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Schwarzes Loch

Unser Hetero-Autor beschäftigt sich endlich mal mit seinem Anus – und entdeckt eine ganze Galaxie

Von Leon Priest; Foto: Hahn & Hartung

Ein kleines, unscheinbares Ding. Schwarz, aus glattem Silikon. Vorne eine abgerundete Spitze, die dann langsam bauchig wird und sich zur Basis hin wieder verjüngt. Am hinteren Ende sitzt ein geschlossener Ring. 2,3 Zentimeter Durchmesser an der breitesten Stelle. Es ist die kleinste Variante der „FantASStic“-Reihe. Und trotzdem sehne ich mich nach der XS-Version. Ich sitze nackt auf dem Sofa und betrachte den Analplug in meiner Hand.
 
Aber von vorn: Analverkehr reizt mich schon lange. In die eine Richtung. Wie alle Jungs habe ich viel zu früh viel zu harte Pornos konsumiert. Anal gehörte da ganz selbstverständlich dazu. Irgendwann probierte ich es selbst aus, als aktiver Part. Ich fand es unglaublich, meine damalige Partnerin auch. Wie ein Rausch. Natürlich war die Enge erregend. Aber viel schwerer wog das Gefühl des Vertrauens, das sie mir entgegenbrachte.
 
Dann habe ich lange nicht weiter über Analsex nachgedacht, bis ein Kumpel mir beim Wandern im Schwarzwald erzählte, dass er von seiner Freundin von hinten genommen wurde. So richtig, mit einem Umschnalldildo. Nach dem Sex hätte seine Freundin seinen Penis nur kurz berühren müssen und er sei explodiert. Ich war richtig neidisch auf ihn. Nicht nur auf die Explosion. Auch darauf, wie experimentierfreudig er ist, wie ungeniert er davon erzählen kann, wie gut die Beziehung zu seiner Freundin und auch zu seinem Anus sein muss. Ich wurde neugierig. Denn mein Anus ist bislang eine Einbahnstraße. Verzichte ich damit auf die Lust, auf den Orgasmus meines Lebens?

Und da, wo die Sonne bei mir nie hinscheint, da ist alles ziemlich unansehnlich, wie ich finde. Wieso sollte ich mich damit also näher beschäftigen oder, Gott bewahre, in diese Richtung sexuell aktiv werden?


Zu meinem Anus habe ich keine gute Beziehung. Ich bin ziemlich eitel. Und da, wo die Sonne bei mir nie hinscheint, da ist alles ziemlich unansehnlich, wie ich finde. Wieso sollte ich mich damit also näher beschäftigen oder, Gott bewahre, in diese Richtung sexuell aktiv werden? Und doch habe ich den Entschluss gefasst, mich auszuprobieren. Habe mir Enthaarungswachsstreifen gekauft, um mal ein bisschen aufzuräumen, und viel mit Freunden gesprochen. Was soll ich sagen? Die Wachsstreifen liegen verstaubt im Bad, und mein Anus ist immer noch ein unerforschtes Gebiet. Was ist also mein Problem?
 
Das sollte mir am besten eine fachkundige Person erzählen. Noch bevor ich mit dem ersten Experten spreche und mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, stelle ich fest: Ich bin nicht allein. Hetero-Männer scheinen grundsätzlich ein Problem mit analer Penetration zu haben. Aber warum? Nach den ersten Anrufen und Mails kommt die zweite Erkenntnis: Einfach wird die Antwort nicht.
 
Das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité verkündet per Mail, es gebe keine datengestützten Untersuchungen zum Thema. Auch die Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung weiß von keinen empirischen Studien, spricht von anekdotischer Evidenz und dann von zu großen Objekten in Hintern heterosexueller Männer in der Notaufnahme. Konrad Weller, Autor der Bücher „Sexualität und Partnerschaft der Deutschen“ und „Kontinuität und Zyklizität der sexuellen Liberalisierung“, weiß[NR2]  zum Thema „nichts Substanzielles und nichts empirisch Basiertes zu sagen“. Und verweist mich an einen Kollegen. Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung antwortet erst gar nicht. Diese Sprachlosigkeit seiner Kollegen fasst Harald Stumpe, Sozialmediziner und Sexualwissenschaftler, mit einem lapidaren Satz zusammen: „Die Forschungslage sieht mies aus.“ Das hänge mit dem gesellschaftlichen Tabu zusammen. Selbst in der Sexualforschung gebe es zum Thema Analverkehr Vorbehalte. Es will einfach keiner der Arsch sein.

Plötzlich hieß die Gleichung nicht mehr penetriert gleich weiblich, sondern penetriert gleich schwul. Was in Deutschland mehr als 123 Jahre eine strafrechtliche Verfolgung nach sich zog: „So etwas prägt eine Gesellschaft“



Ich muss also ein bisschen breiter forschen. Mein persönlich zusammengecastetes Expertenteam, das ich telefonisch kontaktiere, setzt sich aus zwei Sexualwissenschaftlern, einer Pornografieforscherin und einem Literaturwissenschaftler zusammen. Die illustre Runde ist sich einig: Männliche Sexualität ist stereotyp aktiv, aggressiv, dominant. Eine unterwürfige, penetrierte Rolle passt nicht dazu. Penetrieren ist männlich. Penetriert werden ist weiblich. Das gehört dazu zum Geschlecht. Und das auch schon lange. Wer wen penetriert, stand im antiken Griechenland sogar mehr im Fokus als die Unterscheidung zwischen Mann und Frau, erklärt Literaturwissenschaftler Benedikt Wolf, der über penetrierte Männlichkeit promoviert hat. „Männer, also die mit Bart und Status, penetrieren Jünglinge, die keinen Bart haben, Frauen und Sklaven“, sagt Wolf.
 
Ich dachte immer, der Vorbehalt komme aus der Angst, schwul zu wirken. Aber das ist historisch zu kurz gedacht. Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß erklärt: „Lange war das Sich-penetrieren-Lassen mit Weiblichkeit assoziiert – nicht mit Homosexualität. Die Kategorie ‚Homosexueller‘ entstand erst Mitte des 19. Jahrhunderts. „Plötzlich hieß die Gleichung nicht mehr penetriert gleich weiblich, sondern penetriert gleich schwul. Was in Deutschland mehr als 123 Jahre eine strafrechtliche Verfolgung nach sich zog: „So etwas prägt eine Gesellschaft“, sagt Voß.
 
Bin ich frei davon? Sicher nicht. Zumindest wurde ich so sozialisiert. „Das ist doch schwul“ war in der Schule eine gängige Abwertung. Filme wie „Twilight“. Sportarten wie Turnen. Musik wie Tokio Hotel. Eigentlich war ich mal Fan. Meine Freunde machten mir aber ziemlich schnell klar, dass das schwul sei. Also hörte ich auf, Fan zu sein. Schwul wollte ich nicht sein. Das hing auch damit zusammen, dass alles Schwule irgendwie mit Weiblichkeit assoziiert wurde. Und eine Frau wollte ich schon gar nicht sein.
 
Irgendwann hörte das auf. Schwul war kein Schimpfwort mehr. Ich war sicherer in meiner Männlichkeit und hatte nicht mehr den Druck, sie ständig nach außen kommunizieren zu müssen. Aber kann ich mit diesen Gedanken, die mir in den unentwickelten Kinderkopf reingekloppt wurden, überhaupt komplett brechen?
 
Was viel tiefer sitzt, ist die Scham. Eine Scham, die ich nicht genau erklären kann. Eine Scham, die mich zusammenzucken lässt, wenn mir Freunde aus Spaß einen Arschbohrer verpassen – also einen unvermittelten Piekser mit dem Finger in ebenjenen. An meinem Po fühle ich mich verletzlich. Hier soll keiner ran. Auch meine Freundin nicht. Sogar wenn ich mich dort selbst berühre, geniere ich mich.

Über dem Tresen formt eine Lichterkette fuck gender. Auf den zweiten Blick erkennt man dann doch, dass es um Sex geht. Dildos aus allen Materialien, Vibratoren, Analplugs

 
Mit der Pornografieforscherin Nina Schumacher spreche ich darüber. „Scham ist sehr schwer abzulegen. Das schleift sich ein“, sagt sie. Ob über Medien, die Peergroup oder familiäre Bezugspersonen: Scham ist immer erlernt und nicht angeboren. Das heißt aber auch: Scham kann wieder abtrainiert werden. Das sei schwer. Reflektieren ist der erste Schritt. Sagt Schumacher.
 
Den Sexualforschern, der Pornografieforscherin und dem Literaturwissenschaftler habe ich davon erzählt, dass ich dem Widerstand, den ich spüre, auf den Grund gehen will – theoretisch, aber auch praktisch. Alle finden: was für ein tolles Projekt! Und wünschen mir gutes Gelingen. Einer sagt, dass es bei ihm genauso war. Die Theorie müsse dann auch mal in die Praxis umgesetzt werden.
 
Von so viel Positivität beflügelt, gehe ich in die „Erogene Zone“, einen Sexshop in Freiburg, der auf den ersten Blick gar nicht aussieht wie einer. Rosen blühen neben der blauen Holztür, draußen rauchen sympathisch aussehende Menschen. Drinnen beleuchten etliche Lampen den Raum. Die Wände sind cremeweiß gestrichen. Statt Postern mit gespreizten Beinen hängt eine schwarz-weiße Fotografie an der Wand. Darauf ein Mann mit nacktem Hintern, der im Wald verschwindet. Über dem Tresen formt eine Lichterkette fuck gender. Auf den zweiten Blick erkennt man dann doch, dass es um Sex geht. Dildos aus allen Materialien, Vibratoren, Analplugs. Aber auch Bücher: „How to be gay“, „Kommt gut“ und (scheinbar für Kinder): „Von wegen Bienchen & Blümchen!“ oder „Wuschelkopf und Pupspopo“.
 
Mir fällt es nicht schwer, mit einer völlig fremden Frau darüber zu sprechen, dass ich mich gern anal ausprobieren möchte. Es fühlt sich wie ein normales Verkaufsgespräch an, als würde ich eine neue Jeans kaufen wollen, die ein bisschen gewagter ist. Fürs Erste empfiehlt sie mir einen kleinen Analplug. Zum einen, um meinen Anus nicht zu überfordern, aber auch, um die Kosten gering zu halten, falls ich doch keinen Spaß am neuen Spielzeug haben sollte. „Oder ein Set. Da sind drei verschiedene Größen drin. Kostet aber auch ein bisschen mehr“, sagt sie.
 
Ich merke, wie ich mich langsam mit dem Gedanken anfreunde. Ja, vielleicht sogar übermütig werde. Was, wenn es mir gefällt und das kleine Ding mir nicht reicht? „Was brauche ich noch für ein unkompliziertes erstes Mal?“, frage ich. Geduld, Entspannung, sagt die Verkäuferin. Und: „Gleitgel. Unbedingt und viel davon.“ Es gibt spezielle Gels, die für Analsex gemacht sind. Die sind dickflüssiger, cremiger, haften länger auf der Haut. Im Gegensatz zur Vagina produziert der Analbereich keine eigene Feuchtigkeit.
 
Bevor ich meinen Plan in die Tat umsetze, schaue ich noch bei meinem Kumpel – der mit dem explosiven Orgasmus – vorbei. Wir sitzen in der Küche. Seine Freundin ist zufällig auch da. Auf dem Tisch zwischen ihm, ihr und mir liegt ein Dildo mit Harness, ein Hüftgurt zur Befestigung des Dildos. Er hat mir einen Espresso gemacht. Eigentlich wollte ich nur mit ihm über meinen Versuch, über meinen Widerstand im Kopf sprechen. Denn durch ihn habe ich ja überhaupt erst den Wunsch gespürt, mich damit zu beschäftigen. Nun bin ich froh, dass auch seine Freundin dabei ist. Sie legt den Grundstein für eine entspannte Atmosphäre, erzählt von sich. Mein Kumpel ist vorurteilsfrei, offen. Ich glaube, er freut sich auch, dass ich mich ihm anvertraue. Mit meinen Fragen, meinen Ängsten, meinen Unsicherheiten. Wie froh bin ich, dass ich Freunde habe, mit denen ich so ungezwungen über Sex sprechen kann. Es ist kein Überbieten à la „Ich habe noch nie“.
 
Zurück auf der Couch. Ich liege da. Nackt, die Beine gespreizt. Da ist so ein Gefühl im Bauch wie in der Achterbahn. Mulmig. Keine Angst, eher freudige Erwartung, bevor die Arme vor Erregung hochgerissen werden. Ich habe die Vorhänge zugezogen. Großzügig verteile ich Gleitgel auf dem glatten schwarzen Teil, das plötzlich groß genug wirkt. Ich atme aus, versuche zu entspannen.
 
Na dann.

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