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N° 89 Wunder

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Bitte nicht wundern

Weinende Madonnenfiguren, heiliges Blut in Ampullen, Leichentücher von Jesu: Die katholische Kirche lebt von Mythen und Märchen. Der Italiener Luigi Garlaschelli versucht, sie mit heiligem Ernst und unheiligem Humor zu entlarven

Von Florian Kappelsberger; Fotos: privat

Die Geschichte des San Lorenzo endet grausam – nämlich damit, dass er bei lebendigem Leib auf einem Rost gegrillt und verbrannt wird, weil er den Kirchenschatz an die Armen verteilen wollte, anstatt ihn dem römischen Kaiser zu übergeben. Aber selbst angesichts des Todes beweist der tapfere Mann Humor und Sprachwitz. Dreht mich um, ich bin von dieser Seite fertig sollen die letzten Worte gewesen sein, die er an seine Peiniger richtete. 

Männer sind schon für weniger tollkühne Taten heiliggesprochen worden, deshalb muss es nicht verwundern, dass San Lorenzo auch rund 1.800 Jahre nach seinem Tod unvergessen ist. Einige Tropfen seines geronnenen Blutes haben das morbide Grillfest 258 nach Christi angeblich überdauert. In der Marienkirche des kleinen Ortes Amaseno, südöstlich von Rom, wird es in einer verzierten Ampulle aufbewahrt. Und wenn sich das Blut einmal im Jahr an seinem Todestag am 10. August verflüssigt, sind die Gläubigen völlig aus dem Häuschen. 

Aber gibt es vielleicht eine simple physikalische Erklärung, warum sich das geronnene Blut des Heiligen Lorenzo verflüssigt? Davon wollen die Pilger, die die Blutreliquie von Amaseno verehren, nichts wissen. Aber dennoch machte sich ein Mann in Italien daran, eine weltliche Erklärung für das Wunder zu finden – und begann damit eine Art Kreuzzug gegen die katholische Kirche. 

Luigi Garlaschelli, geboren 1949, wuchs in einer traditionell katholischen Familie auf. „Ich habe sogar ein paar Medaillen gewonnen, weil ich den Katechismus auswendig konnte“, erinnert er sich. Schon als Kind interessierte er sich vor allem für das Übernatürliche der ­Religion und löcherte den Priester mit Fragen zu spirituellen Erzählungen. Können Sie mir das erklären?, fragte er den Kirchenmann und bekam den guten Rat, sich an den Glauben zu halten. Einen Rat, den er in seinem Leben nie annehmen würde.

„Wir waren die italienische Version von Akte X“: Garlaschelli am Anfang seiner Geisterjagd

Nach dem Abitur studierte Luigi Garlaschelli Chemie. Anschließend begann er, an der Universität Pavia zu forschen. Durch Zufall stieß er 1991 auf eine Organisation, die sich das „Italienische Komitee der Beweisüberwachung paranormaler Phänomene“ ­(CICAP) nannte und übernatürliche Ereignisse mithilfe wissenschaftlicher Methoden überprüfte. Zwei Leidenschaften, die auch Garlaschelli kannte: das Interesse für übernatürliche Phänomene und der Wissenshunger des Chemikers. Neben seiner Laborarbeit und den Vorlesungen an der Universität begann er, in seiner Freizeit gemeinsam mit den CICAP-Kollegen Wunder zu jagen: weinende Marienstatuen, Geisterhäuser, Ufos. „Wir waren die italienische Version von Akte X.“ 

Auch die Ampulle mit San Lorenzos Blut hatte es Garlaschelli angetan, und er fragte bei der Kirche an, ob er die Reliquie untersuchen dürfe. Die positive Antwort aus Amaseno grenzte an ein Wunder. Er schritt also zur Tat, schüttelte die Ampulle, legte sie in Eiswasser und danach in warmes Wasser. Schließlich kam er zu der recht nüchternen Diagnose: Die Substanz im Glas verändert sich je nach Raumtemperatur – und in der italienischen Sommerhitze im August wird das Blut eben flüssig. „Meine Ergebnisse zeigte ich natürlich dem Priester“, erinnert sich ­Garlaschelli, „aber im Jahr darauf feierte die Gemeinde wieder das Wunder.“ 

Ob Garlaschelli wirklich erwartet hatte, einen solch publikumswirksamen Hingucker mit ein paar wissenschaftlichen Kniffen zunichtezumachen? Er zuckt mit den Schultern. „Für den wahren Gläubigen ist kein Beweis der Welt genug.“ Natürlich seien die wenigsten Pilger durch seine Arbeit von ihrer Wundergläubigkeit abzubringen. Und so machte ­Garlaschelli mit der ihm eigenen Mischung aus heiligem Ernst und unheiligem Humor weiter, die Mythen der Kirche zu entzaubern – mittlerweile schon seit dreißig Jahren. Rund zwei Dutzend Bücher hat er dazu verfasst. In seiner Wohnung im norditalienischen Pavia sind die Regale voll mit seinen Werken – dazwischen das lebensgroße Modell eines menschlichen Schädels und eine kleine Figur von Walter White aus Breaking Bad. „Er ist ein verrückter Chemiker, genau wie ich!“

Nicht immer geht die Kirche so freizügig mit ihren Wunderkammern um wie in dem kleinen Ort Amaseno. Luigi ­Garlaschelli eilte mittlerweile der Ruf voraus, Reliquien zu entzaubern. Er musste also kreativ werden und die Wunder zu Hause in seinem Labor nachbauen.

Die Kirche räumt ja selbst ein, dass manches Wunder Nonsens ist

Stolz zeigt er ein Gefäß mit langem Griff, darin zwei Glasampullen mit rotem Inhalt – eine Nachbildung der Reliquie des San Gennaro in Neapel. Auch ihm wird ein Blutwunder angedichtet, das mit großem Pomp im Dom der Stadt gefeiert wird. Nur dass die Verflüssigung des geronnenen Blutes sogar an drei Tagen im Jahr stattfindet – also nicht nur im Hochsommer. Liegt es vielleicht daran, dass der Priester die Reliquie während der feierlichen Zeremonie hin- und her­dreht? „Das ist mit einfachen Tests her­auszufinden“, erklärt Garlaschelli. Und obwohl die Kirche davon nichts wissen wollte, ließ der umtriebige Forscher sich nicht aufhalten und baute die Reliquie einfach nach. Seine Hypothese: Es handele sich gar nicht um menschliches Blut, sondern um eine eingefärbte Flüssigkeit, deren Aggregatzustand sich verändern kann. Also füllte er Ampullen mit Stoffen, die zu Zeiten des Mittelalters existierten – der Hochzeit des Glaubens. 

Wochenlang mischte und experimentierte Garlaschelli, bis er einen Volltreffer landete und eine zähe Flüssigkeit, die auf Bewegung reagiert, vor sich sah. Er hatte dafür Kochsalz, ­Eisen(III)-chlorid und Calciumcarbonat mit Wasser vermengt und die Lösung durch einen Dialyseschlauch laufen lassen. Im Ruhezustand sei die Mischung fest, werde das Gefäß geschüttelt, verflüssige sie sich sofort. „So könnte auch das Blutwunder von Neapel funktionieren“, vermutet Garlaschelli. Wieder ein Mysterium weniger in Italien. 

Im Mutterland des Katholizismus gibt es noch viele weitere Wunder, der Glaube ist immer noch sehr lebendig, und regelmäßig taucht eine neue unglaubliche Geschichte auf: eine Marienstatue mit Tränen, ein Auserwählter mit Stigmata, eine Erleuchtete, die mit Gott zu sprechen glaubt. Mittlerweile ist das selbst der Kirche zu viel. Im vergangenen Jahr erließ man neue Richtlinien, anhand derer mutmaßlich übernatürliche Erscheinungen in Zukunft strenger überprüft werden sollen. Und anstatt die vermeintlichen Wunder offiziell anzuerkennen, gibt es nun höchstens den kirchlichen Stempel „nihil obstat“. Was so viel heißt wie: Der Verehrung steht nichts im Wege. Die Echtheit des Phänomens lässt die Kirche offen. Auf den Volksglauben wirkt sich das jedoch nicht unbedingt aus: Auch die Reliquie in Neapel ist nicht als offizielles Wunder anerkannt, ihrem Kultstatus schadet das allerdings kaum.

Was war in all den Jahren ­Garlaschellis größter Coup? 2009 hatte sich der Forscher nichts Geringeres vorgenommen als das Grabtuch von Turin, eine der weltweit bekanntesten Reliquien. Angeblich soll ­Jesus nach seiner Kreuzigung darin begraben worden sein, die Abdrücke eines bärtigen Männergesichts seien der Beweis. Das Tuch sei ein Geschenk Gottes und nicht etwa, wie von Garlaschelli vermutet, eine Fälschung aus dem Mittelalter. 

Wieder musste der erfinderische Wissenschaftler den Beweis mit einer von ihm produzierten Kopie antreten. Mit einem Leinentuch, das mit mittelalterlichen Methoden gewebt worden war, bedeckte er einen seiner Studenten und rieb das Tuch mit einer rötlichen Pigmentpaste ein, um die Umrisse des Körpers festzuhalten. Für das Gesicht nutzte er ein Relief aus Gips. Anschließend ließ er das Tuch im Ofen künstlich altern und wusch es dann aus, um die Pigmente zu entfernen. Um es ebenso perfekt wie das Original hinzubekommen, versah er es noch mit Blutspuren, Brandlöchern und Wasserflecken.

Sein größter Coup war, das Grabtuch von Turin nachzubauen

Das ganze Prozedere dauerte nur sechs Tage – am Ende glaubte ­Garlaschelli, eine weitere berühmte Reliquie entzaubert zu haben. Seine Forscherkollegen waren jedoch skeptisch. Die Abdrücke des Originals seien deutlich feiner als die der Fälschung, kritisierten sie. ­Garlaschelli verteidigte sich: „Ich musste das Tuch künstlich altern lassen. Schließlich kann ich nicht mehrere Jahrhunderte warten.“ 

Immer wieder bekommt der Wissenschaftler wütende Nachrichten, in den Sozialen Medien und Onlineforen wird er beschimpft. „Das gehört dazu, ist Teil des Spiels“, findet er. Doch eine ganz grundsätzliche Frage: Muss er den Menschen wirklich ihren Glauben nehmen? „Ich habe nichts gegen Gläubige. Aber wenn ich höre, die Seele eines Verstorbenen könne einen Tisch bewegen, dann ist das ein physisches Phänomen, das ich gern untersuchen würde.“ Doch ­Garlaschelli raubt der Welt nicht nur Magie, er schafft auch neue: „Mit Chemie kann man nicht nur Mysterien untersuchen, sondern auch welche produzieren.“ Mittlerweile tritt dieser Mann, der sein Leben der Wissenschaft gewidmet hat, als Zauberer auf. Auf kleinen Bühnen schluckt er Feuer, lässt Flammen die Farbe wechseln und verwandelt Wasser zu Wein – eigentlich ganz im Sinne von Jesus. 

Mit seinen 76 Jahren könnte sich Garlaschelli nun auch langsam zur Ruhe setzen und seine Experimente anderen überlassen. Nur findet er keinen Nachfolger, der seine Forschung weiterführt. „Ich bin der Einzige“, seufzt er, „aber ich bin nicht endlos.“ Eines Tages wird der ruhelose Rationalist Garlaschelli Pipette und Erlenmeyerkolben aus der Hand legen müssen. Die Kirche wird das garantiert freuen – und es wahrscheinlich für eine göttliche Fügung halten.

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