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N° 89 Wunder

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Affenliebe

In „King Kong“ verguckt sich ein Gorilla in eine junge Frau und versucht, sie zu entführen. Zu verrückt, um wahr zu sein? Von wegen. Die Tierärztin Joana Amil erlebte ihren ganz eigenen Film mit einem unwahrscheinlichen Happy End

Text: Svenja Beller

Die Spuren waren frisch. Einige abgebrochene Zweige, drei Nester mit zusammengeschobenen Blättern. Die verschwundenen Tiere mussten hier ganz in der Nähe sein, der Suchtrupp war sich sicher. Doch da hatte Rafa die Menschen längst erblickt und rannte auf sie zu.

01. Der Dschungel

Welche Erinnerung bleibt ihr von einem Tag, der beinahe ihr letzter gewesen wäre?  Da war ein permanenter Geräuschpegel, niemals war es still. Das Summen der Insekten, die Schreie der Affen, das Tröten der Elefanten, die Rufe der Vögel. Ein tropischer Regenwald voll mit Leben, „der schönste Ort, an dem ich jemals war“, erinnert sie sich heute. Und dann dieser süßliche Geruch, für den ihr die Worte fehlen, der Geruch des gabunischen Dschungels.

Gabun liegt an der Westküste Zentralafrikas zwischen dem Kongo, Äquatorialguinea und Kamerun. Das Land ist in etwa so groß wie Großbritannien, hat aber mit rund 2,3 Millionen Menschen nur circa drei Prozent der Einwohnerzahl. Denn Gabun besteht zu etwa 85 Prozent aus tropischem Regenwald. Es gehört den Tieren, nicht den Menschen.

In den Wäldern leben die Westlichen Flachlandgorillas, doch sie sind – wie auch die Östlichen Flachlandgorillas und die Cross-River-Gorillas – vom Aussterben bedroht. Die Berggorillas gelten „nur“ als stark gefährdet. Alle diese Affenarten werden von den Menschen gejagt, um die Tiere zu verkaufen, zu essen oder Medizin aus ihnen zu machen. Zurück bleiben dann Affenwaisen ohne Eltern. Und die waren es, denen die 31-jährige Portugiesin Joana Amil helfen wollte. Damals im Jahr 2018. Als Tierärztin hatte sie bislang Lissabonner Hunde und Katzen behandelt, Erfahrung mit Luchsen in der Algarve und mit Löwen in Mosambik gesammelt. „Das mit den Löwen war mir zu viel Adrenalin“, sagt sie. „Also entschied ich mich für Primaten – ohne zu ahnen, was mich erwarten würde.“

02. Die Insel

Joana fand einen Job bei einer Stiftung im äußersten Südosten Gabuns, befristet auf ein Jahr. Sie quartierte sich in einem Camp mitten im Dschungel ein, mehrere Reisestunden mit Boot und Auto von der nächsten Kleinstadt entfernt. Sie sollte sich um eine Gruppe Gorillas kümmern, die die Stiftung isoliert auf einer großen Insel in einem Fluss hielt, um sie dort langsam wieder an das Leben in Freiheit zu gewöhnen. Joana erfuhr nicht viel über sie, nur dass sie in den umliegenden Dörfern konfisziert worden waren, als sie noch klein waren: Rafa, mittlerweile ein zwölfjähriger Silberrücken, und zwei jüngere Weibchen. Unter Gorillas ist es üblich, dass sich ein Männchen einen Harem mit bis zu zehn Weibchen hält. Rafa hatte nur zwei, er wollte mehr.

Das die Affen umgebende Wasser war besser als jeder Zaun, denn Gorillas können nicht schwimmen. Joana und die anderen Tierpfleger besuchten sie jeden Tag per Boot und hinterließen Futter auf einer mit Gittern und Elektrozäunen gesicherten Plattform. Direkten Kontakt vermieden sie, denn die Affen hätten die Menschen verletzen und die Menschen die Affen leicht mit für sie gefährlichen Krankheiten infizieren können. Selbst auf die Distanz wirkte Rafa auf sie damals wie ein Teenager, der angeben wollte, sagt Joana heute. Kam ihr einer der Tierpfleger zu nahe, wurde Rafa ungehalten – als wolle er sie nur für sich haben. Nur dass sie ein Mensch war und Rafa ein Gorilla.

Joana fand das nicht besorgniserregend, da war ja das Wasser, das Gitter und der Elektrozaun. Sie fütterte die Gruppe täglich, untersuchte ihre Stuhlproben auf Parasiten, gab ihnen, wenn nötig, Medikamente, und manchmal, nach Feierabend, ging sie mit ihren Kollegen im Fluss baden und ließ sich vorbei an Gorillas und Elefanten zurück zum Camp treiben. „Schön war das“, sagt sie.

Sechs Monate ging das so. Dann – kurz vor Weihnachten – entschieden sie, dass Rafa und seine Weibchen bereit für die Freiheit waren. Die Stiftung hatte schon eine Vielzahl von Gorillas freigelassen. Nicht immer überlebten die Tiere das allerdings, denn abseits der sicheren Insel lauern für sie unbekannte Gefahren. Deswegen wollten Joana und ihre Kollegen Rafa und seine Weibchen regelmäßig besuchen. Sie wollten sich vergewissern, dass es ihnen gut ging. Doch kaum hatten sie die Gorillas freigelassen, verschwanden diese. Eine Woche verging, zwei Wochen, drei Wochen, vier Wochen. Sie machten sich Sorgen um die Tiere, die Menschen statt Freiheit gewöhnt waren. Also beschlossen sie, den Affen in den Dschungel zu folgen.

03. Der Angriff

Der erste Tag der Suche war erfolglos. Am zweiten Tag fanden sie frische Spuren. Einige abgebrochene Zweige, drei Nester mit zusammengeschobenen Blättern. Und schon rannte Rafa auf sie zu.  Der 180 Kilogramm schwere Silberrücken packte die 48 Kilogramm leichte Joana an der Hüfte und biss ihr in den Kopf. Nicht fest, aber fest genug, um ihre Kopfhaut und ihr rechtes Auge so stark zu verletzen, dass sie damit nicht mehr sehen konnte. „Es fühlte sich an, als hätte ich mein Auge verloren“, erzählt sie. Er warf sie zu Boden – sie rollte sich zusammen und schützte ihren Kopf. Er zog sie mit sich – sie versuchte, sich loszureißen. Völlig entsetzt versuchten Joanas Kollegen, sie zu befreien. Aber Rafa biss um sich und wehrte sie ab. Was sich hier tief im gabunischen Dschungel abspielte, wirkte wie eine Szene aus dem Film „King Kong“, in dem ein Riesengorilla eine Frau entführt und die Männer machtlos zuschauen müssen.

Von den Befreiungsversuchen bekam Joana kaum etwas mit, sie wollte nur überleben. Immer wieder gelang es ihr, sich loszureißen. Und immer wieder holte Rafa sie ein. In seinen riesigen Armen versuchte sie, auf Französisch beschwichtigend auf ihn einzureden, „Ça va, Rafa, ça va“ – alles gut, Rafa, alles gut. „Er schaute mir in die Augen und schien mir zuzuhören“, erinnert sie sich, doch gleichzeitig behielt er die Männer, seine Rivalen, im Blick. Und Joana verstand: Das Einzige, was ihr helfen würde, war Wasser. Nur so würde sie Rafa, dem Nichtschwimmer, entkommen können.

Doch als könne der Gorilla ihre Gedanken lesen, versperrte er, auf einer Anhöhe angekommen, den Pfad, der durch das Unterholz zu einem See führen könnte. Mit einem Mal stürzte sich Joana den Abhang hinunter, in der Hoffnung, im Wasser zu landen. Und während sie rollte und sich in Lianen verfing, sah sie, wie Rafa ihr hinterhersprang und immer wieder mit voller Wucht neben ihr aufkam. Er zerrte an ihren Füßen, sie riss sich los, und plötzlich erblickte sie tatsächlich einen See. Sie stand auf, rannte und warf sich hinein. Aber der See war am Ufer flach, und kaum war sie im Wasser, sprang Rafa hinterher, auf ihren Rücken, 180 Kilogramm auf 48. Er drückte sie in den schlammigen Boden, und als sie ihre Augen öffnete, war alles grün, und ihr schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: Das war’s.

04. Die Rettung

Sie würde in dem Wasser, das ihre Rettung sein sollte, sterben, dachte sie. Doch auf einmal ließ der Gorilla von ihr ab, und sie konnte auftauchen und nach Luft schnappen. Einer ihrer Kollegen war dem gewaltigen Affen todesmutig auf den Rücken gesprungen, um ihr das Leben zu retten. Der kurze Schockmoment gab ihnen gerade genug Zeit, zu flüchten. So schnell sie konnten, schwammen sie hin­aus auf den See. Rafa blieb am Ufer zurück und trommelte sich voller Wut auf die Brust.

Erst als sich Joana gemeinsam mit ihrem Retter an einem Busch in der Mitte des Sees festklammerte und nach Hilfe schrie, kam der Schmerz. Sie hatte mehrere Rippen und das Schlüsselbein gebrochen, dazu kamen Bisswunden von den Beinen bis zum Kopf. Auch ihr Kollege war verletzt. Es begann zu regnen. Käfer und große grüne Spinnen krochen über ihre Körper. Und noch immer stand Rafa am Ufer und ließ sie nicht aus den Augen.

Drei Stunden dauerte es, bis ihre Kollegen sie fanden und Rafa mit einem Warnschuss vertrieben. Sie trugen Joana zurück zum Boot, das sie ins Camp brachte, ein weiteres Boot fuhr sie zum Auto, dann ging es weiter ins Krankenhaus. Die Ärzte sedierten sie, viel mehr konnten sie für sie nicht tun. Ein Flugzeug brachte sie zur Hauptstadt Libreville, von dort ging es über Paris nach Lissabon, bis sie zu Hause schließlich im dritten Krankenhaus landete.

„Dahin gehst du nie wieder“, hatte ihre Mutter gesagt. Aber als ihre Wunden sich schlossen und ihre Knochen wieder zusammenwuchsen, da wollte Joana auch ihre Psyche heilen – und flog zurück nach Gabun. Der Wald begrüßte sie mit seinen Geräuschen und Gerüchen, und das fühlte sich schön an.

Nach einem Monat sah sie Rafa wieder, krank und abgemagert saß er am Flussufer, er machte ihr keine Angst mehr, sondern Sorgen. Sie begann, ihm jeden Tag Futter und Medikamente gegen Parasiten zu bringen, die sie ihm vermischt mit Saft in einer Flasche zuwarf. Er wusste, wie er sie aufschrauben musste, und trank.

„Er wollte mir nicht wehtun, das weiß ich mittlerweile“, sagt Joana. Er wollte nur ein weiteres Weibchen in seinem Harem. Und dieses Weibchen war sie.

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