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Highway to Hell

Drogen, Dollars und Gewaltexzesse: In den Serien über mexikanische Narcos ist das zuweilen schrecklich unterhaltsam. Weit weniger amüsant ist es, beim Trampen aus Versehen in einem ihrer Autos zu landen

Von Maximilian Jacobi; Foto: Dani Cordero

Ob ich seinen Schwanz lutschen will? 

Als mich der Mexikaner mit Gelfrisur auf dem Nebensitz das fragte, sein Bein gegen meins drückte und ich nirgendwohin konnte, weil es Nacht war und wir in einem Auto durch die Wüste rasten, hatte ich mehr Angst vor ihm als vor dem Tod. Dass die uns umlegen würden, fürchtete ich schon seit Stunden. Davor noch gequält, erniedrigt, zur Sexpuppe entmenschlicht zu werden, war jedoch zu viel. Doch wie oft in dieser Nacht blieb mir nichts anderes übrig, als geradeaus zu starren und so zu tun, als wäre das gerade nicht passiert.

Irgendwie hatten David und ich es ja provoziert. So wie wir da im Staub standen, vier Stunden zuvor, hinter einer Tankstelle zwischen Gestrüpp und Hügeln, uns die Sonne ins Gesicht strahlte und wir die Daumen ausstreckten, sobald ein Auto an uns vorbeirauschte, Richtung Süden Baja Californias, Mexiko. Immerhin hatte David schon seine IWC-Uhr im Rucksack versteckt. Doch in seinem teuren Pullover und seinen Bootsschuhen sah er noch immer aus wie einer, der eher einen Vermögensverwalter sucht, keine Mitfahrgelegenheit.

Wir begriffen nicht ansatzweise, wie dumm wir waren. Fünf Jahre später hörten wir in den Nachrichten, dass hier die Leichen dreier Reisender in einem Schacht entdeckt worden waren – hingerichtet mit Kopfschüssen, um ihre Handys und die Reifen ihres Autos zu stehlen. Allein im Jahr 2018 wurden in Baja California laut dem Statistischen Institut Mexikos 2.912 Menschen ermordet. 

Wir dachten naiv, nur Spießer würden Kriminalstatistiken prüfen

Wir aber waren Mitte zwanzig und hatten genug Zahlen gewälzt im Studium, das wir beide gerade abgeschlossen hatten, wofür wir uns jetzt mit dieser Reise belohnten. Überhaupt prüften doch nur Spießer vor Reisen Wetter- und Kriminalstatistiken. Und wir wollten ja einfach nur Azteken-Pyramiden sehen, Tacos essen, den Ozean riechen, Mexikanerinnen lachen hören – aber auch ein paar weniger klischierte Erfahrungen machen. Dazu gehörte für uns: Mexikos verwesende Straßenhunde und Flüsse voller Scheiße zu riechen, damit anschließend die Brise des Pazifiks ihre volle Wirkung entfalten konnte. 

An diesem Spätnachmittag wollten wir vor allem schnell und billig in eine Kleinstadt vier Stunden weiter südlich. Da hupte auch schon dieser weiße Pick-up hinter uns am Straßenrand. Je näher ich ihm kam, umso mehr wirkte der Pick-up wie ein Panzerwagen. Ich legte den Kopf in den Nacken, um dem Fahrer ins Gesicht zu sehen, als er die dunkle Scheibe runterließ. Es war rundlich, konturlos, zum Vergessen. Bis auf die braunen Augen: Sein Blick war kälter als die Luft, die mir die Klimaanlage aus dem Autoinneren entgegenblies. Er fragte, wohin wir wollen. Dafür reichte mein Spanisch gerade noch.

„Guerrero Negro“, sagte ich.

„Wir auch.“

Er sprach leise. Sehr leise. Wie jemand, der es gewohnt ist, dass Leute auf jedes seiner Worte achten. David und ich warfen unsere Rucksäcke auf die Ladefläche. Dass der Pick-up einen Anhänger mit Boot zog, weckte bei uns keinen Verdacht.

Die hintere Autotür ging auf, ein Mann stieg aus, das Gesicht vom Schirm seiner Baseballmütze verschattet, und zeigte in den Wagen. Wir kletterten auf die Rückbank und sanken in braunes Leder. Im Auto saßen schon vier Männer, David und ich teilten uns den Mittelsitz. Es war so eng, dass wir uns nicht gleichzeitig zurücklehnen konnten. Anschnallen ging auch nicht. Wovon das geringste Risiko ausging, wie wir später merken sollten.

Der Beifahrer, ein dicker Typ in unserem Alter, drehte sich um und fragte, ob wir Spanisch sprächen. David, der halb auf meinem Schoß saß, deutete ein Nicken an, doch ich schüttelte so heftig den Kopf, dass der Beifahrer fragte: „Inglés?“

Dann Tramper-Smalltalk. 

Wir: Schweizer, Vorhaben: Reisen. Als ich durch das Rückfenster aufs Boot zeigte und nach ihren Plänen fragte, sagte er: „Wir gehen angeln.“ Das erklärte nicht, warum sie dafür vier Stunden durch die Wüste fuhren, wo man doch in ganz Baja California dem Meer nahe war. 

Bald erhielt die Angel-Story weitere Risse. Den ersten, als der Beifahrer auf meinen Sitznachbar zeigte und sagte: „Pass auf, der ist schwul“, ich ein Gespräch mit ihm begann, sein Englisch lobte, worauf mein Nachbar erklärte, dass er 33 Jahre in den USA im Knast gesessen habe. Den zweiten Riss, als mein Nachbar begann, Meth zu rauchen, durch eine Glaspfeife und eine Colaflasche, mir die Flasche hinhielt und sein Lächeln schwarze Löcher zeigte (ich lehnte ab und atmete nur noch sporadisch).

Den dritten, als wir stoppten, um neben Chips und Cola auch eine Flasche Wodka zu kaufen, und der Fahrer aus der Jacke ein Bündel Scheine zog, Tausende Dollar dick. Doch als wir wieder losfuhren, der Fahrer einen kräftigen Schluck Wodka nahm, ohne den Fuß vom Gaspedal zu heben, und alle lachten, da grinste auch ich. Würde sicher ein lustiger Angelausflug. Die Wahrheit, wenn es eine gab, interessierte mich nicht. Ich entschied, das mit dem Angeln zu glauben.

„Habt ihr keine Angst vor den Kartellen?“, fragte der Beifahrer

Irgendwann ging die Sonne unter, rote Felsen, roter Himmel, zahllose Kakteen. Das Land zeigte sich, wie ich es von den Fajita-Packungen im Supermarkt kannte. Der Beifahrer wollte wissen, wofür Mexiko in der Schweiz bekannt sei. Ich zählte auf, er übersetzte: „Tacos, Pyramiden, die Wüste, Tequila, Mariachi-Musik und Drogenkartelle.“ Es wurde still im Auto – kein Glanzmoment meiner Weitsichtigkeit. „Habt ihr keine Angst vor den Kartellen?“, fragte der Beifahrer.

Ich stammelte etwas davon, dass wir doch alle Menschen seien, egal was wir beruflich machen. Nach der Übersetzung dann Entspannung, Bemerkungen auf Spanisch, Lachen.

Sie fragten, wie Schweizer Franken aussehen. David kramte einen Zehnfrankenschein raus. Der Fahrer wollte ihn kaufen, David schenkte ihm das Geld, und der Beifahrer geriet ganz aus dem Häuschen, freute sich, wie sich nur jemand freut, der sein Land noch nie verlassen hat und wohl nie verlassen kann. Er zog etwas aus der Tasche, biss die Plastikfolie mit den Zähnen auf, bröselte weißes Pulver auf den Frankenschein und zog es in die Nase. Schein und Koks gingen herum, nur wir lehnten ab.

Mein Nachbar, nun mit Meth, Wodka und Kokain im Blut, flüsterte in mein Ohr: 

„Na, Bock auf ein bisschen Arbeit?“

„Arbeit?“, fragte ich.

„Wir halten an, wir zwei gehen hinters Auto und arbeiten ein wenig. Ich gebe dir auch Geld dafür“, erklärte er.

Dankend lehnte ich ab, woraufhin er noch etwas Meth rauchte.

Es wurde Nacht. Vielleicht lag es am Koks, die Stimmung kippte jedenfalls Richtung Paranoia. Wir und die vier „Angler“ standen mittlerweile unter einer Glühbirne in einer Wellblechhütte, um die der Wind pfiff, und warteten auf Tacos. Alle starrten uns an: die vier und die Fremden, die in Plastikstühlen um uns herumsaßen.

Gerade noch hatten David und ich vor dieser Hütte im Nichts eine Zi­garette geraucht, während unsere Begleiter schon bestellen wollten. „Die sind keine Angler“, flüsterte David mir zu. „Als du vorhin von Kartellen sprachst, sagte einer auf Spanisch: ,Vielleicht sollten wir ihnen erzählen, was wir hier tun.‘“ Statt zu reagieren, sah ich nur in den unglaublichen Sternenhimmel über uns, ohne seine Schönheit wahrzunehmen.

Worüber David und ich gesprochen hätten, wollte der Beifahrer von uns wissen, als wir die Hütte betraten. Wir hätten geraucht und die Sterne betrachtet, antwortete ich. Er sah uns an, als ob wir ihm weismachen wollten, die Kakteen seien Kuscheltiere.

Niemand glaubte mehr an einen Angelausflug. Ab und zu rauchte jemand Meth, zog Koks, trank Wodka

Zurück auf dem leeren Highway dann Schweigen. Niemand glaubte mehr an einen Angelausflug. Ab und zu rauchte jemand Meth, zog Koks, trank Wodka. Plötzlich bremste der Fahrer und bog von der Straße ab. Staub und Steine vor der Motorhaube sahen im Scheinwerferlicht aus wie die Oberfläche eines feindlichen Planeten.

Während wir in die Dunkelheit rollten, hätte ich alles dafür gegeben, nur noch einmal meine Mutter zu sehen. Und ich fragte mich, ob Davids Mutter mit meiner befreundet bliebe, wenn ihr einziger Sohn verschwände wegen der bescheuerten Idee, durch Mexiko zu trampen – meiner Idee. 

Irgendwann erschien eine Ruine, und der Fahrer hielt an. Alle stiegen aus, gingen zum Anhänger. Sitzen blieben nur ich, David und der Typ neben ihm, der so klein war, dass seine Füße knapp den Wagenboden berührten. Durch das offene Fenster rauschte der Pazifik. Plötzlich lehnte sich unser Fahrer ans Fenster und begann ein Gespräch mit dem Kleinen in derart klarem Spanisch, dass sogar ich verstehen konnte, worum es ging.

„Denkst du, die zwei verstehen, was hier abgeht?“

„Die sprechen doch kein Spanisch“, sagte der Kleine.

„Der neben dir meinte doch, er könne Spanisch.“

Dabei beobachtete uns der Fahrer, lauerte darauf, dass wir uns durch eine Reaktion verrieten. Kurz sah ich ihm in die Augen, zwang mich, den Kontakt zu halten, obwohl die zwei Höhlen in seinem Gesicht mir Gänsehaut verursachten. Ich versuchte, so zu tun, als säße ich auf einem Sofa, nicht auf einer Schlachtbank. Nach einer gefühlten Ewigkeit stiegen alle wieder ein.

Weder David noch ich wagten zu fragen, wozu sie ihr Boot im Nirgendwo an der Küste abluden. Die Frage beantwortete sich, als wir zurück auf den Highway fuhren: ein Checkpoint. Alle mussten aussteigen. Flutlichter über uns, wir sahen zu Boden, um nicht geblendet zu werden. Ein Soldat mit Maske, dem ein Sturmgewehr vor dem Bauch baumelte, leuchtete mit einer Taschenlampe ins Auto, unter die Sitze, auf die Ladefläche, in die Radkästen. Während er suchte, dachte ich an das Meth und Koks unserer Mitreisenden. Ich überlegte, dem Solda­ten zu verraten, dass das Narcos waren, und ihn zu bitten, uns zu helfen. Würde er mir glauben und käme es daraufhin zu einer Schießerei, wären wir tot. Würde er nichts tun, weil er mich nicht verstand oder für verrückt hielt, würden uns die anderen später umlegen. Aber würden sie das nicht sowieso? 

Ich möchte gern behaupten, dass ich mich aus einem bestimmten Grund für das Richtige entschied. In Wahrheit entschied ich gar nichts. Ich war starr vor Schock. Ich tat nichts – beziehungsweise was mir geheißen wurde. Und jetzt lautete der Befehl: wieder einsteigen.

Im Auto dann gelöste Stimmung, mein Nachbar heulte wie ein Wolf, alle lachten, der Fahrer schnitt Kurven und raste durch die Nacht. Schilder am Straßenrand verrieten, dass wir Guerrero Negro nah waren. Ich spürte etwas Hoffnung. Keine Erlösung. Aber Hoffnung darauf, dass etwas wie Erlösung möglich sein könnte. Doch dann bremste der Fahrer und lenkte den Pick-up wieder ins Gelände.

„Wohin fahren wir?“, fragte ich.

„Nirgendwohin“, sagte der Beifahrer.

Das war’s, dachte ich. Wir zwei Touri-Trottel hatten sie am Checkpoint unschuldig aussehen lassen, sie waren das Boot losgeworden, jetzt mussten sie noch uns loswerden. 

Ich fragte mich, was ich täte, wenn er eine Pistole hätte. Würde ich ihm einen blasen, in der Hoffnung, mein Leben zu retten? Oder lieber sterben?

Nach einer Weile sah ich Licht in der Nacht und einen Zaun aus Wellblech. Wie eine Festung umschloss er mehrere Baracken, die auftauchten, als wir durchs Tor auf den Hof bogen. Die vier Männer stiegen aus. Stimmen hallten über den Hof, Silhouetten glitten zwischen den Bauten hin und her. Ich fragte meinen Nachbar, der seine Colaflasche und den Wodka in eine Tüte packte, was wir hier taten.

„Hier verstecken wir die Drogen“, sagte er. Einfach so. Und dann plauderte er weiter, dass er hier schlafen werde, der Fahrer sein „Chapo“ sei und wir Glück hätten, dass er nett zu uns sei. Dann ging er.

Obwohl wir allein im Auto saßen, drückten David und ich uns noch immer auf dem Mittelsitz aneinander. Wir sprachen kein Wort. Fahrer und Beifahrer stiegen wieder ein, der Beifahrer drehte sich zu uns und sagte: „Achtung, der, der jetzt kommt, ist wirklich schwul.“

Nun setzte sich der Typ mit dem gegelten Haar, etwa zwanzig Jahre alt, neben mich, drückte sein Knie in meinen Oberschenkel und starrte mich intensiv an. Auch als wir losfuhren, glotzte er noch immer zu mir rüber. 

„Willst du meinen Schwanz lutschen?“, fragte er.

„Nein“, sagte ich so klar und fest, wie ich noch konnte, und betete, er würde mich nicht zwingen. Ich fragte mich, was ich täte, wenn er eine Pistole hätte. Würde ich ihm einen blasen, in der Hoffnung, mein Leben zu retten? Oder lieber sterben?

Bevor ich diese Fragen beantworten musste, hielt der Fahrer plötzlich vor einem Motel am Ortseingang von Guerrero Negro. Wir verabschiedeten uns, stiegen aus und hoben unsere Rucksäcke von der Ladefläche. Meine Knie waren so weich, dass es sich anfühlte, als würde ich durch ein Flussbett zur Rezeption waten.

Während wir eincheckten, blickte ich durchs Fenster nach draußen. Der Pick-up stand noch da. Der Fahrer beobachtete uns. Zum ersten Mal regte sich etwas in seinem Blick. Er wirkte unsicher. Als ob er sich fragte, ob es klug sei, uns gehen zu lassen.

Sein Blick verfolgte mich. Ich spürte ihn noch im Rücken, als David und ich uns im Zimmer in die Arme fielen. Als ich die Nacht wach lag. Als wir am Tag darauf auf den nächsten Bus warteten, durch den Dreck zwischen den Häusern irrten und Geier über uns kreisten. Noch in La Paz, 750 Kilometer weiter südlich, verfolgten mich seine Augen. Wir buchten eine Busreise nach Cabo San Lucas, der Touri-Hochburg am Südzipfel Baja Californias. Hier zählte die Kriminalstatistik 2018 gerade mal 200 Morde. Ein Meer aus Touris – wir konnten uns nichts Schöneres vorstellen, um unterzutauchen.

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