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Falscher Film

Weil sie die französische Regierung für korrupt hielt und die neueste Louis-de-Funès-Komödie für antiarabisch, entführte eine prominente Pariserin eine Air-France-Maschine mit mehr als hundert Geiseln. Über eine absurde Episode im ewigen Konflikt zwischen Palästinensern und Juden

Von Sascha Lehnartz

Es ist Donnerstag, der 18. Oktober 1973, der Jom-Kippur-Krieg tobt seit zwei Wochen im Nahen Osten, da betritt eine schlanke junge Frau in einem eleganten Mantel die VIP-Lounge des Flughafens Paris-Orly. Sie trägt eine Sonnenbrille und eine große Hermès-„Kelly Bag“, in der sie ihren kleinen Hund Zizi transportiert. Die Mitarbeiter der Fluggesellschaft Air France verzichten auf eine Kontrolle der Passagierin. Sie steigt in eine Boeing 727 ein, die mittags um zwölf Uhr mit einer Viertelstunde Verspätung und 112 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord nach Nizza abhebt. 

Kurz nach dem Start geht die Frau mit ihrer Handtasche auf die Toilette im hinteren Teil des Flugzeugs. Als sie herauskommt, hat sie laut Zeugenberichten ein Kleinkalibergewehr in der Hand, das sie auf dem Klo zusammen- gesetzt haben muss. Die Boeing befindet sich inzwischen auf Reiseflughöhe in der Nähe von Clermont-Ferrand. „Dies ist eine Entführung“, erklärt die Frau einer verdutzten Stewardess und hält ihr ein dreiseitiges Schreiben entgegen. 

In den frühen Siebzigerjahren sind Flugzeugentführungen wegen der dürftigen Sicherheitsvorkehrungen ein beliebtes Mittel militanter Bewegungen, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen. Aber diese Frau sieht überhaupt nicht aus wie eine Freiheitskämpferin, sondern wie eine Pariserin aus besserer Gesellschaft. Zeugen werden sich später widersprechen, ob sie einen Zobel- oder einen Chanel-Mantel trug, darunter ein Dior-Kostüm. 

Der Polizeipräfekt von Marseille nannte sie eine „Irre“, aber Danielle Cravenne war nicht verrückt, sondern wollte die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Palästinenser anprangern

Die Stewardess überbringt dem Kapitän das dreiseitige Traktat, das – so fordert es die Kidnapperin – im Boulevardblatt „France Soir“ und in den Abendnachrichten verbreitet werden soll. Sie sei nicht verrückt, erklärt die Frau darin, aber „nicht einverstanden mit der Regierung“. Und sie sehe sich zum Handeln gezwungen, weil sich niemand sonst an jenem „Gebräu“ störe, in dem es nur um „Egoismus, Kohle, Politik und Gleichgültigkeit“ gehe. Sie wolle die Grausamkeiten des Krieges zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn anprangern und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Palästinenser – ebenso wie das Los diverser anderer unterdrückter Völker in Afrika, in Nordirland und in der Ukraine. 

In den Medien nennt der Polizeipräfekt von Marseille diese Aussagen damals „unzusammenhängend“ und die Autorin eine „psychisch Gestörte“, „eine Schwärmerin“, eine „Irre“. Heute dagegen liest man darin eher durchschnittliche Ideen einer Postkolonialistin mit solidarischem Verständnis für die Lage des „Globalen Südens“.

Außerdem fordert die Luftpiratin auf den drei Seiten ihres Pamphlets noch, Waffenfabriken zu schließen und die Natur zu schützen. Statt Kriege um Erdöl zu führen und Benzin zu verbrennen, sollen alle Franzosen für mindestens 24 Stunden aufs Autofahren verzichten (außer Notärzte und die Feuerwehr) und das Fahrrad benutzen: „Tous au vélo“, schreibt sie – Jahrzehnte bevor in Paris der erste Fahrradweg markiert wird.

Der Präsident Georges Pompidou solle, so eine weitere ihrer Forderungen, seinen Premierminister Pierre Messmer und den Innenminister Marcellin entlassen, denn diese seien korrupt und würden nur reden und nichts tun. Vor allem aber müsse der Präsident umgehend ein französisch-israelisch-arabisches Hilfswerk einberufen, das die entrechteten Palästinenser unterstützen solle. Dann folgt die zentrale Forderung der Entführerin: Sämtliche Vorstellungen des am Vortag gestarteten Louis-de-Funès-Films „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ sollen umgehend abgesagt werden, so lange, „bis Juden und Araber nicht mehr sterben“. Und: Alle Filmplakate sollen durch Poster ersetzt werden, auf denen sich „ein Jude, ein Palästinenser und ein Araber (sic!) die Hand reichen“.

Piratin aus Verzweiflung: Einen Tag nach der Entführung hob die Zeitung Libération Danielle Cravenne auf die Titelseite – als einziges Blatt

Was zu diesem Zeitpunkt niemand weiß: Die Frau, die den Filmstart der defunesken Slapstick-Komödie „Rabbi Jacob“ um jeden Preis verhindern will, heißt Danielle Cravenne. Sie ist 35 Jahre alt und hat zwei kleine Kinder, eine vierjährige Tochter und einen Sohn, der sechs Jahre alt ist. Für ihren Ehemann Georges Cravenne, der 25 Jahre älter ist als seine Frau, konvertierte sie nach der Hochzeit zum Judentum. 

Georges Cravenne kam 1914 als Joseph Cohen im tunesischen Keirouan auf die Welt, überlebte die Schoah in der Résistance und importierte danach die amerikanische Idee der „Public Relations“ nach Frankreich. In Paris macht er das Cabaret „Lido“ berühmt und wird in den Fünfzigerjahren zu dem Impresario des Kulturbetriebes. Wer in Paris zu irgendeinem Fest eingeladen werden will, zu einer Modenschau der großen Designer oder zu einer Filmgala, muss auf die „liste de Cravenne“. 

Keine Werbung und PR-Arbeit für große Filmproduktionen, ob mit Alain Delon, Jean-Paul Belmondo oder Brigitte Bardot, führt an Georges Cravenne vorbei. Und natürlich macht er auch den Film „Rabbi Jacob“ publik. Mit dem Hauptdarsteller Louis de Funès und dem Regisseur Gérard Oury ist er eng befreundet. Überhaupt ist Cravenne mit „Tout Paris“ bekannt, mit Präsident Pompidou, mit Ministern, Wirtschaftsbossen, Showstars. Das Restaurant „Fouquet’s“ auf den Champs-Élysées hat der PR-Profi gemeinsam mit dem Besitzer Maurice Casanova zu einem Pariser In-Lokal gemacht. Ebendort lernt er auch seine 27 Jahre alte Frau kennen: Danielle Bâtisse, schön, smart, selbstbewusst und redegewandt, idealistisch und sensibel. 

In einem Fernsehinterview hat Georges Cravenne Ende der Sechzigerjahre mal erklärt, was erfolgreiche PR ausmacht: Ziel sei es, etwas so bekannt zu machen, dass Leute darüber reden, „sei es durch besondere Aktionen oder durch Skandale“. Diese Lektion hatte seine Frau offensichtlich verinnerlicht.

Sie versteht nicht, wieso ihr Mann mit einem Film Geld verdienen will, der über Juden und Araber witzelt, während der Nahe Osten in Flammen steht

Die politischen Aufwallungen der Zeit regen Danielle auf, sie leidet mit den Opfern, verabscheut Ungerechtigkeit. Der Glamour der französischen Hauptstadt, den ihr Mann beruflich vorantreibt, stößt sie immer mehr ab. 

Danielle Cravenne wird wegen manischen Depressionen behandelt, ihr Psychoanalytiker ist der Psychoanalytiker schlechthin: Jacques Lacan. Auf Dinnerpartys streitet sie sich mal mit dem Premierminister, mal mit dem Innenminister. Sie versteht nicht, wieso ihr Mann mit einem Film Geld verdienen will, der über Juden und Araber witzelt, während der Nahe Osten in Flammen steht. Ihre Sorge ist, das Werk – das sie nicht gesehen hat – sei „prozionistisch“. 

Aber wieso die Mutter zwei kleiner Kinder deshalb mit einem Gewehr, Kaliber .22 Long Rifle, und einer Schreckschusspistole ein Flugzeug besteigt und in ihrem Bekennerschreiben droht, die Maschine über einem Atomkraftwerk nördlich von Avignon abstürzen zu lassen, erklärt all das nicht. 

Den Kapitän der Boeing 727, Michel Desavoye, fordert Danielle Cravenne auf, nach Kairo zu fliegen. Der Pilot überredet sie zu einer Zwischenlandung in Marseille, um die Maschine aufzutanken. Alle Passagiere und die Crew dürfen aussteigen. Nur er und der Kabinenchef bleiben zunächst an Bord. Nach drei Stunden Verhandlungen mit der Polizei auf dem Rollfeld des Flughafens Marignane ist Danielle Cravenne erschöpft und verlangt etwas zu essen. 

Zeitgleich erhält der Polizeipräfekt von Marseille vom französischen Innenminister Raymond Marcellin – den die Luftpiratin feuern lassen möchte – die Order, die Entführung zu Ende zu bringen. Marcellin gilt als Hardliner. Nach den Protesten im Mai 1968 hatte ihn Ministerpräsident de Gaulle persönlich ernannt, um wieder für „Ordnung“ zu sorgen. Dass die Erpresserin an Bord eine Dame der Pariser Gesellschaft ist, die er persönlich kennt, weiß der Minister angeblich nicht. Essen bringen ihr schließlich drei Mitglieder eines Sondereinsatzkommandos der „Groupe d’intervention de la Police nationale“ (GIPN) an Bord, die als Flughafenmitarbeiter getarnt sind. Einer von ihnen ist Paul Caparos, ein berühmt-berüchtigter Scharfschütze.

Der Polizeipräfekt wird später vor Journalisten erklären, Cravenne habe plötzlich ihr Gewehr auf den Agenten gerichtet, dieser habe im Reflex die Waffe gezogen und geschossen. Auf Nachfrage eines Reporters sagt der Präfekt nur, es habe sich um legitime Selbstverteidigung gehandelt. 

Aus nächster Nähe feuert Schütze Caparos mit seiner Smith & Wesson vier Kugeln auf Danielle Cravenne, die erste zerstört ihren Kiefer, eine verfehlt sie, eine trifft sie in die Brust. Die vierte trifft sie ins Herz. Sie stirbt im Krankenwagen. Als ihr Stiefsohn Stunden später am Flughafen eintrifft, um sie zu identifizieren, wundert er sich, dass das Gewehr, das sie laut Polizei benutzt haben soll, auseinandergebaut in ihrer Tasche steckt.

Killer im Schatten: Der Mann, der Danielle Cravenne erschoss, brüstete sich in seiner Autobiografie mit der Tat. Angeblich sei er angegriffen worden

Angeblich, so behauptet es der GIPN-Agent Caparos in seiner Autobiografie „Tireur de l’ombre. La saga d’un maître d’armes“, habe Cravenne zuerst geschossen und ihn sogar noch mit dem Gewehr bedroht, nachdem er ihr mit einer Patrone Kaliber .38 den Kiefer zerschossen hatte. In ihrem Blick habe er „den Willen zu töten“ erkannt, schreibt Caparos.

Danielle Cravenne hatte im Umgang mit Waffen keinerlei Erfahrung. Patronenhülsen, die sie abgefeuert haben soll, wurden nie gefunden. „Selbstverteidigung?“, fragt die Zeitung „Le Monde“ am Tag nach dem Attentat. Bei sämtlichen vorangegangenen Flugzeugentführungen in Frankreich habe man versucht, zu „verhandeln und Zeit zu gewinnen“. Und das habe stets das Schlimmste verhindert. Dieses Mal nicht.

Und die Zeitung „Libération“, damals noch betont links unter dem Herausgeber Jean-Paul Sartre, zeigt am Wochenende nach der Entführung unter ihrem Aufmacher mit der Schlagzeile „Syrisch-irakischer Vorstoß auf den Golanhöhen“ ein Bild von Danielle Cravenne. Dazu die Zeile: „Piratin aus Verzweiflung – Leichte Beute für die staatlich geprüften Mörder!“ In dem dazugestellten Bericht wird sarkastisch erwähnt, die „Spezialisten“ der Einsatzbrigade verstünden ihr Handwerk. „Madame Georges Cravenne“ (in Frankreich war es in den Siebzigerjahren noch üblich, die Ehefrau unter dem Namen des Gatten zu führen) sei von Kugeln in den Kopf und in die Brust getroffen worden, schreibt die „Libération“.

Monsieur Marcellin (der Innenminister) könne zufrieden sein. „Gute Arbeit.“ Alle seien sich einig, dass es sich bei dem Opfer um eine „exaltierte Idealistin“ handele. Die Ordnung sei wiederhergestellt, der Polizeipräfekt von Marseille könne wieder ruhig schlafen. Cravennes Forderung, dass die franzö-sische Regierung Araber und Israelis versöhnen und den Frieden wiederherstellen solle, sei „für die Französische Republik unerträglich gewesen, die ihre ‚Verrückten‘ abschlachtet wie tollwütige Hunde“, lautet das bittere Fazit der „Libération“.

Mehr als fünfzig Jahre nach dem Mord an Cravenne erscheinen ein Theaterstück und ein Buch über den Fall. Denn heute wirkt diese Frau irritierend zeitgemäß

Warum niemand ernsthaft versucht hat, Danielle Cravenne zur Aufgabe ihres Vorhabens zu bewegen, nachdem sie alle Passagiere hatte von Bord gehen lassen, wurde nie aufgeklärt. Unklar blieb auch, warum den Behörden über Stunden die Identität der Entführerin nicht bekannt gewesen sein soll, obwohl diese auf der Passagierliste der ersten Klasse stand. 

Ihr Witwer Georges Cravenne strengte einen Prozess auf einen symbolischen Franc Schadensersatz an, um den Ablauf des Dramas aufzuklären, doch die Gerichte wiesen seine Klage zweimal ab – obwohl er von Staranwälten vertreten wurde.

Wer heute noch einmal „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ sieht, wird darin wenig „Prozionistisches“ finden und sich wundern, warum man wegen dieses Films sein Leben und das von 112 Passagieren aufs Spiel setzte.De Funès spielt in der Klamotte den reaktionär-rassistischen Fabrikdirektor Victor Pivert, der auf der Fahrt zur Hochzeit seiner Tochter zufällig in einen innerarabischen Milizenkonflikt gerät, aus dem er sich nur befreien kann, indem er sich als orthodoxer Rabbiner verkleidet. Am Ende rettet ihm sein jüdischer Chauffeur ebenso wie einem Volkshelden eines (ungenannten) „Dritte-Welt-Landes“ das Leben. Schließlich verheiratet Pivert seine Tochter mit genau diesem Helden, nunmehr der Präsident eines fiktiven arabischen Staates.

Der Film ist trotz seiner zahllosen, aus heutiger Sicht, identitätspolitisch unsensiblen, aber gar nicht mal nur schlechten Gags weder antisemitisch noch arabophob. Vor allem ist er eine grobe Satire auf den nach wie vor virulenten Rassismus der französischen Oberschicht. 

Seinen immensen Erfolg konnte Danielle Cravenne nicht verhindern. Die Entführerin geriet bald in Vergessenheit, allenfalls sprach mannoch von dem „Schatten“, den ihr „tragisches Geschick“ auf den Film geworfen hatte. Mit mehr als sieben Millionen Besuchern wurden die „Abenteuer des Rabbi Jacob“ zu einem der größten Erfolge des französischen Kinos.

Nach den gerichtlichen Niederlagen redete Georges Cravenne nie wieder öffentlich über den Tod seiner Frau. Als PR-Genie machte er stoisch weiter, erfand den Filmpreis „César“, das französische Gegenstück zu den Oscars, und starb 2009.

Erst dreizehn Jahre später, 2022, beschrieb die Autorin Sylvie Matton, die mit Danielle Cravenne befreundet war, den Fall in einem langen und detaillierten Artikel im Magazin „Nouvel Observateur“ und beklagte ein „Staatsverbrechen“, dessen Akten endlich geöffnet werden müssten. Geschehen ist seither nichts.

Vor kurzem erschien der Roman des Autors und Regisseurs Jean-Philippe Daguerre „La femme qui n’aimait pas Rabbi Jacob“ (Die Frau, die Rabbi Jacob nicht mochte). Eine Bühnenversion ist noch bis April im Pariser Théâtre Montparnasse zu sehen. Im März kommt ein zweiter Roman heraus: „Eine Frau will den Frieden“ von David Naim. 

Mehr als fünfzig Jahre nachdem die mächtigen Männer ihrer Zeit Danielle Cravenne für verrückt erklärten, wirkt diese Frau irritierend zeitgemäß.

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