Würgegeräusche um Mitternacht
Unter Nachbarn wird sich besonders häufig gestritten. Mal geht es um Lärm, mal um den Kinderwagen im Hausflur oder den Müll. Und manchen Menschen kann man gar nichts rechtmachen – wie der Nachbarin von David und Anna. Chronik eines jahrelangen Psychokrieges
Von Paul Weinheimer: Illustrationen von Alex Diel
Unklar, ab wann ihnen alles zu viel wurde. Wann der Punkt für Anna und David erreicht war, an dem sie nicht mehr konnten. An dem die Verzweiflung in Wut umschlug. Sie darüber nachdachten, die Wohnung, über die sie sich so gefreut hatten, zu verlassen. Irgendwo anders hinzuziehen, Hauptsache, weit weg von Frau Schmidt.
Vielleicht war die Grenze überschritten, als Frau Schmidt den Nachbarn erzählte, wann sie miteinander schliefen, wann sie auf die Toilette gingen, weil sie darüber akribisch Buch führte, wie über so vieles. Wann sie Musik hörten, wann sie den Müll entsorgten, ob sie diesen auch richtig trennten, ob die Fahrräder am richtigen Platz im Hof standen. Wenn David heute davon erzählt, klingt das alles so absurd, selbst für ihn, der es ja erlebt hat. Manchmal klingt es fast lustig. Aber das war es überhaupt nicht.
Sieben Jahre ist es her, dass David und Anna die Zusage für ihre erste gemeinsame Wohnung bekamen. Frisch verliebt und dann zwei Zimmer, Küche, Bad, mitten in der Innenstadt von Bremen. Das Leben war schön und die Miete erstaunlich günstig. Der Vermieter verzichtete darauf, sie zu erhöhen, auch weil es da eine Nachbarin und Miteigentümerin gebe, die nicht ganz einfach sei. Eine Art Schmerzensgeld also. Einfach ruhig verhalten, dann gehe das schon, sagte der Vermieter, als sie den Vertrag unterschrieben.
Kurz darauf waren Anna und David zum ersten Mal in ihrer neuen Wohnung, um die Wände zu streichen. Es war der Erste Mai, der Tag der Arbeit, das passte ganz gut zum Renovieren. Sie hörten leise Musik, fuhren mit den Farbrollen über die Wände und malten sich aus, wie sie im Sommer gemeinsam auf dem Balkon sitzen würden. Als sie die Wohnung verließen, fanden sie einen Haufen Zettel auf der Fußmatte. Ausgedruckte Rechtsbelehrungen, manche Wörter mit gelbem Filzstift markiert: „Feiertagsgesetz“ und „Arbeitsverbot“. Daneben aufgelistete Fälle von Ruhestörungen mit Dezibel-Angaben. „Wir mussten einfach nur lachen, weil es so lächerlich schien“, sagt David heute.
„Ein Recht auf Lärm gibt es nicht!“, stand da, gelb unterstrichen und mit roten Ausrufezeichen versehen
Damals, als Anna und David einzogen, lebte Frau Schmidt schon seit über fünfzig Jahren in dem Haus – in der Wohnung genau über ihnen war sie aufgewachsen. Jetzt war sie über sechzig, nach langer Zeit im Beamtendienst frühzeitig in Rente und kümmerte sich um ihre bettlägerige Mutter, mit der sie zusammenwohnte. Wenn Frau Schmidt ihre Einkäufe durchs Treppenhaus schleppte, grüßte sie manchmal kurz. Einmal bot sie David sogar ein Schloss für sein Kellerabteil an. Schien doch eigentlich ganz nett zu sein, die Alte, dachten Anna und David. Doch sobald Frau Schmidt oben in ihrer Wohnung verschwand, kam eine völlig andere Seite von ihr zum Vorschein.
Kurze Zeit nach dem Einzug genoss David auf dem Balkon die Frühlingssonne, als Frau Schmidt von oben herunterrief, sie höre seine wummernden Bässe. David entschuldigte sich, sagte, es wäre ihm gar nicht so laut vorgekommen, und scherzte: „Vielleicht kann ich ja Musik spielen, die Ihnen gefällt. Was hören Sie denn gern?“ „Funk“, antwortete Frau Schmidt, und für einen Moment schien alles gut.
Doch dann lagen in den kommenden Tagen neue Zettel vor ihrer Tür. Auszüge aus Urteilen des Amtsgerichts von 1989, in denen es um Ruhestörungen ging. „Ein Recht auf Lärm gibt es nicht!“, stand da, gelb unterstrichen und mit roten Ausrufezeichen versehen. Es folgten Schreiben mit Belehrungen, diesmal direkt an Anna: „Wenn sich Ihr Mitbewohner in seiner Lebensweise eingeengt fühlt, muss klar erkannt werden, dass Haus und Wohnung nicht zu ihm passen und er nicht zu Haus und Wohnung.“ Das eine waren die Briefe, das andere war der Besenstiel, mit dem Frau Schmidt ihren Fußboden traktierte, wenn David es einmal wagte, eine Schallplatte aufzulegen.

Aber es ging nicht nur um Paragrafen des Landesimmissionsschutzgesetzes, es ging auch um: die korrekte Zerkleinerung von Altpapier, das richtige Schließen der Türen und die ordentliche Benutzung der Fahrradstellplätze. Eine verrückte Alte, könnte man sagen, wen schert’s schon, was die frustrierte Spießerin zu nölen hat – aber ganz so einfach war es nicht. „Damals haben wir irgendwann Angst bekommen“, sagt David. „Was, wenn sie uns wirklich anzeigt?“ Also versuchten sie, alles richtig zu machen, kauften sich sogar ein Dezibel-Messgerät.
Half aber letztendlich alles nichts. Frau Schmidt fand immerzu neue Gründe, sich zu beschweren. Und dann kam der Tag, als David erfuhr, dass Frau Schmidt einem Nachbarn erzählt hatte, wann er und Anna Sex haben, wann sie auf die Toilette gehen und wie oft sie am Tag husten. Nun reichte es den beiden, und sie schrieben Frau Schmidt einen Brief, in dem sie um ein klärendes Gespräch baten, gern mit einem Mediator. Doch ihre Nachbarin wollte nicht reden. Sie schrieb zurück, man müsse „den Fall den Juristen übergeben“. Und außerdem solle untersucht werden, ob David psychisch krank sei.
Eine neue Stufe der Eskalation, der eine Phase absoluter Ratlosigkeit folgte, in der David und Anna Frau Schmidts Briefe einfach auf der Fußmatte liegen ließen. Als der Stapel immer größer wurde, nahm Frau Schmidt die Briefe wieder mit nach oben und schickte sie direkt dem Vermieter, manchmal auch in Kopie an die übrigen Nachbarn. Aber nicht genug: Wenn Anna und David ein Fenster in ihrer Wohnung öffneten, hagelte es Beleidigungen vom oberen Stockwerk. Allein im Jahr 2021 protokollierten die beiden 44 Einträge, hier ein kleiner Auszug:
Gegen 0 Uhr: [Würgegeräusche] Dreckige, widerliche, stinkende Schweine. Ekelhaft.
12:02: Sie, eine faule Schlampe, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet hat, er ein Perverser, der mich und meine Mutter stalkt.
8:43: Das sind keine Menschen, sondern menschlicher Müll. Nur Gestank. Tiere. Einfach Tiere.
12:31: Ja, die sind unter uns, die Drecksschweine. Und die Hausverwaltung ist zu feige. Das Verhalten wird nicht ungebüßt bleiben.
Irgendwann konnte Anna nicht mehr. Ihr Puls fing an zu rasen, wenn sie Frau Schmidt im Treppenhaus hörte. Ein Anwalt sagte ihnen, sie hätten nur zwei Möglichkeiten: „ausharren oder ausziehen“. Also fing Anna an, nach neuen Wohnungen zu suchen.
David dagegen war bereit auszuharren. „Ich wollte sie mit ihren eigenen Mitteln schlagen“, sagt er heute. Wenn Frau Schmidt unten an der Haustür stand, drückte er immer wieder auf den Summer. Wenn sie an seiner Wohnungstür vorbeiging, fing er an, am Holz zu kratzen. Und als Frau Schmidt eines Tages ihre Einkaufstasche abstellte, sich vor dem Türspion aufbaute, den Mittelfinger hochhielt und laut „Arschloch“ sagte, da freute sich David. Er hatte sein Ziel erreicht, denn Frau Schmidt wusste: Big Brother is watching you.
Vier Jahre nach dem Einzug trennten sich Anna und David. Ob Frau Schmidts Terror dazu beigetragen hat, ist schwer zu sagen, aber leichter gemacht hat er die Beziehung sicher nicht.
Als David nach der Trennung längere Zeit im Ausland war, montierte Frau Schmidt die Namensschilder samt Halterung ab, auf denen neben Davids noch Annas Name stand. Schließlich glaubte sie, sich um alle Angelegenheiten in ihrem Haus kümmern zu müssen. Ungläubig brachte David provisorische neue Schilder an – mit seinem und Annas Namen drauf, schließlich kam ja noch immer Post für seine Ex-Freundin an.
Am Ende funktionierte das Prinzip „Tödliche Umarmung“ oder wie manche Perser sagen: Einem bösen Hund gibt man zwei Knochen
Ein paar Wochen später hielt David einen Brief in den Händen – mit Fotos von Annas neuer Wohnung und ihrem neuen Klingelschild, als Beweis, dass sie nun woanders wohnte. Das Schreiben hatte Frau Schmidt samt Annas neuer Adresse an die gesamte Hausgemeinschaft verteilt.
Dieser absurde Kampf wird nie enden, das schien spätestens jetzt klar zu sein. Doch dann geschah das Wunder – an einem Tag, an dem es David endgültig reichte. Er kam gerade von der Arbeit, als Frau Schmidt von oben in seine Richtung „Da kommt das Arschloch“ rief. Statt genervt in seiner Wohnung zu verschwinden, ging David weiter die Treppe hinauf. Frau Schmidt stand im Türrahmen, er auf den Stufen vor ihr.
„Bitte? Meinen Sie mich, Frau Schmidt?“, fragte er.
„Wer spricht denn mit Ihnen“, sagte sie und fing an, irgendwas von der Hausordnung zu brabbeln und dann: „Schmidt, alle hassen die Schmidt, aber niemand sieht, dass das Haus in einem Topzustand ist“, zeterte sie weiter, als
David sie unterbrach: „Wissen Sie was, Frau Schmidt, da haben Sie recht.“
Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. „Ja, äh, äh … genau! Sie wissen ja gar nicht, was hier hinter den Kulissen passiert“, stammelte sie verunsichert. Es muss der Moment gewesen sein, in dem sie David als Mensch sah, der sie zu schätzen wusste, nicht mehr nur als ihren Feind. Ihre Stimme wurde weicher, bekam fast einen Plauderton. Und dann entschuldigte sich Frau Schmidt dafür, dass sie Davids altes Hemd weggeschmissen hatte, mit dem er im Keller immer sein Fahrrad putzte. „Hätte ich das gewusst, hätte ich Ihnen doch einen guten Lappen gegeben.“
Wenig später lag auf Davids Türschwelle ein Brief. Frau Schmidt erklärte darin, wie sehr ihr an einem ordentlichen, sauberen Haus gelegen sei und welche Nachbarn aus ihrer Sicht für Probleme sorgten. Seinen Namen suchte David vergeblich. Und dann war da noch dieser letzte Satz, fast ein Friedensangebot: „Das zu Ihrer Information mit dem Rat, sich aus allem herauszuhalten. Wer braucht schon ständige Rechtsverfahren.“
Als David Frau Schmidt ein paar Tage später fragte, ob er denn sein Klingelschild samt Halterung zurückhaben könne, schlug er sie mit ihren Worten: „Das sieht doch sonst nach nichts aus!“ Stunden später hing das Klingelschild an seinem alten Platz.
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