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N° 89 Wunder

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Ich, Meno-Bitch

Die Wechseljahre einer Frau sind kein medizinisches Problem sind, sondern ihre Pathologisierung eine Form der Unterdrückung. Unsere Autorin setzt sich mit Furor zur Wehr und findet es verdammt wohltuend, für Männer nicht mehr nur ein Stück Fleisch mit langen Haaren zu sein

Von Stefanie de Velasco; Illustration: Frank Höhne

Es ist nicht einfach, Frauen in der Menopause zu erkennen. Seit einiger Zeit versuche ich diese Spezies auszumachen, wenn ich in Wartezimmern sitze, in der U-Bahn oder in der Bibliothek. Zu sagen, diese Frau ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, fällt mir viel leichter, als sie zwischen 45 und 55 Jahren einzuschätzen – dabei ist das genau die Altersspanne, in der ich auch angekommen bin. Vor kurzem  googelte ich „menopausale Celebritys“. Ich fand Kate Winslet, Drew Barrymore, Gwyneth Paltrow – und war danach verwirrter als zuvor, denn nichts schien mir als gemeinsames Erkennungsmerkmal tauglich. Frauen in den Wechseljahren wollen offenbar unsichtbar bleiben. Da ist nicht mehr viel mit Backfisch: Fregatte, Schabracke, Spinatwachtel – so werden wir jetzt genannt. Frauen  meines Alters gleichen scheinbar gesellschaftlichen Mangelwesen, die cremen statt krakeelen sollen. Graue Haare werden gefärbt, Falten und Gefühle geglättet, Vulven und Vaginen gegelt. Anders als bei Teenagermädchen, die ihre pubertären Veränderungen wie Brüste, Hüfte und Taille bauchfrei und stolz zur Schau stellen  dürfen, sollen die Wechseljahre möglichst in aller Stille und im Verborgenen ablaufen. 

Meine eigene Veränderung erlebte ich, nachdem ich letztes Jahr aufhörte, mir die Haare zu färben. Ich hatte schon mit Mitte zwanzig zahlreiche graue Haare, doch inzwischen waren es so lächerlich viele geworden, dass ich vor dem ständigen Färben kapitulierte. Am Anfang war es ein Schock, doch schnell spürte ich Kraft und Leichtigkeit – als hätte ich meinen Körper die ganze Zeit ausgebremst. Während der zweiten Zyklushälfte litt ich urplötzlich an PMS-Symptomen, also Beschwerden, die bei vielen Frauen vor dem Einsetzen der Menstruationsblutung auftreten. Damals wusste ich nicht, dass die gleichen  Symptome auch den Beginn der Menopause  einläuten: Schlafstörungen, Heißhungerattacken,  Kopfweh – und immer wieder Wutanfälle, die teils sehr heftig ausfielen. Manchmal musste ich mich bei meinem Partner im Nachhinein entschuldigen, einmal auch bei meiner Nachbarin, die ich vom Balkon aus angebrüllt hatte, sie solle doch in ihrer Wohnung telefonieren, der Hinterhof sei schließlich kein Callcenter. Auch mein sexuelles Verlangen veränderte sich, es konzentrierte sich nur noch auf die wenigen Tage vor meinem Eisprung. Während der restlichen Zeit fühlte ich mich wie Barbie („We don’t have genitals!“). Und ich begann, Männer anders zu sehen, begegnete ihnen nicht mehr mit einem Blick der Begierde – vor allem den jungen, schönen wollte ich lieber übers Haar streichen und ihnen wie eine Großtante zwanzig Euro zustecken. 

Wie Pubertät, nur rückwärts

Über all das sprach ich mit meiner Gynäkologin. Perimenopause, die Wechseljahre beginnen, erklärte sie mir, das ist wie Pubertät, nur rückwärts. Ganz selbst-verständlich bot sie mir eine Hormonersatztherapie an, um die Symptome in den Griff zu bekommen. Sie erläu-terte mir das Prozedere in einem mitleidigen Ton, der mich nervte. Vielleicht dachte sie, mich trösten und mit einer unterschwelligen solidarischen Geste das Ende meiner Reproduktivkraft mit mir betrauern zu müssen. 

Ich dagegen empfand meine Veränderung auf einmal aufregend und spannend. Plötzlich verspürte ich ähnliche Impulse wie in der Pubertät, hatte Lust, mir die Haare pink zu färben oder besonders große Ohrringe zu tragen. 

Was für ein krasser Gegensatz zu meinem ersten Besuch in einer gynäkologischen Praxis Anfang der Neunziger: Damals, mit vierzehn Jahren, verschrieb mir die Ärztin zwar auch Hormone – und zwar die Pille gegen meine starken Regelschmerzen –, aber die Probepackung überreichte sie mir mit einem Lächeln. Eve20, ich musste sofort an den Garten Eden denken. Auf dich wartet das Paradies, schien mir die unausgesprochene Botschaft zu sein. Und doch war genau das Gegenteil der Fall: Ich wurde mit  keinem Wort darauf vorbereitet, wie viel Zeit, Geld und Nerven Menstruation und Frausein kosten, wie sehr ich unter dem männlichen Blick leiden würde, der mich mit spätestens fünfzehn Jahren auf den Straßen verfolgte und oft in übergriffige Situationen mündete. Genauso wenig, wie mir heute gesagt wird, welch ein Gewinn das Ende der Reproduktivkraft, der monatlichen Blutungen, des Verhütungsstresses sein würde, das wohltuende Gefühl, nicht mehr nur ein Stück Fleisch zu sein, wenn ich mit meinen grauen Haaren und einem leichten Flaum über der Oberlippe an einer Bar stand und kurz wagte, den Blick schweifen zu lassen – plötzlich war ich ein Neutrum, einfach nur ein Mensch. 

„Eine neue, andere Fruchtbarkeit“ nennt die Biologin und Medizinjournalistin Annette Bopp diese Phase. Viele Frauen sehnen sich in den Wechseljahren nach mehr Autonomie, werden politisch aktiv oder engagieren sich in einem Ehrenamt. Sie fragen sich, was sie noch erreichen wollen, zeigen mehr Durchsetzungskraft und Beharrungsvermögen und fordern aufgrund ihrer langen Lebens- und Berufserfahrung zu Recht Führungspositionen. Hitzewallungen, so Bopp, könne man auch unter diesem Gesichtspunkt sehen, „als inneren Energieschub, der danach verlangt, gezielt genutzt zu werden“.

Warum also, überlegte ich, erfährt die Menopause eine solche Abwertung? Warum wird sie ausschließlich als biologischer Teiltod und soziales Ende von Frauen inszeniert und nicht als ein ähnlich glamouröses Event wie die Pubertät – als Abenteuer und Aufbruch? Auch Teenager leiden an Pickeln und seelischen Verstimmungen, doch ihnen wird anders als menopausalen Frauen Verständnis und Bestätigung entgegengebracht. 

Ältere Orcaweibchen werden aufgrund ihrer nichtreproduktiven Fähigkeiten und im Alter klassische Leader

Interessanterweise gibt ausgerechnet die Evolutionsbiologie, die so oft für misogyne, krude Theorien herhalten muss, meiner gefühlten Feierlaune recht. Genau genommen ist die Menopause eine biologische Rarität. Die meisten Säugetiere bleiben bis zu ihrem Tod fertil und sichern dadurch das Überleben ihrer Spezies. Nur wenige Walarten, unter anderem weibliche Orcawale, erleben eine Menopause wie die Menschen. Sie werden mit circa fünfzehn Jahren geschlechtsreif und durchlaufen ab ihrem vierzigsten Lebensjahr eine menopausale Phase. Genau wie Frauen leben sie danach meist noch viele Jahrzehnte weiter und übernehmen die Führungsposition in den sehr komplexen Familiengruppen der Orcas, den sogenannten Pods. Warum das so ist, weiß der Verhaltensbiologe Darren Croft. Die älteren Orcaweibchen verfügen durch ihre langjährige Erfahrung über einmaliges ökologisches Wissen – zum Beispiel über seltene Lachsvorkommen –, was das Überleben in Krisenzeiten sichert. Auch verteidigen die Weibchen ihre männlichen Nachkommen vor Übergriffen durch konkurrierende Gruppen, während sie für ihre Töchter durch die Menopause keine Konkurrenz mehr in Sachen Nachkommen darstellen. Anders gesagt: Die älteren Orcaweibchen werden aufgrund ihrer nichtreproduktiven Fähigkeiten und ihres hohen Alters klassische Leader. Croft geht davon aus, dass die Menopause in menschlichen Gesellschaften eine ähnli-che, klar evolutionsbiologische Funktion habe und die lang geglaubte These, die Menopause sei ein Wohlstandssym-ptom, weil Menschen immer älter würden,  komplett widerlege. 

Als ich zum ersten Mal davon las, stellte ich mir vor, in was für einer Gesellschaft wir leben würden, wenn die Menopause nicht das Ende der Frau, sondern der Aufbruch in die vielleicht beste und produktivste Zeit ihres Lebens wäre. Mir wurde immer klarer, dass die Wechseljahre kein medizinisches Problem sind, sondern ihre Pathologisierung eine Form der Unterdrückung ist – so wie die männlich dominierte Medizin schon seit Jahrhunderten versucht, Frauenkörper durch unhaltbare Theorien zu beherrschen.

Ich will kein Muschiöl! Ich will Frauen mit Schnurrbärten sehen, die nach Führung verlangen!

Dass die Adoleszenz als Aufbruchsphase erlebt wird, hat auch mit den vielen popkulturellen Referenzen zu tun. Coming of Age bildet in Filmen, Romanen und Liedern mittlerweile ein eigenes Genre. Es überzieht die schwierige Phase mit Glanz, obwohl sie mit ähnlich drastischen Veränderungen einhergeht wie die Wechseljahre. Doch der Beginn der reproduktiven Phase junger Mädchen wird gefeiert, weil sie in ihrer späteren Rolle als Mutter kosten-los Fürsorgepflichten übernehmen, ohne die der Kapitalismus nicht funktionieren würde. 

Auch um diesen Kreislauf zu durchbrechen, brau-chen wir eine Popkultur des Becoming Age.  Bissige,  blutige, schmutzige, haarige Geschichten, die von Verwandlung erzählen, davon, wer und was Frauen sind und wonach sie verlangen. Leider beschränkt sich die  Becoming Age-Literatur bisher auf Ratgeber zu Scheiden trockenheit und Hitzewallungen. Natürlich schlug mir auch meine Frauen-ärztin vor, meine Veränderungen zu  therapieren. Ich sollte prall, feucht und lieb bleiben, aber der shapeshifting motherfucker in mir will kein Muschi-Öl. Meine trockene Vagina dürstet nach geistiger Mutterschaft – anstelle von Kindern will ich Gedanken und Ideen gebären und nicht zuletzt mir selbst Mutter sein. 

Wo sind Nesthäkchens Werwolfjahre, in denen Protagonistin Annemarie ihren Ehemann zusammenfaltet, die Kinder rausschmeißt und sich bei Omas gegen Rechts engagiert – analog zu ihren Backfischjahren? Ich träume von Trilogien und Serien, die Frauen in den Wechseljahren nicht als depressive Weibchen zeichnen, sondern als wütende Orcaweibchen, die den Till Lindemanns dieser Welt ihre Segelboote im Mittelmeer kaputt rammen. Ich träume von Klassikern der Literatur, die sich tief in unsere Kultur einschreiben, und in denen der Glamour der Wechseljahre eine solche Selbstverständlichkeit erlangt, dass wir darauf genauso hinfiebern wie auf die Mutterschaft. Welche Kräfte diese Vorstellung bei uns Frauen freisetzen könnte, wenn wir wüssten, dass die beste und vielleicht erfüllendste Phase unseres Lebens ganz zum Schluss kommt?

Wenn es so weit sein wird, werde ich Frauen in den Wechseljahren garantiert auf Anhieb auf der Straße erkennen. Frauen zwischen 45 und 55 – lasst eure Schnurrbärte stehen, zwirbelt sie hoch und verlangt nach Führung! 

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