kenne er die Menschen seit Jahren. 


Aziz ist ein Entdecker. Er ist fasziniert von der Welt, die ihn umgibt. Er blickt staunend und gleichzeitig mit einer unglaublichen inneren Ruhe auf sie. Wenn er nicht gerade im Mittleren Westen, in Minneapolis ist, wo seine Geschwister, seine Exfrau und seine vier Kinder wohnen, oder in Los Angeles bei seiner Freundin, reist er mit seinem Wohnmobil monatelang durch die Welt. Dann sei er am glücklichsten, sagt er. „Ich fahre nicht in den Urlaub, ich erkunde Orte.“ Die Unterscheidung ist ihm wichtig. „Es geht darum, seine Komfortzone so oft wie möglich zu verlassen. Denn nur wenn ich das mache, begegne ich anderen Menschen. Und jeder einzelne hat eine neue Geschichte für mich.“ Wenn man so will, ist das Leben für Aziz wie ein Theater. Besser als alles, was im Fernsehen läuft, findet er. Dafür muss man sich nur hineinbegeben in die Welt und sich das Leben anschauen. „Viele Leute sitzen ständig in geschützten Räumen, zu Hause, im Auto oder im Urlaub in einem Resort-Hotel. Aber wenn nie etwas Unerwartetes in deinem Leben passiert, bekommt jede Nachricht im TV oder auf dem Smartphone unglaublich viel Gewicht.“


Aziz’ Blick auf die Welt war nicht immer so entspannt wie heute. Er erzählt von ein paar entscheidenden Wendepunkten in seinem Leben: Als er 1968 mit achtzehn Jahren seine Heimatstadt Shiraz im Iran verließ, um in den USA, diesem großen, unbekannten Land, Maschinenbau zu studieren. Als er dann elf Jahre später drei erfolgreiche Uniabschlüsse in der Tasche hatte, aber die Iranische Revolution eine Rückkehr unmöglich machte. Und dann, als er sich vor zehn Jahren beim Supermarkteinkauf so schlimm seinen Rücken verrenkte, dass er plötzlich begriff, wie sehr er seine Gesundheit vernachlässigt hatte und wie wenig Zeit ihm eigentlich noch blieb. Also ging er – für einen Uniprofessor ziemlich früh – mit 65 Jahren in den Ruhestand. Er wollte reisen – durch die ganze USA und darüber hinaus. Von Florida bis Neuengland, von North Dakota bis nach Colorado und in die kalifornischen Nationalparks, nach Kanada und Alaska, und dann einmal quer durch Mexiko, runter nach Belize, bis nach Costa Rica und Panama. „Plötzlich hatte ich Zeit, das war das Wichtigste“, sagt er, „und ich hatte ein bisschen Geld. Also dachte ich: Ist es nicht viel besser, pleite zu sterben, aber reich an Erfahrungen?“ Für jeden seiner Trips hat er eine grobe Richtung im Kopf, nie aber folgt er einer bestimmten Route oder einem Zeitplan. Einmal habe er auf einer Fahrt durch Südkalifornien zufällig einen wunderschönen Parkplatz neben einer Bibliothek entdeckt und sei anderthalb Monate geblieben. „So viele nette Menschen und so viele Bücher. Gibt es etwas Schöneres?“
Das Reisen habe ihn auch gelehrt, dass es auf alle Dinge immer verschiedene Perspektiven gibt. Wie gefährlich sich seine Freunde zu Hause in Minnesota ganz Mexiko vorstellen und wie freundlich die Menschen waren, denen er dort begegnete. Und was für Amerikaner im Leben wichtig ist und was für Menschen in Belize oder Ecuador. Aber auch, wie man auf die Krisen und Probleme der Gegenwart guckt: „Als ich jung war, gab es den Vietnamkrieg, den wir für die größte Tragödie der Welt hielten. Natürlich war der entsetzlich und grausam. Aber wenn ich heute zurückblicke, denke ich auch an die schönen Momente damals.“ Und überhaupt: Hat die Menschheit im Vergleich zu damals jemals friedlichere und wohlhabendere Zeiten erlebt als heute?

Zeit ist die einzig bedeutende Währung, die wir haben. Eines Tages wird sie aufgebraucht sein. Es ist ratsam, sich das immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen

Trotzdem fühlt es sich manchmal so an, als sei man überall auf der Welt gestresster denn je. Aziz sagt, dieses Gefühl gehöre immer zu den jungen Generationen. Vielleicht musst man erst 75 werden, um auf einen Demagogen wie Donald Trump zu blicken und zu sagen „Die Geschichte hat gezeigt, solche Figuren kommen und gehen wieder.“

Die gemeinsame Erkundungstour durch die Nachbarschaft in Los Angeles hat mittlerweile auf einen Friedhof geführt. Während Aziz unter der bleichen Morgensonne zwischen den Grabsteinen umherstreift, denkt er laut über das Phänomen Zeit nach – passenderweise. Wie und mit was verbringt man sie? „Zeit ist die einzig bedeutende Währung, die wir haben. Eines Tages wird sie aufgebraucht sein. Es ist ratsam, sich das immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen. An besonders guten Tagen genauso wie an besonders schlechten. Das rückt die Dinge wieder ins rechte Licht.“

Ein anderes Geheimnis von Aziz’ außerordentlicher Gelassenheit: Weder nimmt er sich selbst besonders ernst, noch hält er sich für besonders klug. Er liest und zitiert gern Schriftsteller und Dichter vom Amerikaner Robert Frost bis zum persischen Gelehrten Rumi. Wenn Aziz sich jedoch selbst beschreiben sollte, empfindet er sich als jemanden, der eigentlich gar nicht so viel wisse, aber ständig auf der Suche nach Weisheit und Bedeutung sei. Das sei es, was er als eine „schleichende, schrittweise Entwicklung“ betrachte. Und dann fügt er lächelnd hinzu, im Iranischen gäbe es ein Sprichwort als Antwort auf die Frage, wie es jemand geschafft habe, weise zu werden: indem man all die Narren beobachtet.

Wie sieht eigentlich ein ganz normaler Tag in Aziz’ Leben aus? Gibt es Rituale oder Routinen, die ihm dabei helfen, entspannt und stressfrei zu bleiben? Meditation? Yoga? „Nein, nein, es ist ganz anders: Der Trick ist, dass es keinen normalen Tag gibt. Jeder Tag ist anders.“ Er steht bei Morgengrauen auf, er geht nach Sonnenuntergang ins Bett, und natürlich muss er zwischendurch was essen, aber ansonsten folgt er einfach dem Fluss der Dinge. „Wenn ich Wasser finde, schwimme ich, wenn ich ein Yogastudio entdecke, mache ich da mit. Wenn ich das Gefühl habe, dass es ein guter Tag ist, um die Stadt zu erkunden, nehme ich einfach den Bus und fahre irgendwohin.“ Sein Alltag heute sei ebenso wie die mathematischen Gleichungen damals, die er an der Uni lösen musste: voller Unbekannter. Vielleicht, sagt er, seien ausgerechnet die eine gute Übungseinheit fürs Leben gewesen. 

Der Spaziergang durch Los Angeles endet auf einem College-Campus. Mehr Kontrast geht nicht. Von den Toten wieder rein ins laute, hektische Leben. Welchen Rat würde Aziz jungen Menschen geben? Er überlegt kurz und sagt dann: „Erstens: Alles ist temporär und ständig in Bewegung. Und zweitens ist es wichtig zu akzeptieren, dass man manche Dinge nicht ändern kann – zumindest nicht allein und nicht gleich sofort. Man muss einfach das tun, was man kann.“ Sagt er, setzt sich auf eine Mauer und beginnt in der heißen Mittagsluft, die Studierenden um sich herum zu beobachten. 

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