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Hin und weg von diesem Land

Unsere Autorin ist aufs Fahrrad gestiegen und über 3.000 Kilometer nach Istanbul gestrampelt, um mal alles hinter sich zu lassen. Nur Deutschland hat sie irgendwie nicht abschütteln können

Von Judith von Plato; Illustration von Frank Höhne

Es ist heiß. Kein fröhliches Eisdielenheiß, sondern die Art von Hitze, die dich daran erinnert, dass dein Überleben von einem fünfzehn Millionen Grad heißen Gasstern abhängt. Unter diesem Stern strample ich auf meinem Rad, immer und immer weiter, mitten durch die Hitzewarnungen in Europa. Meine Muskeln sind zäh, die Finger taub. Um mich herum nichts: keine Autos, keine Häuser, keine Industrie, nur etwas Landwirtschaft, oder das, was von ihr übrig ist: Felder mit Stoppeln und verdorrten Sonnenblumen. Ich werde gegrillt mit Ober- und Unterhitze, Sonne und Beton, dazwischen mein brutzelnder Körper. Meine Kehle ist trocken, mein Kopf pocht. Proviant und Wasser neigen sich dem Ende zu, während mein Schweiß verschwenderisch aus jeder Pore strömt.

Was ich hier tue, ist Urlaub. Dafür habe ich mich entschieden. Nicht besonders gut informiert, aber frei. Es ist der Versuch, von Berlin nach Istanbul zu gelangen – mit dem Fahrrad. Ich wollte weg, nicht aus einem Leidensdruck heraus, nicht abrupt, sondern ganz gemächlich, um den Übergang vom Vertrauten zum Fremden zu erleben. Und ich war neugierig, ob mein Körper das schaffen kann.

In diesem Moment auf der Straße bin ich mir nicht mehr sicher. Zumindest nicht so sicher wie zu Beginn der Tour, als ich an einem grauen Junivormittag aus der Haustür trat, die Taschen an mein altes Rad schnallte, mich auf den Sattel schwang und losdüste. Wohlgelaunt und voller Optimismus. Eine feste Route stand nicht. Der Gemüsedöner in Rudow war der erste Stopp. Ab da: nur noch 3.175 Kilometer bis nach Istanbul. 

Was sollte schon schiefgehen? Ich bin einer dieser nervigen Menschen, die am liebsten überall hinradeln, die Helm und Regenhose besitzen und sie sogar manchmal tragen. Ich liebe Fahrradfahren. So viel wusste ich. Was ich noch nicht wusste, war, wie sehr ich es hassen könnte. Und: wie sehr ich es hassen und lieben könnte zugleich.

Ganz allein machte ich mich nicht auf den Weg. Die meiste Zeit fahren wir zu zweit, mal zu dritt. Auch wenn es sich auf dem Rad mehr wie ein Ich als ein Wir anfühlt. Die Kraft meiner­ Muskeln, meines Willens muss mich ans Ziel bringen. Was klingt wie das Credo eines Tech-Bros, fühlt sich auf dem Rad ziemlich real an. Ihr könnt euch gut zureden, aber am Ende sind es deine Beine, die entscheiden, ob du den nächsten Stopp erreichst, den nächsten Ort, das nächste Land und vielleicht dein Ziel, Tausende Kilometer entfernt.

Noch 2.800 Kilometer bis Istanbul

Die Tragweite dessen wurde mir ungefähr an Tag 4 bewusst, als sich meine muskelverkaterten Beine gerade so schnell bewegen ließen, dass ich nicht umfiel. Noch 2.800 Kilometer bis Istanbul. Die monotone Bewegung war von jetzt an mein Vollzeitjob. So betrachtet klang das Vorhaben allerdings weniger reizvoll als meine klischierte Vorstellung von Freiheit und Abenteuer. 

Berlin und den Spreewald hatten wir hinter uns gelassen. Waren durch wunderschöne Landschaften gefahren, vorbei an Brandenburger Seen und Feldern, Burgen in Sachsen und Deutschlandfahnen, hatten unsere Strecke durch einen Nationalpark abgekürzt und waren in Tschechien angekommen. Hier überfluteten uns Glücksgefühle: Mittelalterliche Städtchen, Dorfkirchen, die Natur und die rasanten Abfahrten die Berge hinab machen plötzlich Lust auf mehr. Mal schlafen wir im Zelt, mal in Unterkünften. Und wir sehen Orte, die trotz ihrer Schönheit nicht über das Grauen der Vergangenheit hinwegtäuschen können. Hinter den Stadtmauern Theresienstadts, wo Nazis Zehntausende Menschen ermordet hatten, machen wir Rast.  

An Tag 9, 2.000 Kilometer bis Istanbul, verliebe ich mich in Weizen. Das Getreide sieht absurd weich aus. Im Wind wogt es hin und her, als seien alle Pflanzen eins. Lavendel, Mohn und Knopfblumen säumen die Felder. An Tag 10 stelle ich fest, dass mein Rad merkwürdige Geräusche von sich gibt. Es wird nur noch eine Woche durchhalten, bis Jakof, ein junger kroatischer Fahrradkenner, der selbst oft mit dem Rad unterwegs ist, es in Zagreb repariert. Nur nach Serbien, wohin wir gerade unterwegs sind, würde er nicht fahren. Seit dem Kriegsende sind fast dreißig Jahre vergangen. Für ihn keine lange Zeit. 

Je weiter Deutschland hinter uns liegt, desto weniger können wir es loswerden. Immer mehr Menschen sprechen uns an. Auf Deutsch. Wenn Radlerhose und Helm nicht Indiz genug sind, verraten uns die Radtaschen. Ich schäme mich, unsere Bekanntschaften freuen sich. In jedem noch so kleinen Dorf in Europa fühlen sich Menschen dem Land verbunden, von dem ich mich entferne: von der Kneipenbesitzerin oder der Reinigungskraft über den Kraftfahrer und die Studentin bis hin zum Physiotherapeuten und Informatiker. Empfangen werden wir mit Gesprächen, Essen und Trinken.

Deutschland ist für sie alle ihre erste oder zweite Heimat, das Land, in dem Familie lebt, in das sie oder ihre Eltern zum Arbeiten oder Studieren kamen oder in dem sie Zuflucht fanden – meist auf Zeit. Auf unserer Fahrt kreuzen wir immer wieder die Balkanroute. Von Menschen, die weiter in den Norden zu gelangen versuchen, bekommen wir nichts mit. Aber wir hören Geschichten über Migra­tion und werden von vielen angesprochen, die Deutschland zugewandt sind. Ihr Bild ist nicht vollständig. Trotzdem macht der positive Blick etwas mit mir. Er verschiebt meinen Fokus und zeigt mir, was ich bisher übersehen habe.

Immer noch 1.166 Kilometer

In Serbien misst ein Thermometer 41 Grad. Aufgeplatzte Wassermelonen, heruntergefallen von Anhängern, gären am Straßenrand. Es wäre so leicht, in den nächsten Zug zu steigen. 1.166 Kilometer noch bis Istanbul. Und doch beflügeln mich all die wohlwollenden Begegnungen auf unserer Reise, holen mich zurück in eine Realität außerhalb meines Körpers.

Tag 30: Kurz vor der Grenze zwischen ­Serbien und Kosovo laden uns zwei Cousins zu sich ein. Sie sprechen kein Deutsch, aber wir haben unsere Handys. Wir sollen ihrem Auto folgen. Es sei nah. Nah aus Autoperspektive, eine gefühlte Ewigkeit auf dem Rad. Autos und Lkw überholen unsere Karawane, niemand stört sich an uns. Im Garten übersetzt der elfjährige Sohn mühelos die Warnungen der Erwachsenen vor unserem nächsten Stopp, Kosovo. Englisch habe er sich mit YouTube beigebracht.

Auf beiden Seiten der Grenze werden wir von Menschen nett behandelt, die oft gegenseitigen Groll hegen. Ich fühle mich wie ein Satellit, der unbeschwert von Konflikten durch die Gegend schwebt. Dabei war Deutschland beteiligt: Der Kosovokrieg war der erste Kriegseinsatz der Bundeswehr nach dem Zweiten Weltkrieg. Und überall in Kosovo ist Deutschland präsent. Deutsch ist an jeder Ecke zu hören. Autos mit deutschen Kennzeichen überholen uns und hupen freundlich. Eins hält neben uns an. Ein junger Typ steigt aus, begrüßt uns mit „Servus“ und fragt, ob wir irgendetwas bräuchten. Er ist Informatiker in München und gerade zu Besuch bei seinen Eltern, die vor dem Krieg nach Deutschland flohen. Als er sieben war, kehrten sie zurück, er zog Jahre später zum Studium nach Bayern. Abends bin ich zu müde zum Denken. Mein Körper fühlt sich an wie eine Baustelle. Alles schmerzt, ist wund, taub oder verbrannt. Doch der Schmerz vermischt sich mit Stolz. Ich bin nicht stolz auf mich. Ich bin stolz auf meinen Körper. Irgendwann ist geschehen, dass wir nicht mehr eins sind, mein Körper und ich. Ich musste mich lösen von dem, was er brauchte, um weiterfahren zu können.

Noch 665 Kilometer

In wenigen Tagen durchqueren wir Kosovo, Nordmazedonien und das prunkvolle Skopje,­­vorbei an etlichen Ausgrabungsstätten Richtung Griechen­land. Tag 38: zurück in der EU, noch 665 Kilometer. Die Zahl sagt wenig aus, das weiß ich inzwischen. Wir sind abhängig von der Gunst der Berge und der Willkür des Windes. Auf der Suche nach etwas zu essen und zu trinken verlassen wir unsere Route, schleppen uns durch Örtchen, kein Mensch nirgends.

Irgendwann erspähen wir einen draht­igen­ Mann über sechzig: Iosif. Ob er Englisch spreche? Er lacht. Ein Blick zu seinem Kennzeichen hätte genügt: Mönchengladbach. 

Iosif­ und seine Cousine retten uns; sie hat ein Restaurant. Dass es geschlossen ist, stört weder sie noch ihn. Und Iosif erzählt. Wie er mit achtzehn nach Deutschland kam, studierte, sich verliebte, Vater und Großvater wurde. Wir sollten in Griechenland bleiben, anstatt in die Türkei zu fahren. Doch für uns scheint Istanbul zum Greifen nah.

Die letzten Tage bestehen aus Radeln, Natur und Menschen. Es ist atemberaubend, und die Begegnungen sind geradezu surreal für uns, die wir mit deutscher Gastunfreundlichkeit sozialisiert sind. An jeder Ecke kommen wir ins Gespräch. Uns werden Schlafplätze, Essen, Kaffee und Cay angeboten.

Geschafft

Und dann ist es so weit. Am Tag 49 oder 50 kommen wir in Istanbul an. Die Stadt hat keinen Anfang und kein Ende. Erst sind es nur Dörfer, die dazugehören, dann wird es großstädtischer, bis uns die Metropole ganz verschluckt. Glücklich und stolz sind wir am Ziel, aber mir wird auch klar, dass mir die Routine der letzten Wochen fehlen wird. Die Struktur, die Aufgabe, die mich angetrieben hat. 

Bald werde ich im Flieger sitzen, gerade mal drei Stunden sind es bis Deutschland. Und ich habe fünfzig Tage auf dem Fahrrad gebraucht, um zu verstehen, wie nah es doch ist.  

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