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N° 89 Wunder

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Ich würd so gern mal wieder wuscheln

Schon mit Anfang 20 gingen mir die Haare aus. Seitdem überlege ich immer wieder, ob ich nach Istanbul fliegen soll, um chirurgisch dagegen anzugehen

Von Nikolai Dobreff; Illustration: Katharine Metschl

Ich lade vier Selfies auf einer schicken Website hoch: von vorn, hinten, links und rechts. Männlich, Mitte dreißig, keine bekannten Allergien. Klick. Nach zehn Minuten bin ich fertig. „Vielen Dank, unsere Experten analysieren Ihre Daten und melden sich telefonisch bei Ihnen.“ Wie lange ich das schon vorhatte!

Mit Anfang zwanzig entdeckte ich eher zufällig meinen Hinterkopf am Rande eines Partyfotos. Weder schlechte Beleuchtung noch Unschärfe konnten das kleine Loch vertuschen. Geheimratsecken hatte ich schon immer, und bereits als Jugendlicher versuchte ich, sie mit Indie-Pony und Haarspray zu verstecken. Meine Haare verschwanden jedoch synchron zu den Röhrenjeans. Und plötzlich hatte ich nur noch wenige Optionen: bisschen nach links oder bisschen nach rechts wuscheln. Ich entschied mich für links. Mein heutiges Trauma fütterte ich schon früh mit nächtlichen rabbit holes zu hair systems und bald ­celebs. Ich analysierte die Tonsur von Zinédine Zidane und rechtfertigte damit meine eigene. Gleichzeitig entwickelte ich einen obsessiven Expertenblick für Hairlines fremder Männer. In einer betrunkenen Juni-Nacht 2018 fasste ich mir ein Herz und rasierte mir den Kopf bis auf wenige Millimeter. Ein Waschbecken voll mit dünnem Haupthaar, voll mit Befreiung. Am nächsten Morgen dann plagte mich der als Ernüchterung getarnte Kater mit Fragen: War’s das jetzt, mit nur 27 Jahren? Nie mehr der Geruch von Garnier Fructis Style? Nie wieder wuscheln? Was habe ich getan?

Ich habe mehr Stunden auf Websites von Transplantationszentren verbracht als auf ­Instagram

Mein bulgarischer Opa hatte bis ins hohe Alter Haare wie ein Helm. Seine Frau brachte das Unglück in die Familie. Ihre Haare waren fein wie Transparentpapier. Erst litt mein Vater unter ihrem Gendefekt, jetzt hat es mich erwischt. Natürlich habe ich bereits alles versucht: Sport, Ernährung, „Doping für die Haare“. Ich habe mehr Stunden auf Websites von Transplantationszentren verbracht als auf ­Instagram. Sie nennen sich ElitHair, MagicHair oder ­S-thetic. In den zwangsgestörten Wortspielen stehen sie den Friseursalons in nichts nach. 

Jeden Tag schwanke ich zwischen Schicksal annehmen und Schicksal wegoperieren. Ich schäme mich gleichzeitig für meine wachsende Glatze und für meine Eitelkeit. Was tun, wenn der größte Traum unerreichbar scheint? Angehen oder aufgeben? Ich argumentiere mit mir selbst hin und hair. Die zigste Werbeanzeige eines türkischen Anbieters – und nun werde ich schwach. Scheiß drauf, denke ich, und entscheide mich für die Onlineanalyse mit „unverbindlichem Preis in zwei Minuten“. Vier Fotos, ein paar Klicks. Mache ich das jetzt ernsthaft? Ich bin aufgeregt.

Luxushotel in Istanbul, VIP-Transfer, acht Stunden Behandlung, null Prozent Schmerzen. Der Traum kostet glatte 6.000 Euro

„Ihre telefonische Beratung wurde bestätigt! Gesprächsinhalt: Haaranalyse, Angebot, offene Fragen. Ihr Experte freut sich auf Sie.“ Es ist so weit. Ich fühle mich wie vor einer mündlichen Prüfung und überlege mir schlaue Fragen, um nicht unvorbereitet zu sein. Punkt siebzehn Uhr klingelt es. Der junge Mann mit ruhiger Beraterstimme ist gleich ehrlich: „Ihr Ausfall ist stark vorangeschritten – es werden zwei Behandlungstermine vonnöten sein, um das Problem zu beheben.“ Nach fünfzehn Minuten bin ich vollständig gebrieft: Luxushotel in Istanbul, VIP-Transfer, acht Stunden Behandlung, null Prozent Schmerzen. Der Traum kostet glatte 6.000 Euro. Aber: „Auf Sie wartet strahlend volles Haar.“ Diese Vorstellung! Aus der größten Ego-­Wunde könnte ein Wunder werden. Ich kaufe ein „r“ und löse. Oder doch nicht?

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