Dieser Text ist aus:
KOMM MAL KLAR DAMIT
Der unfassbar unbeliebte Kanzler hat´s gesagt: Die Rente wird für viele ein böses Erwachen (ganz so hat er´s nicht gesagt, aber gemeint hat er´s so). Um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, versucht unser Autor jetzt schon mal mit dem Wenigen, das ihm dereinst bleiben wird, über die Runden zu kommen
Von: Alexander Krützfeldt; Top-Illus von Cruella Bobo
An einem Donnerstag beschließe ich, mich zur Ruhe zu setzen. Ich bin zwar erst vierzig, mache aber trotzdem einen Termin bei der Deutschen Rentenversicherung und erkläre dort mit einer gewissen Feierlichkeit, dass ich für ein Magazin namens DUMMY eine Weile ausschließlich von meinen angesammelten Rentenansprüchen leben wolle. Die Frau sieht mich prüfend an, und ich erwarte, dass sie jeden Moment schallend loslacht, den Kopf zurückwirft und mich dabei leicht am Unterarm berührt, aber nichts passiert.
Dann schiebt sie mir einen Zettel rüber, auf dem steht, dass ich maximal 1.050 Euro vor Steuern an Rente bekomme, wenn ich weiter so einzahle wie bisher. Im Grunde, sagt die Frau freundlich, müsse sie mich jetzt direkt an das Sozialamt überweisen. Für Wohngeld und Grundsicherung. Dabei hatte ich mich schon in jener sagenumwobenen Hängematte schaukeln sehen, vor deren verweichlichender Wirkung uns Friedrich Merz eindringlich warnt. Stattdessen schaue ich jetzt in einen Abgrund namens Rentenlücke. Die Differenz zwischen dem, was ich jetzt habe, und dem, was ich in den nächsten vier Wochen haben werde.
„Sie könnten theoretisch noch Geld zurücklegen“, sagt die Frau, „um die Semester für Ihren Bachelor zu kompensieren, die über die Regelstudienzeit hinausgingen und deshalb nicht angerechnet werden.“
„Wie viel?“, frage ich. „Bis zu 1.500 Euro im Monat“, sagt sie knapp. „Bis Sie 45 sind.“ Ich ziehe scharf die Luft ein. Wir schauen uns eine Weile an. Es ist ein langer Blick, bei dem man insgeheim hofft, dass der andere gleich sagt: „Spaaaß! Hier sind deine 3.500 Euro netto, du Aal!“ Aber es kommt nichts mehr. Man wird einfach so arm, ganz geräuschlos und still. Als würde man in Wasser hineingleiten.
Ich habe neun Euro am Tag und starte in meinen vorgezogenen Ruhestand mit der Frage: Wo finde ich nun einen Job?
Draußen, auf dem grauen Discounter-Parkplatz, überlege ich, was ich über die Rente weiß: Sie deckt oft nur einen Bruchteil des früheren Gehalts ab. Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Rentner. Die Inflation verringert die Kaufkraft des Geldes im Laufe der Jahre. Aber: Dass eine lange akademische Ausbildung richtige Lücken produziert, fühlt sich an wie ein Lebensbetrug. Meine Eltern hatten mich immer zum Studieren aufgefordert: Je höher der Abschluss, desto besser. Das wird mich insgesamt fast neun Jahre Rentenbeiträge kosten. Ich fühle mich betrogen.
Auf dem Weg durch die Automatiktür des Discounters überschlage ich: Miete, Versicherungen, Steuern, Handy. Selbst mit etwas Wohngeld bleiben mir – optimistisch gerechnet – nur etwa 270 Euro im Monat zum Leben. Zum sogenannten Leben. Zu dem, was dann vom Leben übrig ist, während ich mit dem Kehrblech schon die Scherben meiner Erwerbsbiografie zusammenkratze. Das sind exakt neun Euro am Tag. Ich starte in meinen vorgezogenen Ruhestand mit der Frage, die sich vermutlich Millionen Rentner in Deutschland stellen: Wo finde ich nun einen Job?

Aber ich versuche, das jetzt alles als Chance zu sehen. Zunächst wandere ich zwischen den Regalen hin und her und kaufe Gemüse und Obst, um nicht gleich an Skorbut zu sterben. Fleisch oder Fisch ist keine Frage mehr, sondern schlicht: unbezahlbar. Und Haltungsstufen 1 oder 2 kommen mir nicht in den Korb. Können ja die Tiere nichts für, dass ich so ein dummes, infantiles Rentenexperiment mache.
Ich bezahle 8,56 Euro und schwitze an der Kasse. Die Bananen muss ich zurückgehen lassen, alle Leute hinter mir schauen mich an, irritierte, neugierige Gesichter. Ja, warum nimmt er denn nicht die Karte, der Mann? Was ist mit ihm, ist er ein Boomer mit Klapphandy und Münzgeld oder vielleicht mittellos oder dumm? Ich entschuldige mich umständlich und sage, ich hätte wohl vergessen, meine Karte aufzuladen. Es ist eine Kleinstadt, in der ich wohne.
Mit meinen drei Sachen unter dem Arm schlendere ich durch die Innenstadt. Plötzlich sind alle Geschäfte unerreichbar, außer dem Ein-Euro-Laden oder dem Sozialkaufhaus. Ich fühle mich jetzt schon wie ein Zombie. Ich versuche, es als Chance zu sehen – zumindest sage ich mir das. Du kannst das doch: alles als Chance sehen. Das Leben fühlt sich gleich viel leichter an: Ich bin ja nun Vegetarier, und alle Entscheidungen, die mit Geld zusammenhängen, sind mir plötzlich abgenommen. Das Leben voller Apps und Streamingangebote schnurrt auf seine reine Existenz zusammen.
Es gibt auch gute Seiten des Rentnerlebens: zum Beispiel mal allen, die nicht im Ruhestand sind, gehörig auf den Sack zu gehen
Ich denke, ich sollte das Gute am Rentnerleben genießen: viel Zeit, überall im Weg stehen, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen andere beim Arbeiten begutachten und schlaue Tipps geben. Im Zeitlupentempo laufen und ständig was vergessen. Schlicht: allen anderen, die nicht im Ruhestand sind, gehörig auf den Sack gehen!
Statt meine fünfzig Cent zu sparen, verlängere ich vollkommen gedankenlos mein Parkticket. Ich mache es wie der Staat und gebe das Restbudget für Unsinn aus.
Mein Kochen besteht jetzt aus YouTube-Tutorials von Omas, die arm sind und sehr günstiges Essen machen (müssen). Ich schreibe Einkaufslisten für acht Euro und lege einen in die Kaffeekasse. Ich achte viel mehr auf Gemüse und Obst, weil das noch erschwinglich ist. Und fühle mich gesünder ernährt, leichter. Auch kündige ich alle ablenkenden Apps, nur das Fitnessstudio behalte ich. Erstens bin ich unglücklicherweise in einen Zweijahresvertrag geraten. Zweitens gab mir mein Vater, mein Rentner-Mentor, der seinen Ruhestand überwiegend auf Reisen verbringt, den Tipp, auf Fitness und Muskelschwund im Alter zu achten. Und da meine Eltern ihren verdienten Ruhestand auf ausgedehnten Reisen im Indopazifik oder auf Island genießen und damit mehr auf Achse sind als ein durchschnittliches Instagram-Pärchen, beherzige ich das auch. Da will ich doch hin, das ist die Vision.

Nach einer Woche fehlen mir praktisch schon alle Lebensmittel. Die Vorräte sind aufgebraucht, auch der Kaffee ist alle. Kostenpunkt: knappe zehn Euro. Ich schaue in die jetzt komplett geleerte Kaffeekasse wie in einen Abgrund. Wenn man lange genug hineinblickt … nun ja. Wie schrieb der deutsche Schriftsteller Selim Özdoğan: Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist.
Absolut nichts darf hier kaputtgehen. Im Haushalt, aber auch in mir. Sonst wird’s ernst. Also ernster als ernst, wie meine Mutter früher über den Rand ihrer Brillengläser zu sagen pflegte, wenn ich Scheiße gebaut hatte. Wenigstens lässt sich gut und günstig essen mit meinem Reiskocher! Den hatte ich mir angeschafft und nie genutzt. Aber jetzt nutze ich ihn. Ich kann auch alle gekauften, aber ungelesenen Bücher in meinen Regalen endlich lesen. Der Fundus könnte mich locker mehrere Monate beschäftigen. Ich lehne an der Küchenzeile und schreibe eine Liste. Die Überschrift: Von praktisch nichts leben. Erster Punkt: Möglichst noch weniger essen.
Ich habe solchen Hunger. Ein Blick auf meine Waage im Badezimmer bestätigt den Eindruck: Ich habe drei Kilo abgenommen. Ist das gut oder schlecht oder beides?
Ab jetzt sind auch Geburtstage anderer nicht mehr drin, da werde ich absagen müssen, um das Geschenk zu vermeiden. Meiner Mutter, die als Nächstes feiert, kündige ich schon mal an, dass es dieses Jahr leider keine Geschenke geben wird, und sie sagt: „Mach einfach.“ Wobei in diesem „Mach einfach“ ein gewisser Fatalismus mitschwingt. Vermutlich weil ich auch vorher immer alle Geschenke vergessen habe und niemand mehr irgendetwas von mir erwartet.
Das Schlimmste ist die Einsamkeit, die sich langsam an mich schmiegt wie eine Katze
Die erbärmliche Stille, die sich gerade bei mir einstellt, kannten nur meine Großeltern. Die verbrachten ihre Rente, wohlsituiert und traumatisiert vom Nationalsozialismus, bedingungslos vor dem heimischen Fernsehgerät. Wenn mein Großvater umschalten wollte, stellte Oma ihre Finger an der Fernbedienung auf wie Spinnenbeine.
Während ich die erste Woche alles noch als eine Art Spiel, einen Wettbewerb begreife, wachsen in den weiteren Wochen die Zweifel. Ich merke, dass meine Freunde mich einladen wollen (sie wissen von meinem Experiment), wenn sie abends ausgehen oder ins Schwimmbad fahren, aber das ist mir peinlich. Ich versuche, teure Anlässe zu meiden. Doch je mehr ich das tue, desto stärker nehme ich wahr, wie oft meine Freundinnen und Freunde essen oder ins Kino gehen. Ich stelle mir vor, wie es sein wird, wenn wir alt sind und ich ständig außen vor bleibe. Das Schlimmste ist die Einsamkeit, die sich langsam an mich schmiegt wie eine Katze.
Auch meine Wohnung ist viel zu groß für Wohngeld. Klar, man braucht auch keine neunzig Quadratmeter mehr, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Aber wie viel Besuch kriegst du in einer Einzimmerwohnung am Arsch der Heide, wenn deine Freunde vielleicht sagen: „Nichts für ungut. Aber lass uns doch woanders treffen.“ Ein Tisch mit acht Stühlen macht eben einen Unterschied zu einem mit drei.
Ich habe wahnsinnig viel Zeit, aber die Motivation, aus dieser Zeit was zu machen, nimmt ab. Alles hat immer mehr oder weniger mit Geld zu tun. Der Hunger ist mein ständiger Begleiter. Zur Ablenkung will ich mich mal umschauen, was meine Leidensgenossen so treiben.

Auf dem Markt sehe ich Rentner um die Auslagen feilschen. Eine greise Frau fragt die Verkäuferin kokett, ob sie Apple Pay nehmen würde. Die Verkäuferin sagt: „Ja!“ Ich fühle mich deplatziert mit meinem abgezählten Kleingeld. Die alten Paare, bei denen noch beide leben, laufen im Zeitlupentempo; der Wind spielt an ihren weißen Haaren und Funktionsjacken. Und immer geht die Frau vorweg – mit Einkaufszettel in der Hand. Der Mann tappt im Abstand von zwei Schritten hinterher.
Aber das scheinen nicht die Rentner zu sein, die so wenig haben wie ich. Die trifft man hier nicht. Der Wochenmarkt ist schön für Gesellschaft und mal eben stehen bleiben und über Altersgebrechen schwatzen, aber richtig schlecht, wenn du was Günstiges kaufen willst. Merkwürdig auch, wie schnell sich eine leise Verachtung bei mir einschleicht: für die Arglosigkeit der anderen, für jeden beiläufig bestellten zweiten Kaffee, für diese dekadente Selbstverständlichkeit, mit der die Boomer ihr Geld verbrennen. Die Rentnerinnen und Rentner, die das nicht können, sind im Stadtbild schlicht unsichtbar.
Und plötzlich ist da ein anderer Gedanke, der sich über mich legt wie ein Schatten: dass ich eines Tages meinen Kindern auf der Tasche liegen werde. Das will ich auf keinen Fall. Aber was mache ich dann?
Das meiste Wohngeld, hatte die Frau bei der Rentenversicherung gesagt, werde heute schon für Seniorinnen und Senioren bezahlt. Ein gigantischer Apparat passt penibel auf, dass sie nach vierzig Jahren Schaffen gerade so viel bekommen, um nicht laut aufzuschreien, aber zu wenig, um noch am Leben teilzunehmen. Ein bürokratisches Narkosemittel, das auf die eigene Scham setzt.
Wer früher stirbt, ist weniger arm
Dieser Staat ist für lückenlose Fließbandbiografien gebaut worden. Wer mal falsch abgebogen ist, wer geschrieben, gemalt oder gelebt hat, hat keinen Platz. Einfach nur leben ist für Menschen wie Friedrich Merz ein Affront.
Für meine Generation ist diese alte Idee vom Ruhestand eine Fata Morgana. Vielleicht sollten wir uns alle heute schon geschlossen in den Ruhestand begeben, um am Ende noch arbeiten zu können. Oder um jetzt in den Widerstand zu gehen. Sonst reicht es am Ende nur für einen Zettel am Kühlschrank: Das Leben war schön, gute Nacht.
Wer früher stirbt, ist weniger arm. Das habe ich nach diesen vier Wochen gelernt – und noch nie habe ich solche Angst vor der Zukunft gehabt. (Ende)
