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Für Vintage-Uhren werden auf Auktionen Millionen gezahlt – doch nicht selten handelt es sich um Fälschungen oder aus Ersatzteilen zusammengebastelte „Frankenstein-Uhren“. Enthusiasten, die Licht in diese schummrige Unterwelt bringen wollen, sind eher ungern gesehen. Über eine Branche, die ganz besonders tickt
 
Von Oliver Gehrs; Illustration: Ossko / Schulz
 
Schön war sie schon, die Uhr, die da unter der Losnummer 53 unter den Hammer kam. Kein Bling-Bling, eher gepflegtes Understatement. Aus einer Zeit, als eine dicke goldene Rolex am Arm eher primitiv rüberkam. Nein, diese schlanke Omega Speedmaster aus dem Jahr 1957 war damals definitiv was für Menschen mit mehr Stil als Geld – und nicht umgekehrt.
Zur Auktion im Hotel Réserve direkt am Genfer See hatte sich am 5. November 2021 die übliche flamboyante Gesellschaft eingefunden, die man weltweit auf Uhrenauktionen antrifft: exaltierte Sammler mit goldener Pilotenbrille und buntem Einstecktuch, reiche Araber in weißen Gewändern und Sandalen, junge IT-Chinesen mit Louis-Vuitton-Kappe. Sie alle lauschten andächtig den Worten des Auktionators, der die Omega Speedmaster anpries. Eigentlich nichts rasend Besonderes und oft schon für 30.000 Euro zu haben, dieses Exemplar aber hatte einen Schönheitsfehler, der es wertvoll machte: Das Ziffernblatt, ursprünglich schwarz, war zu einem schönen Schokoladenbraun ausgeblichen. An so etwas können sich Uhrensammler ergötzen wie einst die Briefmarkenfetischisten an der Blauen Mauritius.
 
Den Wert der angebotenen Uhr schätzten einige Experten auf höchstens 100.000 Schweizer Franken – mit 60.000 legte der Auktionator los. Doch dann kam es zu einem denkwürdigen Showdown: Die 100.000er-Marke war rasch überschritten, dann die halbe Million, dann die ganze, dann zwei … Nach einer Viertelstunde turbulenten Wettbietens zwischen Interessenten aus China, dem Oman und Texas fiel der Hammer bei 3,1 Millionen Schweizer Franken – und im Gesicht von so manchem Anwesenden zeichnete sich eine deutliche Reaktion ab: What the fuck.
 
Mit den 3,1 Millionen stieß Omega in eine Preisregion vor, die sonst Patek Philippe oder Rolex vorbehalten ist, entsprechend euphorisch las sich die anschließende Pressemitteilung des Bieler Uhrenherstellers. „Verkaufspreis der Speedmaster bricht neuen Weltrekord“. Die Beschreibung der Uhr geriet den sonst eher nüchternen Schweizern besonders blumig: „Während viele Sammlerstücke über Jahrzehnte ein Dasein im Schutze der Dunkelheit eines sicheren Aufbewahrungsorts gefristet haben, hat dieses aussergewöhnliche Omega-Modell ein aktives Leben bei meist strahlendem Sonnenschein geführt, woraus ein einzigartiges ‚tropisches‘ Zifferblatt hervorgegangen ist, das farblich zu einem kräftigen Schokoladenton herangereift ist.“ Wie sich später herausstellte, war die Welt, aus der diese Omega kam, weit weniger strahlend, sondern recht düster.

In Hochglanzanzeigen wird gern die Zukunft beschworen, in der die stolzen Besitzer dereinst ihre unverwüstlichen Schmuckstücke an den Nachwuchs vererben

Im Umgang mit der Zeit sind Produzenten teurer Uhren wahre Meister; nicht nur, was präzise Werke und filigrane Ziffernblätter betrifft, sondern auch die Legenden rund um ihre Marken. Da wird auf jahrhundertealte Handwerkstraditionen verwiesen, auf frühe Handelsbeziehungen zu Adelshäusern oder auch darauf, dass schon mutige Mondfahrer die Unverwüstlichkeit der Zeitmesser zu schätzen wussten. Neben der rühmlichen Vergangenheit wird in Hochglanzanzeigen auch gern die Zukunft beschworen, in der die stolzen Besitzer dereinst ihre unverwüstlichen Schmuckstücke an den Nachwuchs vererben. You never actually own a Patek Philippe. You merely look after it for the next generation. Das ist durchweg der Sound in der Werbung.
 
Bei manchem Unternehmen könnte der Unterschied zwischen heiler Markenwelt und Realität kaum größer sein. Besonders die Einsteigermodelle mancher Luxusmarken sind oft nicht zuverlässiger als eine billige Casio. Dennoch läuft das Geschäft bestens; auch weil noch nie so viel Geld im Umlauf war: Nerdige Tech-Brüder, halbseidene Hip-Hop-Millionäre und skrupellose Oligarchen – sie alle vereint der Drang, ihre Luxusuhren in die Handykamera zu halten. 
Mit der Konjunktur der Protzerei in den Sozialen Medien hat der Umsatz der Uhrenbranche mächtig angezogen – im vergangenen Jahr auf sechzig Milliarden Euro, bis 2030 soll er sich noch mal verdoppeln. 
Noch heißer läuft der Markt für Vintage-Uhren. Auf Auktionen bei Sotheby’s, Christie’s oder Phillips in Genf werden wahre Fantasiesummen aufgerufen. Allein 2022 kamen alte Uhren für 846 Millionen Dollar unter den Hammer. Und auch bei den Gebrauchten wird wieder die Geschichte bemüht: Mal war die Uhr am Handgelenk von Paul Newman, mal hat sich James Bond mit ihr durch einen Film geprügelt – oder sie wurde exklusiv für irgendeinen Sultan oder ein Staatsoberhaupt angefertigt. Beliebt sind Uhren, die untouched sind – also weder getragen noch jemals repariert wurden. Ob aber all diese Geschichten stimmen? Darauf geben die Auktionshäuser vorsichtshalber keine Gewähr. Auch über die Verkäufer erfährt man nicht viel, meist werden die Uhren über Mittelsmänner angeboten und auch von ihnen ersteigert. Sollte sich später herausstellen, dass die Geschichte eine ganz andere ist oder es sich um eine sogenannte Frankenstein Watch handelt – das heißt aus Teilen anderer Uhren zusammengebaut wurde –, hat der Käufer … na ja: Pech gehabt. 
 
Einer, der sich in dieser dubiosen Branche auskennt wie kein anderer, ist der Schweizer Jose Perez. Mit seinem Haardutt und bunten Tattoos auf den Armen wirkt der 52-Jährige mit spanischen Wurzeln wie der Türsteher eines Nachtclubs in Saint-Tropez, aber wie sich herausstellt, ist er in der halbseidenen Welt der Vintage-Uhren einer der Seriösen.
Perez ist in Zürich aufgewachsen und schon seit seiner Kindheit von Uhren begeistert. Vor allem Vintage-Modelle der Firma Panerai, die im Zweiten Weltkrieg italienische Kampftaucher trugen, haben es ihm angetan. Passt auch gut, denn auch Perez durchmisst in gewisser Weise tiefe, unklare Gewässer.
Spätestens seit er seinen Blog „Perezcope“ vor zehn Jahren aus der Taufe hob, auf dem er hanebüchene Geschichten veröffentlichte, ist Perez in der Branche gefürchtet. Mal recherchierte er wochenlang der Firma Blancpain hinterher, die ihre Historie fantasievoll umschrieb, um als ältester Uhrenhersteller der Welt zu gelten. Mal überführte Perez den Schauspieler Sylvester Stallone der Lüge, der sein Rentenkonto regelmäßig durch den Verkauf von Uhren auffrischte, die ihm während seiner Karriere von den Konzernen überlassen worden waren. 
Mit detektivischer Finesse widmet sich Perez dem Geschehen auf Auktionen und stützt sich dabei auf seine eigene Datenbank, in der er Details Tausender Uhren gesammelt hat – von kleinen Kratzern am Gehäuse bis zur Seriennummer. Manche Uhr, die auf seinem Tisch landet, unterzieht er sogar einem Schnüffeltest – angeblich kann er riechen, welcher Kleber verwendet wurde.

Omega kaufte die eigene Uhr für drei Millionen

Die Geschichte, die sich im Jahr 2021 am Genfer See zutrug, kam Perez von Anfang an seltsam vor. Warum kauft jemand eine Uhr für mehr als drei Millionen, wenn man ganz ähnliche Modelle für einen Bruchteil bekommen kann? In seiner Datenbank fand er rasch eine vergleichbare Omega Speedmaster, die ein Händler in Bern ein paar Monate zuvor für 50.000 Schweizer Franken angeboten hatte – ebenfalls charmant ausgeblichen. Bei genauerem Hinsehen bemerkte[FK1]  Perez, dass es sich um dasselbe Ziffernblatt handelte und die Millionen-Omega auch sonst aus Teilen anderer Uhren zusammengesetzt worden sein musste. Normalerweise erkennt man den Pfusch spätestens an der Seriennummer des Uhrwerks, die dann ja eindeutig auf eine andere Uhr verweist – in diesem Fall aber war eine Seriennummer eingestanzt, die nicht nur perfekt zum Jahrgang 1957 passte, sondern auch in keiner anderen Omega der Welt vorkam. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, man hat Zugang zu den Archiven des Uhrenherstellers, in denen die Nummern sicher verwahrt werden …
 
Erst als sich herausstellte, dass kein durchgeknallter Milliardär die Omega Speedmaster gekauft hatte, sondern Omega selbst, wurde das ganze Ausmaß des Betrugs deutlich. Zwar kommt es immer wieder vor, dass Hersteller ihre eigenen Uhren ersteigern, um die Preise am Markt in die Höhe zu treiben oder sie ihren Sammlungen hinzuzufügen, für die manche Hersteller eigene Museen betreiben – dass man aber für eine Vintage-Uhr das 30-Fache des Schätzwertes zahlt, musste einen anderen Grund haben. Wie sich wenig später herausstellte, hatte der Leiter des hauseigenen Omega-Museums intern geraten, die Speedmaster unbedingt zu ersteigern, egal was sie koste. Während der Auktion trieben dann eingeweihte Bieter den Preis so in die Höhe, dass Omega schließlich über drei Millionen Schweizer Franken dafür zahlen musste. Nach Abzug der zehn Prozent Kommission für das Auktionshaus blieb für alle am Komplott Beteiligten eine ordentliche Summe übrig. Der Museumsleiter und drei weitere Mitarbeiter von Omega wurden entlassen, die Ermittlungen laufen noch.
 
„In der Uhrenwelt wird sehr viel betrogen“, sagt Perez, „und das leider oft keineswegs offensichtlich, sondern mit viel krimineller Energie.“
Eigentlich sollte man glauben, dass jemand, der den Betrug entlarvt und den Fälschern auf die Schliche kommt, dafür Anerkennung und Dankbarkeit erfährt – bei Perez ist eher das Gegenteil der Fall. Eine Weile arbeitete er für Auktionshäuser, bis er denen zu viel wurde mit seiner detektivischen Begeisterung. Tatsächlich hat fast niemand ein Interesse an der Wahrheit: die Auktionshäuser nicht, die Verkäufer nicht und nicht mal die Käufer, denn wer möchte schon eine Uhr in der Sammlung haben, die im Nachhinein als Bluff enttarnt wird. 
So ist Perez ein einsamer Troublemaker der Branche. „Wer mit mir arbeitet, riskiert die Gunst der Hersteller“, sagt er. „In der Uhrenwelt ist alles immer ganz toll. Jeder, der die Harmonie stört und die fantastischen Geschichten anzweifelt, ist da unerwünscht.“ Doch nicht alle sehen ihn als Störenfried: Einige Auktionshäuser und Hersteller lassen sich von ihm beraten, und es gibt Sammler, die ihn vor einem Deal hinzuziehen.
 
Seit einer Weile lebt der Uhrendetektiv in Malaysia. Weit weg von den Hauptstädten des Uhrenwahnsinns wie Genf, Monaco oder London, in denen sich immer wieder die absurdesten Geschichten ereignen: So wurde am 23. April 2024, zweieinhalb Jahre nach dem Omega-Debakel, bei Phillips in Genf wieder eine ganz besondere Uhr angeboten. Eine Patek Philippe World Time aus Roségold, auf deren Lünette am Rand des Ziffernblattes die Namen von 23 Städten eingraviert waren. Im Katalog wurde die „brutalistische Ästhetik“ der Uhr hervorgehoben.
Diesmal brauchte es freilich nicht mal einen Perez, um zu erkennen, dass es sich um eine Fälschung handelte. Statt Montreal stand auf der Lünette „Monreal“, statt Tahiti „Thaiti“, und auch bei Rio de Janeiro fehlte das zweite i. Verkauft wurde die Uhr dennoch – für 444.500 Franken. 

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