Für diese Frau ist jetzt Schluss
Schön, dass über Rassismus viel geredet wird – aber wen interessiert schon die Diskriminierung von Sinti und Roma? Bei der geht es nicht mal um Hautfarbe oder Migrationshintergrund, sondern oft nur um Familiennamen. Kelly Laubinger lässt sich diesen Irrsinn nicht mehr gefallen
Von Noelle Konate; Bilder von Vedad Divovic
Manchmal, wenn sie die Tonfigur im Bücherregal ihres Büros sieht, muss Kelly Laubinger weinen. Sie müsse irgendwo ein Foto von dieser Figur haben, sagt die 36-Jährige mit kämpferisch wirkender Haartolle auf dem Kopf und wischt bei einem Treffen im Café auf ihrem Handy herum. Dann erzählt sie. Davon, dass sie die Figur in der Grundschule getöpfert habe, dass sie lange in einer Vitrine ihrer Eltern stand, dass irgendjemand glaubte, sie hätte da eine betende Frau geformt. Dann findet sie das Foto: ein kniender weißer Körper, die Hände nicht betend vor der Brust, sondern fest an den Kopf gedrückt. Eine Figur, die nichts sehen und nichts hören will.
„Wie damals“, erinnert sich Kelly Laubinger, wenn es bei ihnen zu Hause an der Haustür klingelte. Und sie, als Kind, vermutete, dass es wieder mal die Polizei war, die alle Familienmitglieder aufforderte, sich auf den Boden zu legen. Damals hätte sie sich unter dem Tisch versteckt, ihre Arme an den Kopf gedrückt, um nichts zu hören. Selbst an einem Kindergeburtstag seien Polizisten vorbeigekommen, ein anderes Mal hätten sie ihre Barbie-Puppen gefilzt.
Warum die Polizei damals regelmäßig bei der Familie war, lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Laubinger sagt, einen Anlass habe es gar nicht gegeben. „Sie haben uns alle wie Verbrecher und Verbrecherinnen behandelt, vom Kleinkind bis zu den Alten.“
Eine lange Geschichte von Verfolgung und Ermordung
Die Laubingers sind Sinti. Die Laubingers sind Holocaustüberlebende und ihre Nachkommen. Und die Laubingers sind seit Jahrzehnten Opfer von Rassismus. Die polizeiliche Diskriminierung von Sinti und Roma in Deutschland hat eine lange Geschichte. Bereits während des deutschen Kaiserreichs standen sie aufgrund ihrer ethnischen Herkunft und rassistischer Stereotype unter Generalverdacht. Ab 1905 gab es im Polizeipräsidium München ein Buch, in dem Informationen über 3.350 missliebige und unerwünschte Personen gesammelt wurden. Es wurde an 7.000 Polizeidienststellen verschickt, damit die Beamten Sinti und Roma identifizieren konnten. Später gingen die Daten in der sogenannten „Landfahrer-Kartei“ auf, die bis 1980 von der Polizei genutzt wurde.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden Sinti und Roma systematisch verfolgt und ermordet. Erst im Jahr 1982 rang sich Deutschland zur Anerkennung dieses Verbrechens durch. In Neumünster, wo die Laubingers wohnen, gibt es seit 2021 eine Gedenktafel für Sinti und Roma, die aus der schleswig-holsteinischen Stadt deportiert wurden. Von den 39 Namen darauf gehören neunzehn zu Kelly Laubingers Familie. „Ich komme aus zwei Großfamilien, die schon lange hier leben“, sagt sie. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten Überlebende zurück nach Neumünster, darunter auch einige Laubingers. Dass sie Sinti sind, das sieht man ihnen natürlich nicht an, aber die Menschen in Neumünster wissen es. Laubinger ist ein häufiger Nachname unter Sinti – so wie andernorts Reinhardt oder Schneeberger.

Was es bedeutet, einen stigmatisierten Namen zu tragen, weiß Kelly Laubinger schon lange. Als sie in den Kindergarten kam, sprach sie zunächst nicht. Warum das so war, interessierte niemanden. Stattdessen habe die Erzieherin die Mutter gefragt, ob die kleine Kelly überhaupt Deutsch spreche. Als Kind spürte sie schnell, dass sie als fremd wahrgenommen wurde, und versuchte, sich anzupassen. Wenn sie ein deutsches Wort nicht wusste, schlug sie es im „Duden“ nach. „Ich wollte möglichst gebildet klingen“, erinnert sich Laubinger, in deren Familie man Romanes und Deutsch sprach.
Zu Hause war sie selbstbewusst, nur außerhalb ihrer vier Wände ruhig und still. Da wollte sie nicht auffallen. Klassensprecherin, das sollten andere werden, es guckten ja sowieso schon alle. Über den Alltagsrassismus, den sie und ihre Familie erlebten, wurde zu Hause nie gesprochen. „Es war einfach normal“, sagt Laubinger. Ihr hätten auch die Worte dafür gefehlt.
Das ändert sich erst viele Jahre später, als sie längst erwachsen ist. Im Mai 2020, als ein Polizist den Afroamerikaner George Floyd ermordet, erregt die Black-Lives-Matter-Bewegung internationales Aufsehen. Damals findet auch Kelly Laubinger eine Sprache für das, was ihr und ihrer Familie widerfahren ist und immer noch widerfährt. Sie beginnt, Bücher von Autorinnen und Autoren wie Tupoka Ogette, Alice Hasters und Max Czollek zu lesen. Sie wird politischer und tauscht sich auf Sozialen Netzwerken mit Aktivisten aus. „Manchmal bis drei Uhr morgens“, erzählt sie heute.
Irgendwann schreitet sie selbst zur Tat: In rassistischen Kommentarspalten hält sie nun vermehrt dagegen, tippt ihre Überzeugung in die Tastatur. Die Frau, die bisher ihr ganzes Leben versucht hat, dazuzugehören, sich zu „integrieren“, versteht nun, dass sie das gar nicht muss. Sie ist deutsch. Punkt. Wenn das von anderen nicht anerkannt wird, ist das nicht mehr ihr Problem. „Die Bücher haben sehr viel mit meinem Selbstwertgefühl gemacht“, sagt Laubinger. In dieser Zeit weicht die Verzagtheit einer Resilienz, die sie noch brauchen wird.
Frühsommer 2021
Kelly Laubinger will sich beim Fitnessstudio anmelden, abends mit einer Freundin essen gehen und morgen gleich mit dem Training starten. Also stellt sie sich im Studio vor. Kurz darauf teilt man ihr mit, eine Anmeldung sei leider nicht möglich. Anmeldestopp, eine neue Landesverordnung aufgrund der Coronapandemie. Schade, doch ihren guten Vorsatz will Laubinger nicht so schnell aufgeben. Sie ruft bei einem anderen Studio an. Von einer neuen Landesverordnung hat man dort nichts gehört. Eine ähnliche Antwort beim nächsten Studio.
Laubinger kommt ein Verdacht. Hatte man sie im ersten Studio wegen ihres Familiennamens abgelehnt? Erst kommen die Tränen, dann die Wut. „Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich, es reicht, das toleriere ich nicht mehr“, sagt Laubinger rückblickend. Anstatt die Sache auf sich beruhen zu lassen, fordert sie eine Erklärung vom Studio: Warum wurde sie abgelehnt?
Erst druckst man herum, der Trainer sei gerade nicht da, man könne ihr keine Info geben. „Ich warte, bis ich eine Antwort bekomme“, erwidert sie. Nach Stunden heißt es dann, es sei eine Anweisung des Chefs, man könne nichts machen. Sie verlässt das Studio, wieder mit Tränen in den Augen – aber auch mit der Überzeugung, dass sie nichts mehr auf sich sitzen lässt. So erinnert sich Kelly Laubinger an diesen für sie einschneidenden Tag.
Die alte Kelly Laubinger hätte das Ganze geschluckt, als traurige Normalität abgetan. Die neue Kelly Laubinger erzählt ihrem Vater am Abend davon. Und siehe da: Auch er berichtet, dass er Jahre zuvor von demselben Studio abgelehnt wurde. Damals sagte man ihm ganz klar, man wolle ihn nicht haben.

Eine Bekannte rät ihr, sich an eine Antidiskriminierungsstelle zu wenden, schließlich gäbe es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). „Ich wusste nicht einmal, dass dieses Gesetz existiert“, sagt Laubinger.
Mithilfe des Antidiskriminierungsverbands Schleswig-Holstein wird Laubinger zur Detektivin. Sie schreibt dem Studio eine E-Mail, dass sie Mitglied werden möchte – und wird erneut abgelehnt. Sie schickt zwei Freundinnen, die keine Sinti-Nachnamen tragen, als Testpersonen zum Fitnessstudio. Beiden wird ein Vertrag angeboten. Dann bekommt sie mit, dass das Studio um neue Mitglieder wirbt – in der Zeitung, auf Plakaten und in den Sozialen Medien. Laubinger macht von allem Fotos und Screenshots. Ein Bekannter rät ihr, sich einen Anwalt zu nehmen. Über ein Jahr dauert es, bis es zum Gerichtsprozess kommt.
Es ist ein Jahr, in dem Kelly Laubinger selbst zur Aktivistin wird. Zwar hatte sie bereits 2017 den Verein Sinti Union Schleswig-Holstein mitgegründet, doch der agierte eher innerhalb der Community. Nun merkt sie, dass die Anliegen des Vereins die ganze Gesellschaft angehen. Sie und ihre Mitstreiter starten einen Instagram-Account, berichten dort auch über den Fitnessstudio-Fall und stoßen eine Tür auf: Immer mehr Sinti und Roma berichten dort von rassistischen Erfahrungen, anonym veröffentlichen sie ihre Geschichten von Herabsetzung und Ungleichbehandlung.
Zur selben Zeit gründet sich in Berlin die Bundesvereinigung der Sinti und Roma. Kelly Laubinger und ihr Vater wollen dabei sein und fahren hin. Als der Vorstand gewählt wird, wird sie aufgefordert, sich zu melden. Mich kennt doch keiner, warum sollen die mich wählen, denkt sie. Was sie nicht weiß: Durch ihre Gegenrede in Kommentarspalten im Netz hat sie bereits viele inspiriert und sich einen Namen gemacht. Auf einmal ist sie Co-Vorsitzende.
Als der Termin zur Gerichtsverhandlung näher rückt, solidarisieren sich in den Sozialen Medien immer mehr Menschen mit Kelly Laubinger. Einige kommen zur Verhandlung – auch die Presse ist da. Der Fitnessstudio-Betreiber, erinnert sich Laubinger heute, habe im Prozess immer wieder von „Selektion“ gesprochen und davon, dass er keinen „ungehinderten Zufluss zulassen konnte“. Verletzende Worte gegenüber Nachkommen von Holocaustüberlebenden. „Der hat gar nicht gemerkt, welche Sprache er benutzte“, sagt Laubinger.
Lange glaubt sie nicht daran, das Verfahren zu gewinnen. Zur Urteilsverkündung kommt sie deshalb erst gar nicht. Sie sitzt mit ihrem Vater im Auto, als ihr Bruder anruft und ihr erzählt, dass sie gewonnen hat. Erst am Abend realisiert sie den Sieg.
Das Kelly-Laubinger-Urteil
„Dieses Urteil war wirklich bahnbrechend“, sagt Alexander Cramer von der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus. Cramer koordiniert dort das Rechtshilfenetzwerk, eine kostenlose juristische Erstberatung für Betroffene.
„Gerade das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ist ein Rechtsgebiet, in dem es noch sehr wenig Urteilspraxis gibt“, erklärt Cramer. Er kenne nur wenige Fälle, die zum Erfolg führten. Kelly Laubinger habe auch gewonnen, weil sie von einem Verband unterstützt wurde. In seinem Arbeitsalltag sei er kürzlich mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung konfrontiert gewesen, die wegen geringer Schuld und fehlendem öffentlichen Verfolgungsinteresse eingestellt wurde. In solchen Momenten sei er einfach nur sprachlos.
Wenn niemand hinsieht, so scheint es, dann hilft auch kein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, keine Antidiskriminierungsstelle. Das muss auch Kelly Laubinger ein Jahr nach dem Sieg vor Gericht erfahren. Mittlerweile ist sie Vorstand des Bundesverbands der Sinti und Roma und Geschäftsführerin des Sinti Union Schleswig-Holstein e.V., der seit 2023 finanziell vom Land gefördert wird. Im Herbst desselben Jahres plant die Sinti Union eine antirassistische Lesereihe in Neumünster. Lesen soll unter anderem Max Czollek – einer der Autoren, dessen Bücher damals Laubingers Widerstandskräfte geweckt haben. Online bucht sie ein Zimmer für den Gast, doch ein paar Tage später liest sie auf ihrem Handy folgende Nachricht:
„Sehr geehrte Frau Laubinger, vielen Dank für Ihre Email. Leider darf ich Ihnen kein Zimmer vermieten, da wir mit der Familie Laubinger leider schlechte Erfahrungen gemacht haben.“
Diesmal fühlt sie sich nicht hilflos, stattdessen denkt sie: Na warte, wir sehen uns vor Gericht! Sie ruft ihren Anwalt an und meldet sich bei der Antidiskriminierungsstelle und dem Antidiskriminierungsverband. Sie und Max Czollek posten den Fall in den Sozialen Netzwerken. Mehr als 10.000 Likes bekommt der Beitrag. Gleichzeitig erhält Laubinger so viele Hasskommentare, dass sie sich von TikTok abmeldet. Zwischen ihr und dem Hotelbesitzer findet ein Schiedsverfahren statt, das keine Einigung bringt. Es folgt eine Verhandlung.
Diesmal ist Laubinger im Gericht, als das Urteil verkündet wird, diesmal denkt sie: Ich werde wahrscheinlich gewinnen. Und genauso kommt es.
Von der kleinen Kelly, die sich unter dem Tisch versteckt, scheint heute nicht viel mehr als eine Tonfigur geblieben zu sein. Kelly Laubinger ist weiterhin Sintiza, sie ist weiterhin Nachfahrin von Holocaustüberlebenden und Opfer von Rassismus. Aber sie ist auch: Geschäftsführerin der Sinti Union Schleswig-Holstein, ehemalige Vorsitzende des Bundesvereins der Sinti und Roma und: erfolgreiche Aktivistin.
Wie eine Tonfigur von ihr heute aussähe? Kelly Laubinger überlegt kurz. Dann sagt sie: Sie würde aufrecht stehen, fest mit beiden Füßen auf dem Boden. Sie würde mit einem Ziel vor Augen in eine Richtung blicken. Sie wäre standhaft.
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