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N° 89 Wunder

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Insel der Frauen

Wie die isländischen Frauen einmal mal gar nichts mehr machten – und so dafür sorgten, dass das Land zum Vorreiter für Gleichberechtigung wurde

Von Florian Sievers; Illustration von Christian Hundertmark

So einen Run hatten die isländischen Ladenbesitzer noch nicht erlebt: Panisch stürmten Männer ihre Geschäfte und rissen ihnen Würstchen, Süßigkeiten und Malsachen aus den Händen. Nicht für sich, sondern für ihre Töchter und Söhne. Auch nicht für Weihnachten, sondern für einen ganz besonderen Freitag im Herbst des Jahres 1975. Ein Tag, an dem die Männer von früh bis spät ihre Kinder betreuen mussten – und meist mit ins Büro nahmen. Denn für die andere Hälfte der Menschen Islands gab es an diesem 24. Oktober Wichtigeres zu tun: 24 Stunden lang legten fast alle Frauen des Inselstaates ihre bezahlte oder auch unbezahlte Arbeit nieder und gingen demonstrieren – aus Protest gegen ungleiche Löhne und die mangelnde Anerkennung von Care-Arbeit. Es war die größte Demo in der Geschichte des kleinen Landes.

Um auch die weniger politischen Frauen zu animieren, verzichtete man auf das Wort „Streik“ und nannte es „Frauenruhetag“

Zwar hatte Island schon 1915 als eines der ersten Länder weltweit das Frauenwahlrecht eingeführt. Doch war die Gleichberechtigung sechzig Jahre später, wie eigentlich auch überall sonst, nur schleppend vorangekommen. So verdienten Frauen etwa im Einzelhandel immer noch ein Viertel weniger als Männer und waren in vielen Branchen von Führungspositionen ausgeschlossen. Aus Protest dagegen rief die aus Dänemark und den USA stammende Frauenrechtsbewegung Rote Strümpfe zu einem „Kvennafrídagurinn“ auf, einem Frauenruhetag. Eine vorsichtige Formulierung für die geplante Aktion, weil die Organisatorinnen fürchteten, mit dem Begriff „Streik“ weniger politisch engagierte Frauen abzuschrecken. Sie schalteten Radiospots, ließen Zehntausende Flugblätter drucken und 25.000 Aufkleber, die bald überall auf Wänden und Straßenlaternen, aber auch auf Jacken und Handtaschen klebten.

Am 24. Oktober gingen dann circa 25.000 Frauen – rund neunzig Prozent aller Islände-rinnen – auf die Straße. Die meisten von ihnen kamen im Zentrum der isländischen Hauptstadt Reykjavík zusammen, von wo aus sie Schulter an Schulter durch die Straßen zogen. Sie sangen und hielten Plakate in die Höhe. Es lag ein überwältigendes Gefühl von Solidarität, Euphorie und Partystimmung in der Luft, während das Land komplett stillstand. Läden, Schulen und die wirtschaftlich wichtigen Fischfabriken blieben geschlossen, Flüge wurden gestrichen, Zeitungen erschienen nicht. Und auch das private Leben war verändert: Keine Frau kochte, wusch Wäsche oder kümmerte sich um die Kinder.

Der Gender Pay Gap ist nirgends so gering wie in Island

Der Tag wurde ein historischer Wendepunkt für das Land. Bereits ein Jahr später erließ das Parlament ein Gleichstellungsgesetz. 1980, fünf Jahre später, wählte Island als erster Staat der Welt ein weibliches Staatsoberhaupt, die geschiedene und alleinerziehende Theaterdirektorin Vigdís Finnbogadóttir. Seitdem führt das Land viele Statistiken in Fragen der Gleichstellung an. So steht Island seit sechzehn Jahren an der Spitze des Global Gender Gap Index, weil die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern so gering sind wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Und doch werden auch hier Frauen immer noch schlechter bezahlt als Männer. Den 24. Oktober nutzen Isländerinnen daher seit Jahrzehnten, um zu demonstrieren. Im Jahr 2023 kamen 100.000 Protestierende, mehr als ein Viertel der isländischen Bevölkerung, in Reykjavík zusammen – neben Frauen auch nonbinäre Menschen und Männer. Unter dem Slogan „Kallarðu þetta jafnrétti?“ (Das nennt ihr Gleichberechtigung?) äußerten die Menschen ihren Unmut wegen der immer noch unterschiedlichen Bezahlung und häuslicher und sexualisierter Gewalt. „Wenn das hier angeblich das Paradies für Frauen ist“, fragten viele, „wie muss es dann erst woanders aussehen?“

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