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Über das Recht zu verschwinden
Häusliche Gewalt, beruflicher Druck und Konventionen: In Japan lassen viele Menschen ihr altes Leben hinter sich und sind plötzlich einfach weg. Zurück bleiben Angehörige, die oft ihr
ganzes Leben lang nichts mehr von den Verschwundenen hören. Denn in Japan gibt es das Recht, nicht gefunden zu werden
Von Sören Kittel; Bilder: Gili Benita
An einem Mittwoch im Frühsommer, als die Regenzeit gerade begonnen hatte, ließ Hiroyuki Endō sein bisheriges Leben hinter sich. Alles, was er mitnahm, war eine schmale, längliche Tasche. Sie enthielt seine Messer. (…) Frau Shimizu, die ihn mit ihrem Wagen erwartete, schalt ihn deswegen, aber er erklärte ihr, dass er seine Messer nicht zurücklassen könne, sie seien sein Besitz, lieber lasse er sein Leben zurück.
Der Japaner Hiroyuki Endō ist eine Romanfigur in einem Krimi, der vor zwei Jahren erschien und in dem der Protagonist sein Leben beendet, ohne sich umzubringen. Er lässt alles hinter sich: Frau, Haus, Job, Freunde, Bücher, Haustiere, Familie, alles, was sein Leben ausmachte – um neu zu beginnen. Als Sushi-Koch nimmer er nur seine Messer mit.
Diese Art des Verschwindens hat in Japan einen eigenen Namen: Jōhatsu. Das Wort bezeichnet zunächst nur den Übergang eines festen Stoffs in einen gasförmigen. „Verdunsten“ ist wohl eine gute deutsche Übersetzung, oder: „sich in Luft auflösen“. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Extremphänomen einer uns fremden, fernen Gesellschaft. Tatsächlich erzählt es von etwas Universellem: dem Wunsch, aus einem unerträglich gewordenen Leben auszusteigen.
In Deutschland werden jedes Jahr rund 100.000 Menschen als vermisst gemeldet
Dass Menschen verschwinden, passiert immer wieder, überall auf der Welt. In Deutschland werden jedes Jahr rund 100.000 Menschen als vermisst gemeldet. Die Zahl wirkt hoch, relativiert sich aber schnell: Der Großteil der Verschwundenen taucht innerhalb weniger Tage oder Wochen wieder auf. Oft sind es Jugendliche, die weglaufen, oder Menschen, die vorübergehend den Kontakt mit ihrer Familie abbrechen. Nur ein sehr kleiner Teil bleibt dauerhaft verschwunden. Anders als beim japanischen Jōhatsu handelt es sich dabei selten um einen organisierten, bewussten Neuanfang – sondern eher um kurzfristige Krisen, Konflikte oder Ausnahmesituationen.
Drei Menschen wissen mehr über Jōhatsu: Da ist die Frankfurter Japanologie-Professorin Lisette Gebhardt, die unter anderem zu religiösen Vorstellungen in Japan geforscht hat. Da ist der Hamburger Autor Henrik Siebold, der über das Verschwinden des Hiroyuki Endō einen Kriminalroman geschrieben hat. Und da ist Andreas Hartmann, der gemeinsam mit dem Japaner Arata Mori den Film „Jōhatsu – Die sich in Luft auflösen“ gedreht hat. Ihre Dokumentation hat international Preise gewonnen und Menschen zum Weinen gebracht. Denn sie schafft das Unmögliche: Sie zeigt diejenigen, die doch eigentlich für immer verschwunden sind.
Die erste Szene von „Jōhatsu“ ist vielleicht die dramatischste und erinnert ein wenig an Hiroyuki Endōs Flucht: Ein Mann rennt mit einem Rucksack aus seiner Wohnung. Er steigt in einen Kastenwagen, jemand zieht die Tür zu, Reifen quietschen, die Kamera wackelt. Der junge Mann erzählt völlig außer Atem: „Meine Freundin hat mich die ganze Zeit beobachtet, sie hat schon etwas geahnt, hat mich überwacht die letzten Tage.“ Eine Frau beruhigt ihn: „Sie sind jetzt in Sicherheit, niemand folgt uns. Gut, dass Sie es geschafft haben.“ Sie ist die Umzugshelferin.

Für die Filmemacher waren die Helfer der Schlüssel zum Thema, jene professionellen Unternehmen, die alles für einen Jōhatsu organisieren: neue Wohnung, neuer Job, neue Identität. Andreas Hartmann sagt, dass sie die Helferin in der Dokumentation jahrelang gefragt haben, ob ein Klient sich filmen lassen wolle. „Aber sie sagte immer, das sei unmöglich.“ Dann aber klappte es doch. Die Existenz der Helferfirmen mache den Unterschied zu deutschen Verschwundenen. „Japanern ist nicht bewusst“, sagt Hartmann, „dass es solche Firmen im Ausland nicht gibt.“ Viele Deutsche fragen nach der Filmvorführung: Warum ziehen sie nicht einfach am Tag um?
Die Gründe dafür sind vielfältig: Der junge Mann im Film litt unter häuslicher Gewalt, seine Freundin schlug ihn seit Jahren. Andere fliehen wegen hoher Schulden, wegen einer Arbeit, die sie hassen, oder wegen eines großen Fehlers, mit dem sie ihrer Firma geschadet haben. Bei manchen liegt der Grund tiefer, in einer Scham, die über Jahre immer größer wurde. Freunde, Familie, Partner, Kollegen, Nachbarn: Alle haben Erwartungen, die in der japanischen Gesellschaft erfüllt werden müssen. Ein konfuzianisches Sprichwort sagt: „Schaut ein Nagel heraus, klopf ihn ein.“
Überall in Japan spielten Hierarchien und Erwartungen eine Rolle
Die Professorin Lisette Gebhardt erinnert sich an ihre Zeit in Japan: „Wenn Sie in einem Apartmentblock in Tokio leben, müssen Sie immer guten Kontakt zu den Nachbarn halten. Es gibt viele Vorschriften, die alle einhalten müssen.“ Normal sei, dass der Concierge des Hauses den Müll überprüft, ob auch wirklich nichts Brennbares im Sack für Nichtbrennbares gelandet ist. „Das machen auch Nachbarn untereinander, und es ist nicht ungewöhnlich, auf Fehler hingewiesen zu werden.“ Dieser Druck setze sich auch in anderen Beziehungen fort, überall spielten Hierarchien und Erwartungen eine Rolle. „Japan ist nicht generell eine Zwangsgemeinschaft, aber es gibt viele Normen, und für viele ist Jōhatsu der einzige Weg, innere Freiheit zu erlangen.“
Auch Buchautor Henrik Siebold hat in Japan gelebt, ist dort aufgewachsen und sieht die Scham als einen Schlüsselbegriff, um das Land zu verstehen. „Wer den Erwartungen der Gruppe nicht entspricht, hat einen sozialen Makel.“ Scham beginne schon, wenn man ein Formular falsch ausfülle. Siebold erinnert sich an den Besuch eines Japaners in Deutschland. „Wir sind mit der Bahn gefahren, und als der Zug zu spät kam, ertönte die Ansage, schuld sei eine Weichenstörung.“ Sein japanischer Besucher aber fand das feige von den Deutschen und habe gerufen: „Es muss heißen: Wir sind schuld, nicht die Weiche!“
Jōhatsu ist kein neues Phänomen. Es tauchte bereits in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Japan auf, in einer Zeit des schnellen wirtschaftlichen Wachstums. In den Neunzigerjahren, während der wirtschaftlichen Krise nach dem Platzen der Spekulationsblase, gewann das „Verdunsten“ erneut an Bedeutung, rückte dann für einige Jahre in den Hintergrund, um während der neoliberalen Reformen unter Ministerpräsident Koizumi wieder zum Thema zu werden. Einen erneuten Anstieg von Jōhatsu vermutete man nach dem Tsunami 2011: Damals wurden viele Menschen als vermisst gemeldet, und bis heute ist nicht immer klar, ob sie wirklich ums Leben kamen oder einfach untertauchten.
Nach zwei langen nächtlichen Autofahrten und einer Fährüberfahrt gelangte Endō erst nach Okinawa und von dort nach Taiwan. Seine Flucht schien gelungen zu sein. Auf Taiwan unterzog er sich mehreren schönheitschirurgischen Eingriffen, und während seine Narben verheilten, sah er im Fernsehen Berichte über sich selbst und sein unerklärliches Verschwinden. Die Bilder zeigten auch seine weinende Frau, und doch gelang Endō ein Lächeln. Er hatte es geschafft.
Seit zehn Jahren schreibt Henrik Siebold Kriminalromane – wie seinen aktuellen Roman „Inspektor Takeda und der tödliche Ruhm“ über das Verschwinden von Hiroyuki Endō mit vielen Wendungen, einer großen Liebe und großem Verständnis für japanische Eigenheiten. In all den Büchern geht es um einen japanischen Polizisten Ken Takeda, der Mordfälle in Hamburg löst. „Japaner bespiegeln sich selbst gern“, sagt Siebold, „und mögen es, wenn auch andere diese Besonderheiten anerkennen.“
Dabei ist der Begriff Jōhatsu nur eines von vielen japanischen Schlagwörtern: Hikikomori beschreibt den Rückzug nach innen, also Menschen, die nur noch in einem Zimmer leben und nicht vor die Tür gehen. Kodokushi steht am Ende einer langen Einsamkeit und bedeutet „einsamer Tod“. Karoshi markiert den Tod durch Anpassung und Überarbeitung. All das klingt nach Phänomenen, die weltweit existieren. Denn sie machen soziale Brüche sichtbar, die auch in anderen Gesellschaften auftreten, dort aber oft namenlos bleiben. Weniger etwas genuin Japanisches sind sie vielmehr ein Zeichen dafür, dass Krisen so häufig auftreten, dass sie eigene Begriffe bekommen – und sich sogar eine eigene Industrie darum bildet.
Die Helferin in der Doku „Jōhatsu“ erzählt später, dass auch sie selbst ihr Leben zurückgelassen hat und deshalb ihre Klienten versteht. Firmen wie ihre heißen Yonigeya, wörtlich: „Nachtfluchtunternehmen“. Sie geben Starthilfe in den Untergrund und wissen genau, in welchen Stadtteilen der Großstädte ein neues Leben möglich ist. Zurück bleiben Angehörige, die oft ihr ganzes Leben lang nichts mehr von den Verschwundenen hören. Denn in Japan haben Verschwundene das Recht, nicht gefunden zu werden.
Es gibt in Japan eben ein Recht auf das Verschwinden, wenn man erwachsen ist
Japanologin Lisette Gebhardt sagt, dass es für die Familie oft tragisch sei, weil Behörden selbst ihnen den Meldeort eines verschwundenen Partners nicht nennen. „Es gibt in Japan eben ein Recht auf das Verschwinden, wenn man erwachsen ist.“ Die „Verdunsteten“ leben dann oft in einfachen Wohnungen, bezahlen nur mit Bargeld, haben kein Mobiltelefon und eine Arbeit, die unter dem Radar läuft. „Für manche sind sie dann die Loser der Gesellschaft“, sagt Gebhardt, „sich selbst sehen sie als rebellisch, unangepasst und frei.“ Schließlich geht es bei ihnen nicht mehr um Aufstieg, Karriere und: Druck.
Die Filmemacher Arata Mori und Andreas Hartmann haben sich für ihre Dokumentation in Vierteln in Osaka umgehört, Menschen angesprochen und sie nach ihrer Geschichte befragt. Es habe lange gedauert, bis die beiden ihr Vertrauen gewonnen haben. „Und wir mussten ihnen versprechen“, sagt Hartmann, „dass wir in Japan eine andere Version des Films zeigen, eine, in der ihre Gesichter mit KI anonymisiert sind.“ Einige der Protagonisten seien sogar zur Premiere aufgetaucht, blieben über den Abend aber inkognito.
Und doch gibt es auch Geschichten mit Happy End in der Dokumentation: Das Leben im Untergrund ist nicht immer eine Einbahnstraße. Menschen engagieren Privatdetektive und finden ihre Ex-Partner wieder. Spielsüchtige beginnen Therapien und lernen, wieder mit Geld umzugehen. Familienväter treffen nach Jahren ihre Kinder wieder und entschuldigen sich für ihr plötzliches Verschwinden. Die Kamera ist bei diesen Begegnungen nicht dabei, nur eine Audiospur erzählt von diesen besonderen Momenten.

Von einer anderen, neuen Perspektive auf Jōhatsu berichtet Lisette Gebhardt. Ihrer Meinung nach lässt sich das Phänomen auch philosophisch betrachten. Schon Kindern würden im japanischen Alltag buddhistische Denkmuster beigebracht. „Alle kennen die Vorstellung, dass das Leben von einem ständigen Kreislauf geprägt ist“, sagt sie. „Ein bewusster Bruch mit der bisherigen Identität ist für manche kein spektakulärer Neuanfang, sondern eher ein stilles Zurücktreten und ein Warten auf das Nirwana.“ Manche „Verdunstete“ würden zudem ohne größere Probleme verzichten: auf Besitz, Prestige, Beziehungen. „Sie wollen das Leben in Ruhe zu Ende leben, sie halten das Dasein aus, aber wollen nichts mehr.“
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung: Jōhatsu erzählt nicht von einem fernen, rätselhaften Japan, sondern von einer Möglichkeit, die auch in westlichen Gesellschaften letztlich denkbar ist. Alles abbrechen. Nicht mehr erreichbar sein. Den Namen, die Adresse, sein Leben zurücklassen. Der deutsche Ausdruck „Leb wohl“ ist rund 500 Jahre alt und bezeichnet einen endgültigen Abschied. Und auch der Autor von „Inspektor Takeda und der tödliche Ruhm“ heißt nicht so, wie es auf dem Buchcover steht. Henrik Siebold ist ein Pseudonym, das er gewählt hat, weil er früher „über Liebe“ geschrieben hat, wie er sagt: „Jetzt über den Tod.“ In Wirklichkeit heißt er Daniel Bielenstein. Man könnte sagen, der Autor hat eine Art Mini-Jōhatsu gemacht.
Schließlich bestieg Endō ein Flugzeug, das ihn zunächst nach Seoul brachte. Von dort flog er weiter über München nach Hamburg. (…) Voller Kummer fragte ein Freund, was denn nur geschehen sei und warum ein Mann von Endōs Rang sich zu einem solch drastischen Schritt entschlossen habe. Als Endō nicht antwortete, verbeugte sich der Freund, bat um Verzeihung für seine Neugier und versprach, niemals wieder Fragen zu stellen.