Killing me softly

Auf einem Workshop für totale Achtsamkeit und radikale Softness (und unsexy Sex)

Von Kolja Haaf

Das ist der alternative Text

Menschen sagen oft zu mir: „Du bist ein zynisches Arschloch.“ Und deshalb sitze ich jetzt hier und lutsche meinen eigenen Schwanz. Also nicht meinen echten Schwanz, sondern eine geschälte Banane, die ich mittels einer geleiteten Meditation zu meinem Schwanz gedacht habe. „Allow your heart to harvest the fruits of the root“ nennt sich die Übung.
Ich kauere mit neun Frauen, acht Männern, zwei Non-Binary-Menschen und einer Transfrau verstreut in einem großen Loft in Berlin-Neukölln, halb versteckt hinter Vorhängen und Sesseln, wie bei einem sehr schlechten Versteckspiel. Das ist, damit wir ein bisschen Privatsphäre haben mit unseren Bananen-Schwänzen und Pfirsich-Muschis.
Zuerst heißt es, wir sollen uns ganz auf die Frucht einlassen und uns vorstellen, wie sie langsam gewachsen ist und was sie alles erlebt hat, bis sie jetzt hier in unserer Hand endet. Das funktioniert gut bei mir. Ich kann meine Banane ganz ehrlich wertschätzen und atme schön langsam. Auch die anschließende Wandlung in meinen eigenen Penis nehme ich ihr ab ohne irgendeinen dummen inneren Kommentar. „Now find out what pleases you. Take your time. Allow yourself to be vulnerable.“
Ich blinzle kurz, und mein Blick bleibt an einem teigigen Typen mit randloser Brille hängen, der zehn Meter entfernt sitzt und mit zitterndem Atem unkenhaft seine Banane leckt und reibt voller abstoßender Seligkeit. Da sehe ich mich selbst von außen, mit meiner Pimmel-Banane, genauso abstoßend. Aber in mir wohnt keine Unke, sondern eine garstig kichernde Ratte, die mir zuflüstert: „Menschen sind lächerlich. Du bist lächerlich.“ Ich esse meine Banane und warte, bis alle ihre Früchte zum Kommen gebracht haben.

We Feast nennt sich das Experiment, es kostet 333 Euro inklusive Mehrwertsteuer und geht von Samstagmorgen bis Sonntagnachmittag. Es ist eine Art sexpositiver Selbsterfahrungsworkshop mit kulinarischem Leitmotiv. Zwischen den Übungen gibt es sehr viele Sharing-Runden, in denen man einander seine Bedürfnisse und Traumata mitteilt oder was man nach jeder Übung gelernt und gespürt hat – eso, ja, aber alles in einem charmanten, zeitgeistigen Meme-Humor-Gewand. Es gibt zwei Köchinnen, einen Yogalehrer, eine Tantra-Beauftragte, und für Samstagnacht ist eine achtsame Swingerparty angesetzt. Dauernd lächeln sich alle an, umarmen sich, machen sich Komplimente, wirken verliebt ineinander. 150 Bewerbungen gab es, alle wurden in persönlichen Video-Calls interviewt, und nur 22 durften teilnehmen. Und sie haben die Leute wirklich hervorragend ausgewählt. Bis auf mich.
Ich bin, wie gesagt, ein zynisches Arschloch und glaube, ich bin nur ausgewählt worden, weil P., die Freundin, mit der ich hier bin, bei dem Interview, das wir ausnahmsweise zusammen machen durften, die beiden Veranstalterinnen total bezaubert hat mit ihrer Art und ihrem sehr fundierten Wissen im Bereich Consent, Self-Love und Awareness. P. hat Radical Softness sogar als Tattoo unter ihrer linken Brust. Das hat den beiden gefallen.
Das Konzept Radical Softness fordert, dass man schonungslos zu seinen Gefühlen steht und sie kommuniziert und halt einfach nicht immer so cool tut. Hier können alle etwas mit Radical Softness anfangen, und das gefällt mir. Ich will das auch, was diese Leute haben. Eine unverkrampfte Offenheit, die manchmal fast an Güte grenzt. Einen Humor, der komplett ohne bittere Selbstironie funktioniert. Und, ja, auch: Liebe. Allerdings handelt es sich um einen drug-free space, und es gibt keinen Alkohol. Und ohne solche Helferlis brauche ich meine bittere Selbstironie und meine von Vorurteilen verseuchte, als Überlegenheit getarnte Nichtoffenheit – vor allem unter Fremden. Sonst habe ich nichts zu bieten. Sonst bin ich uninteressant und ängstlich.

Immerhin: Bei der ersten Sharing-Runde sollen alle sagen, was sie sich von dem Wochenende erhoffen und was einen daran hindern könnte, das zu bekommen, und ich sage: „Ich will offener und ehrlicher mit mir und anderen Menschen sein, und was mich daran hindern könnte, ist, dass ich ein zynisches Arschloch bin.“ Und das auszusprechen fühlt sich gut an. Ein paar in der Runde lachen, ein paar sagen „Thank you“, und der hellblonde Typ neben mir legt mir die Hand auf den Nacken und flüstert mit einem wirklich wunderschönen Lächeln: „That’s beautiful, man.“ Und da durchfährt mich meine erste Erkenntnis. Mir wird das ganze Ausmaß meiner Falschheit bewusst. Ich glaube nämlich gar nicht wirklich, dass ich ein zynisches Arschloch bin – bitte, wer tut das schon? Ich sage diese Dinge nur, um etwas darzustellen. Einen komplizierten, reflektierten Mann, der mutig der Hässlichkeit der Welt ins Gesicht starrt. Was für ein Gewurstel aus Unsicherheit und Selbstbetrug. Ei, ei, ei.
Aber gut, das Fest dauert noch gute 24 Stunden, und vielleicht ist diese Einsicht ein erster Riss in der Eierschale aus verkalkter Pseudocoolness, die mich umgibt und aus der ich am Ende schlüpfen werde – weich und warm und neu.

Als Nächstes machen wir eine Reihe von Consent-Übungen und sollen uns dafür einen Partner oder eine Partnerin suchen. Meine Begleitung P. sieht sehr gut aus und ist sofort vergeben, und da wird mir wieder klar, dass es später ja noch sexpositiv wird. Offiziell sind wir hier zwar alle gleich beautiful, aber es scheint sich schon eine geheime Hierarchie zu bilden – die hotten Menschen tun sich mit anderen hotten zusammen, und der Rest versucht nervös, aber ohne das dauerverliebte Lächeln abzulegen, untereinander einen brauchbaren Kompromiss zu finden.
Es ist aber auch möglich, dass nur ich das tue. Denn am Ende ereilt mich das schändliche Schicksal der dicken Christians bei den Mannschaftswahlen damals im Sportunterricht: Ich bleibe übrig. Ich schleiche zwischen den Pärchen umher und bin kurz davor, aus Selbstschutz so was wie „Scheißachtsamkeitshippies“ zu denken, als eine der Veranstalterinnen vor mir steht und meine Trostpartnerin wird. Sie ist Französin und sieht ein bisschen aus wie Salma Hayek, aber mit wilden dunklen Locken und einem entzückenden Koboldgrinsen. Wir schauen uns tief in die Augen und bewegen uns auf vorher vereinbarte Consent-Zeichen hin ganz langsam aufeinander zu. Ich verstehe den Sinn der Übung nicht ganz. Aber jeder kritische Impuls wird von ihrem Blick hinweggefegt. Als wir dicht voreinander stehen, atmen wir ganz aufgeregt, bevor wir uns sehr lange umarmen und ich mich sehr zu Hause fühle.
Und so geht es weiter. Ich schlingere zwischen weich und hart, öffnen und schließen, flauschigem Glück und den boshaften Nagegeräuschen meiner inneren Ratte: Als wir uns gegenseitig Kürbismus-Ecken mit veganem Käsekrokant in die Münder schieben, spüre ich eine cleane, kindliche Freude. Aber als um mich herum ein völlig übertriebenes Genuss-Stöhnen anschwillt und die Finger einer Amerikanerin sinnlich Rote-Beete-Schaum auf meinen Lippen verreiben, brandet leichte Übelkeit in mir auf. Als ich mit einem bärtigen Typen einen Energieball aus unser beider Herzen forme, spüre ich zwar, dass da irgendwas Anmutiges zwischen uns wabert. Aber danach muss ich unbedingt „Ich glaub, unserer war der größte“ ulken. Bei den ungezählten Meditations-, Sharing-, und Tanzeinlagen lasse ich mich fallen, übernehme den wertschätzenden Tonfall der Gruppe und mache mit glockenhellem Lachen ganz vorn mit, wenn wir Babykatzen im Weltall tanzen sollen. Dabei schiele ich panisch-lüstern zu der rothaarigen Schweizerin, auf die alle stehen und die sehen soll, wie gut ich eine Babykatze im Weltall tanze.
Die Übungen werden immer intimer, und abends ziehen alle sexy Sachen an und es gibt für alle ein Glas Crémant im Rahmen eines Flirtspiels, bei dem man sein schüchternstes und sein selbstbewusstestes Selbst spielen soll. Ich atme auf, weil ich glaube, jetzt wird gesoffen – was dieses verwirrende, anstrengende Morphen zwischen verstellter Ehrlichkeit und ehrlicher Verstellung erleichtern würde. Aber wir kriegen nur ein Glas, was ich schlimm finde. P. weiß, was ich durchmache, und kommt immer wieder vorbei, um mich in den Arm zu nehmen. Sie selbst geht völlig auf in der Softness, und ich will sie nicht zurückhalten.
Gegen acht Uhr gibt es Bodypainting mit Flüssigschokolade und anschließendem Sauberlecken. Eine Engländerin in Latexharnisch wünscht sich von einem indischen Quantenmechaniker, einer deutschen Grafikdesignerin und mir, dass wir die Schokolade von ihren Füßen lecken. Ich lecke ein bisschen und schmecke durch die Schokolade salzige Fußsohle. Die anderen beiden lecken beseelt weiter. Ich kauere daneben mit saurem Blick, pinsele lieblos an einem Bein herum. Ich habe das Gefühl, eigentlich schon sehr weit gekommen zu sein, also auf dem Weg zu mir. Aber anstatt jetzt respektvoll mit der Situation umzugehen, überlege ich distanziert, ob ich diese Szene vielleicht als Einstieg für diesen Text nehmen soll und ob mir dafür irgendein brauchbares Fuß-Wortspiel einfällt und wie, wie, Himmelherrgott, diese ganzen Menschen an ihren jeweiligen Schoko-Leck-Stationen es schaffen, so völlig bei sich zu sein.

Das Dinner besteht aus sieben Happen, die uns bei verbundenen Augen von den beiden Veranstalterinnen in die Münder gesteckt werden. Ich höre, wie P. links von mir mit der rothaarigen Schweizerin knutscht. Rechts von mir kriegt sich eine Schwedin gar nicht ein vor wilden Genuss-Stöhnern. Da flüstert mir eine Stimme ins Ohr: „Open your mouth. Good. Now put out your tongue.“ Ich kriege Gänsehaut, und zwei Finger schieben etwas Scharf-Prickelnd-Süßes tief in meinen Mund. Ich versuche zu kauen, zu schlucken, aber die Finger bleiben in meinem Mund und gehen immer tiefer. Sie nehmen mich in Besitz, die Finger. Ich muss stöhnen. Aber das Stöhnen ist nicht gespielt, sondern ein vollkommen hemmungsloser Ausdruck von Aufgeben, von seliger Unterwerfung. Diese göttliche Mund-Hand fistet meine ganze alberne Skepsis zärtlich aus mir heraus. Als ich endlich geschluckt habe und nach Luft schnappe, küssen mich zwei Lippen auf den Mund, und ich glaube, ein wissendes Koboldlächeln auf ihnen zu spüren. Dann wieder das Flüstern: „I see you.“
Ab da bin ich irgendwie anders. Entspannter. Bei der anschließenden Sexparty habe ich gar nicht mehr das Bedürfnis, irgendjemanden von mir zu überzeugen. Nicht mal an Vögeln denke ich groß. Ich kann nicht aufhören zu lächeln. Ich mache Komplimente ohne ironischen Unterton und nicht nur attraktiven Menschen. Eine Ukrainerin, die das Wochenende braucht, um kurz den Krieg zu vergessen, will, dass ich sie lecke, und das mache ich amtliche dreißig Minuten lang, während sie das bei P. macht, die mit der Transfrau knutscht. Ich empfinde keine bemerkenswerte Lust, bin aber zufrieden, genieße die Nähe und das Glück der anderen. Ich nehme alle, wie sie sind. Die Nacht geht lang. Ich schlafe kaum, knutsche mit Menschen, kuschele, lache. Auch am nächsten Morgen hält mein Zustand an. Wir machen Yoga, wir essen, wir spielen wie Kinder.

Bei der letzten Sharing-Runde am Sonntagnachmittag reden alle von der unglaublichen Joy und Authenticity, die den Raum erfüllt, von einem Piece of Art, das wir hier zusammen geschaffen haben, von der Journey, die sie gemacht haben. Auch ich. Der indische Quantenmechaniker sagt: „Als ich gestern ankam, war die See stürmisch, und mein Boot hat gewankt. Jetzt scheint die Sonne, und ich segle ruhig und gleichmäßig.“ Ich lächle. Der Unkenmann mit der Banane erzählt uns, wie innig dieses Erlebnis für ihn war. Ich lächle. Und als der Yogalehrer doch tatsächlich verkündet, dass wir alle hier an diesem Wochenende bewiesen haben, dass ein Leben mit mehr Gefühl möglich ist und dass wir Samen sein können, die diese Wahrheit in sich tragen und die der Wind hinausweht zu den Menschen, wo alle gemeinsam zu einem Wald wachsen können – da schaue ich ihn an, fasse ich mir bedächtig ans Herz und mache dieses genussvolle Stöhnen.

Meine endgültige Softwerdung erfahre ich dann beim Tunnel of Love: Zum Abschied bilden wir ein Spalier, durch das alle einmal durchlaufen. Vorher darf man sich wünschen, wie die anderen einem ihre Liebe zeigen sollen – küssen, streicheln, summen, schöne Dinge zuflüstern. Ich wünsche mir, wie ein süßer Welpe geknuddelt zu werden, und als ich im Tunnel bin, brandet von allen Seiten Liebe auf. Sie wuscheln mich, sie schmusen mit mir, sie küssen mich, sie kraulen mir den Bauch und nennen mich „Good boy“. Und ich hechle und fiepse, und mir kommen fast die Tränen vor Dankbarkeit. Und als ich am anderen Ende aus dem Tunnel schlüpfe, bin ich weich und warm und neu. Diese Menschen hier sind echt. Ich will mein Leben mit ihnen verbringen. Ich umarme alle zum Abschied sehr, sehr fest, bedanke mich, sage: „I see you.“

Dann fliege ich kleiner Samen wieder nach draußen in die schmuddeligen Straßen Berlins. Und nach und nach komme ich runter. Jugendliche laufen an mir vorbei, einer rülpst, die anderen lachen. Eine Mutter schiebt genervt ihren Kinderwagen an mir vorbei, ein schnauzbärtiger Opa sitzt vor einem Späti und grinst mich an. Nein, halt: Der lacht mich aus.

Ohne das pausenlose Love-Bombing kommt mir die Zeit im Loft immer künstlicher vor. Viele Bilder tauchen auf, manche bleiben wahrhaftig und leuchtend, aber manche werden unerträglich. Da war dieser kleine, ernste Brasilianer, der verlegen gefragt hat, ob er uns beim Lecken zuschauen dürfe, weil er selbst niemanden fände, der mit ihm Nähe teilen will. Da war die Non-Binary-Person, die sich von der Party geschlichen hat, weil sie sich nicht sicher gefühlt und es nicht länger ausgehalten hat, von Menschen umgeben zu sein, die andauernd für alles und jeden dankbar sind. Da war der Moment, in dem eine Frau, deren Vater vor einem Monat Suizid begangen hat, bei einer Sharing-Runde angefangen hat, herzzerreißend zu weinen, und alle überfordert waren mit dem grausamen Kontrast von Schoko-Bodypainting-Joy und dem Bild eines Menschen, der sich aus Verzweiflung aus dem Fenster gestürzt hat. Und da ist das genussvolle Gegrunze, die unerträgliche Selbstinszenierung und dieses Bedürfnis, ausgelutschte Ideen vom „echten“, „authentischen“ Leben zur Softness-Avantgarde zu verklären. Doch, doch, man kann das schon so sagen: Wir sind lächerlich. Aber deshalb ja auch nicht weniger liebenswert. Liebenswerte Rattenunkenkoboldwesen.

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