Sofort auseinander!
Warum es unbestreitbar eine Heft zum Thema „Zoff“ braucht: unsere Gedanken zur neuen Ausgabe
Von Natascha Roshani und Oliver Gehrs
So ein richtiger Knatsch kann schon an den Nerven zerren, besonders mit den Menschen, die man liebt. Aber gerade mit denen zofft man sich blöderweise am meisten, allein schon, weil es ständig Gelegenheit dazu gibt.
Streit lässt sich im Alltag kaum vermeiden, er gehört einfach zur Kommunikation dazu. Bereits vor einer halben Million Jahre haben sich Menschen den urzeitlichen Schädel eingeschlagen. Die Frage ist deshalb nicht, ob, sondern wie man sich streitet. Etwa so, dass danach tagelang Schweigen herrscht, weil alle beleidigt sind, oder doch lieber so, dass man nach einer klaren Aussprache mehr Verständnis für sein Gegenüber hat – und der andere mehr für einen selbst.
Es herrscht eine atemberaubende Ausschließlichkeit
Klingt etwas salbungsvoll? Kann sein. Aber wenn man das Ganze mal aus dem Familiären und Freundschaftlichen herauszoomt, sieht man, wie wichtig richtiges Streiten ist. Ob Gendern, Klimawandel, Rechtsruck, Gaza, Ukraine, Corona – in allen Diskursen herrscht eine atemberaubende Ausschließlichkeit und wenig Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Andere Meinungen werden von uns allzu oft als Zumutung wahrgenommen, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen und die eigenen Vorurteile oder Klischees zu hinterfragen. Angeheizt wird diese Fehlentwicklung durch rechte Hetzportale, die jeden Tag Jagd auf Andersdenkende machen und absurderweise gleichzeitig behaupten, sie wären diejenigen, die
gecancelt würden.
Ganz neu ist diese gesellschaftliche Entwicklung natürlich nicht. Wenn man sich alte Bundestagsdebatten aus den Sechzigerjahren anschaut, herrschte auch damals schon ein recht unversöhnlicher Ton. Auch von einem konstruktiven Zwist innerhalb von Regierungskoalitionen ist in den Annalen wenig zu finden. Zu allen Zeiten gab es schon den Schlag Politiker und Politikerinnen, denen das populistische Zündeln lieber ist als eine lebenswerte Zukunft für alle. Aber zum Glück gibt es heute eben auch eine neue Generation, die den Umgang miteinander gerade revolutioniert: mehr Zuhören, mehr Achtsamkeit, mehr Diskussion statt aggressives Rumgeblöke und dominantes Gehabe. Nur schade, dass diese jungen Menschen in unserem Land wenig zu sagen haben. Doch die Demografie spielt ihnen in die Hände, denn die Alten, die versuchen, ihren Bedeutungsverlust durch ostentativen Defätismus zu kompensieren, sterben aus. Und wer weiß, vielleicht kommt nach dieser jammerreichen Zeit eine Ära des Positivismus, in der aus Meinungsverschiedenheiten kein Hass wird, sondern konstruktiver Austausch. Für so eine Zukunft lohnt es sich auf jeden Fall zu streiten.
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