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Dürfen wir reinkommen?

Der Kommissar klopft und überbringt die Horrornachricht. Diese Szene gehört zu den Klassikern der deutschen TV-Krimis. Wie aber läuft das im echten Leben ab? Und wie schafft man es, Menschen zu sagen, dass ihr Sohn oder die Frau tot ist? An der Polizeiakademie Berlin gibt es dafür einen Kurs. Unsere Autorin Madeleine Londene hat ihn besucht

Von Madeleine Londene

Es klopft. Dreimal, kurz und entschieden. 
 „Momeeent“, ruft ein Mann. Dumpfe Schritte, dann öffnet sich die Tür. „Hallo, Kriminalpoli-
zei, Chiara Schwan mein Name. Sind Sie Bernhard Roth, der Vater von Anton Roth?“ Ein zögerliches Nicken. „Herr Roth, ich glaube, es wäre besser, wenn die Nachbarn das nicht mitbekommen. Dürfen mein Kollege und ich reinkommen?“ – „Was soll das?“, fragt der Mann sichtbar nervös. Die Polizistin und ihr Kollege treten ein, schließen die Tür. „Herr Roth, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn mit einem Motorrad gegen einen Baum gefahren und gestorben ist.“ Keine Regung. Durch das offene Fenster ist nur der Straßenverkehr zu hören. Plötzlich springt der Mann auf, schreit. „Ihr Arschlöcher! Wenn ihr eure Arbeit richtig machen würdet, dann wäre Anton noch am Leben!“ Seine Hand zittert. Die Polizistin steht steif da. „Wollen Sie ein Glas Wass …“ – „Hören Sie auf mit Ihrem Wasser! Mein Sohn ist tot!“ Der Mann sackt zusammen, schlägt die Hände vors Gesicht. Tränen laufen über seine Wangen, aus leisem Weinen wird ein kehliges Schluchzen. „Mein Sohn ist tot.“

Drei Minuten und 47 Sekunden später. „So, danke. Ende. Bitte einmal alle aufstehen“, ruft Bernhard Roth. Mit dem Ärmel seines Fleecepullovers wischt er sich die Tränen aus dem Gesicht. Seine Stimme ist plötzlich heller, der Berliner Dialekt wieder da. Eigentlich heißt Bernhard Roth im echten Leben Philipp Ploog – und eigentlich ist das hier auch kein Wohnzimmer, sondern ein Trainingsraum der Polizeiakademie Berlin. „Und, Frau Schwan, Herr Maurer – wie ging es Ihnen damit?“  Chiara Schwan denkt kurz nach. „Nicht so gut …“ Ploog nickt. „Is ganz normal. Daran werden Sie sich noch gewöhnen.“ Dann lächelt er. „Kurz einmal Arme und Beine schütteln, dann setzen wir uns wieder hin, ja? So merkt unser Körper, aha, das is alles nur ’ne Übung.“ Noch.

Ein paar Stunden vorher in einem grauen, kahlen Raum in Berlin-Spandau: Vierzehn angehende Kriminalpolizisten und -polizistinnen sitzen an diesem frühen Sommermorgen im August im Halbkreis. Sie sind in Zivil gekommen: Jeans, schlabbrige Pullover, Turnschuhe. Um ihre Hälse baumeln Polizeiausweise. Auf einem Whiteboard steht „ÜTN“. Worum geht es hier bitte? 

Die vierzehn Frauen und Männer lernen bei diesem Polizeiseminar nicht, wie sie Kriminelle vernehmen oder Waffen sichern – heute geht es um den Tod. Genauer: darum, wie man einem Menschen sagt, dass jemand, den er liebt, nicht mehr lebt. Wie bereitet man Polizistinnen und Polizisten auf so einen Moment vor? Kann man so etwas überhaupt lernen? 

Schlagworte wabern durch den Raum: Suizid, Verkehrsunfall, Femizid, Anschlag, Zugunglück, Brand, vermisste Person – und Kindstod

Philipp Ploog, 46 Jahre alt, sitzt nun in Uniform vor den Auszubildenden, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Er hat etwas in sich Ruhendes, Bedächtiges, als könnte man ihm alles erzählen. Vielleicht weil er in den 26 Jahren als Polizist schon ziemlich viel gehört und gesehen hat. Neben ihm steht sein 32-jähriger Kollege René Hartwig – gestutzter Bart, Dutt, Sonnenbrille auf dem Kopf – und schreibt auf das Whiteboard. Seit sieben Jahren unterrichten sie das Seminar gemeinsam. „Heute geht es um ÜTN – die Übermittlung von Todesnachrichten. Wer von euch musste so was schon mal machen?“, fragt Hartwig und nimmt einen Schluck aus seiner „Star Wars“-Kaffeetasse. Drei Arme gehen hoch. „Im Krankenhaus“, sagt einer, „im Altenheim“ ein anderer. Aber: Alle drei hatten nur neben ihren Kollegen gestanden, zur Unterstützung, selbst überbringen mussten sie die Nachricht nicht.

Der Tod gehört zum Alltag bei der Polizei – und damit zur Ausbildung. Erst letzten Monat war die vierzehnköpfige Klasse bei einer Obduktion dabei. „Voll okay, nur der Geruch war eklig“, erzählt eine Auszubildende. In der Pathologie hat der Tod noch etwas Medizinisches, erst wenn man verstörten, trauernden Menschen gegenübersteht, wird die Situation real. „Was meint ihr, wann müssen wir so etwas überhaupt machen?“, fragt nun Hartwig, der Dutt-Träger, in die Runde. Schlagworte wabern durch den Raum: Suizid, Verkehrsunfall, Femizid, Anschlag, Zugunglück, Brand, vermisste Person – und Kindstod. „Ja, der Klassiker“, mischt sich Uniformträger Ploog jetzt wieder ein. Noch sind das alles Begriffe auf dem Whiteboard. Gleich soll daraus eine konkrete Situation werden.

Tröster mit Tränensäcken: Von 1974 bis 1998überbrachte Horst Tappert, alias Derrick, jeden Freitagabend im Fernsehen schlechte Nachrichten

Eine halbe Stunde später sitzen die Auszubildenden in Grüppchen zusammen. Das Duo Ploog und Hartwig hat einen hypothetischen Fall skizziert: Der Ehemann von Frau G. ist nach einem Herzinfarkt in einem Bordell gestorben. Wie würden die angehenden Polizistinnen und Polizisten in dieser Situation vorgehen? Was sagen sie zu Frau G., wie verabschieden sie sich von ihr, nachdem sie das Unsagbare ausgesprochen haben? 

Vier junge Frauen stecken die Köpfe zusammen. „Ich würde mich mit Vornamen bei der Witwe vorstellen“, flüstert Hatice. „Nee, du bist doch nicht ihre Freundin“, kritisiert Marie. „Aber das ist doch sonst voll distanziert!“, sagt Lola. „Wenn die später auf der Couch sitzt und heult, dann will ich sie doch in den Arm nehmen.“ Kurzes Schweigen. Lola fummelt an ihrem Kugelschreiber herum. Elsa kritzelt etwas auf das Papier vor sich und streicht es sofort wieder durch. „Das Schrecklichste, was du machen kannst, ist, dazusitzen und nichts zu machen“, sagt Marie. „Aber vielleicht kommt es genau darauf an.“

René Hartwig läuft von Gruppe zu Gruppe. „Noch fünf Minuten“, ruft er. Hatice, Lola, Marie und Elsa sind als Erste dran, erklären, wie sie die Nachricht überbringen würden. Kaum sind sie fertig, ergreift Altmeister Ploog das Wort. „Ganz wichtig: ROLLENKLARHEIT“, sagt er und schaut einen nach dem anderen an. „Sie wollen die Person nicht aus der Selbstwirksamkeit raushauen“ – dazu macht er eine Kickbewegung mit dem Fuß, als würde er einen Ball wegschießen. „Sie sind Polizeibeamte und nicht dafür da, dass es der Seele gut geht.“ Er macht eine Pause. „Und bitte nicht mit ‚Guten Tag‘ starten – es geht hier nicht um Ladendiebstahl.“

Hunderte Male hat Ploog bereits Todesnachrichten überbracht. Der Mann weiß also, wovon er spricht. Da war dieses eine Mal im Sommer 2014: Der Pflegedienst hatte einen älteren Mann tot in seiner Wohnung gefunden. Er war gestürzt, während seine Frau im gemeinsamen Schlafzimmer im Wachkoma lag, nichts ahnend. „Kannst du das machen, Philipp? Du kannst das so gut“, bat ihn seine Kollegin. Als sie die Wohnung betraten, war der Tote bereits abgeholt worden, es roch nach Reinigungsmittel. Zielstrebig ging Ploog ins Schlafzimmer. Die Frau lag im Bett, die Augen geöffnet. Was sollte er ihr sagen? Und vor allem, wie? Er kam zu dem Schluss: So wie immer. Also senkte er die Stimme, stellte sich vor, setzte sich ihr gegenüber. „Frau Rerich, ihr Mann ist tot.“ Noch heute erinnert er sich an die Stille nach diesem Satz, eine Stille, die einfach nicht enden wollte. Dann sah er eine Träne, die der Bettlägerigen aus dem Augenwinkel lief. 

„Da musste ich schon schlucken“, erzählt er den Auszubildenden und blickt dabei nicht in die Runde, sondern auf den Boden. „Vielleicht hatte sie auch einfach nur etwas im Auge.“ Auf jeden Fall habe er anschließend erst mal einen doppelten Espresso und ein Stück Käsekuchen gebraucht. Zum kurzen Runterkommen zwischen den Einsätzen.

„Okay, aber Wachkoma ist schon ein Sonderfall, oder?“, sagt ein Teilnehmer. „Wie reagieren die Leute denn sonst so?“ Ploog richtet sich auf, als hätte er genau darauf gewartet. „Jeder Fall ist ein Sonderfall.“ Manche würden ihr Handy gegen die Wand schleudern, manche brechen zusammen. Andere lachen, dissoziieren, starren stumm vor sich hin. „Ganz wichtig ist es, Stille aushalten zu können“, ergänzt Jungkollege Hartwig. Ob ihre Einsätze immer nach Plan verlaufen? Ploog lacht. „Nee, nie. Eigentlich sind sie immer eine Katastrophe.“ Vorbereiten lasse sich wenig. Nur eins steht fest, irgendwann müssen die Worte fallen: Ihr Sohn ist tot. Punkt. „Hört sich etwas arschlochmäßig an, aber anders geht es nicht“, doziert Ploog. Die Nachricht müsse eindeutig sein, ohne Hoffnung zwischen den Zeilen.

„Wenn ich irgendwann mal einem Mädchen erzählen muss, dass ihre Schwester gestorben ist, das würde mich zerreißen“

Die Mittagspause ist vorbei. Es riecht nach Zigarettenrauch, jemand gähnt. Es ging früh los mit dem Training, seit acht Uhr sitzen sie hier in diesem kahlen Raum am Rande Berlins zusammen. „Na, ist die Luft raus?“, fragt Hartwig jovial. „Dann wird’s Zeit, dass wir euch wach kriegen.“ Statt mit Koffein mit einem Rollenspiel. Kollege Ploog sitzt bereits im Nebenraum, diesmal ohne Uniform. Gleich ist er nicht mehr Ploog, sondern der trauernde Vater Bernhard Roth. In Zweierteams ruft Hartwig die Auszubildenden zum Praxistest. Chiara wartet vor der Tür, spürbar angespannt. „Nervös?“, fragt sie ein Mitstreiter. „Eigentlich nicht. Ist ja alles nur gespielt …“, sagt sie und lächelt – und schon ist sie an der Reihe. Die anderen starren ihr hinterher.

„Ein paar Minuten später geht die Tür wieder auf. „Schon vorbei?“, fragt eine. Chiara nickt. Zurück im Klassenraum, wirkt sie nachdenklich. „Und, wie war’s?“, löchern sie die anderen. „Wie im Tunnel“, erzählt Chiara. Ihr Körper sei starr geworden, sie habe nur noch Ploog, also Herrn Roth, gesehen. Er wurde laut, habe fast geschrien. Dann begann er zu weinen – echte Tränen, ganz viele. Chiara habe ihm helfen wollen, fast die Hand ausgestreckt. „Das Sitzen und Nichtstun war das Schlimmste.“ Jede Gefühlsregung musste sie unterdrücken. Ploog habe am Ende zu ihr gesagt: „Frau Schwan, Sie sollen nicht verhindern, dass jemand traurig ist, sondern erlauben, dass jemand trauern kann.“

Nach und nach sitzen alle vierzehn wieder im Halbkreis – wacher, aber auch aufgewühlter. Einmal musste Schauspie­ler Ploog beinahe abbrechen, einem Auszubildenden wurde es zu viel. Auch bei den anderen wirkt das Rollenspiel nach: „Wenn ich irgendwann mal einem Mädchen erzählen muss, dass ihre Schwester gestorben ist, das würde mich zerreißen“, sagt Hatice. Ploog nickt. Es gebe Fälle, da spürt man: Das geht nicht. Weil das Kind so alt war wie das eigene oder der Tote dem eigenen Freund ähnelt. „Wenn Sie merken, das ist zu nah an Ihrer eigenen Geschichte: Machen Sie’s nicht.“

Auch er habe Einsätze abgelehnt. Kurz nach Weihnachten vor fünfzehn Jahren musste der noch junge Ploog innerhalb einer Woche drei Todesnachrichten überbringen und habe gemerkt: So kurz nacheinander, das geht nicht. Seinem Chef sagte er dann: „Ich kann nicht mehr.“ Der habe ihn erstaunt angeschaut. „Wieso? Das ist doch dein Ding!“ Und dann, halb im Scherz: „Ist in Ordnung, du Weichei.“ 

Heute arbeitet Ploog im Außendienst. Über zehn Jahre ist es deshalb her, dass Ploog seine letzte Todesnachricht überbringen musste. Das war 2016. Ein Mann war vor einem Imbiss zusammengebrochen, Herzstillstand. 

Ploog sollte sich um die Ehefrau kümmern, während der Notarzt reanimierte. Wenig später öffnete der Arzt die Tür des Krankenwagens, Ploog wusste sofort Bescheid. Als er der Ehefrau sagte, dass ihr Mann tot sei, antwortete sie nur: „Habe ich mir schon gedacht.“ Und nachdem er sie nach Hause gebracht hatte und die Schwester bei ihr eintraf, forderte die Ehefrau ihn freundlich, aber bestimmt auf: „Danke, Herr Ploog. Sie können jetzt gehen.“ Er fuhr dann erst mal in eine Eisdiele und löffelte schweigend seinen Becher, Vanille und Pistazie, auf einer Bank in der Sonne.

Nach fast sieben Stunden eine Frage an den Profi: Ob er inzwischen wisse, wie es geht – den Tod zu überbringen? Er schüttelt den Kopf. „Nee. Auch nach mehr als zwanzig Jahren nicht.“  

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