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Ich bin dein Sohn, du Arschloch

Ein Vater, der gewalttätig und kriminell ist – und vor dem er einst zusammen mit seiner Mutter floh: Der Fotograf Abdulhamid Kircher hat mit „Rotting from Within“ ein epochales Werk über die Beziehung zwischen Vater und Sohn geschaffen – und über die Macht der Versöhnung

Von Natascha Roshani

Es ist eine komplizierte Sache, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Und es ist noch mal besonders vertrackt zwischen Sedat und Abdul. Eine jahrzehntelange Annäherung, aber auch ein stetiges Auf und Ab und ein immerwährender Kampf um Anerkennung und Liebe. 

Abdul kam als Kind seiner fünfzehnjährigen Mutter Maria und seines neunzehnjährigen Vaters Sedat in Berlin auf die Welt. An die ersten Jahre erinnert er sich kaum, die Angst schien übermächtig und verdrängte erste Bilder und Erlebnisse. Sein Vater terrorisierte und schlug die Mutter, die sich eines Tages nicht anders zu helfen wusste, als mit dem vierjährigen Abdul nach Hannover zu fliehen und beider Namen zu ändern. Einfach untertauchte trotz der Drohungen Sedats, all ihre Familienangehörigen in Berlin umzubringen, wenn sie nicht zurückkäme. Schließlich wanderte sie mit ihrem neuen Mann und ihrem Sohn nach New York aus. So weit wie möglich weg von Gewalt, Drogen und versuchtem Mord. Taten, die ihren Ex-Mann Sedat mittlerweile ins Gefängnis gebracht hatten.

Aber eine Beziehung zwischen Vater und Sohn ist immer etwas zutiefst Essenzielles. Ganz gleich, ob der Vater Kokain verkauft oder die Mutter prügelt, Stimmungsschwankungen und ein Riesenego hat. Sich einen Dreck um seinen Sohn kümmert, während er in einem toxischen Teufelskreis steckt. Ein Kind liebt seinen Vater – und will von ihm geliebt werden. 

Wie Abdul, der seinen Vater erst mit fünfzehn Jahren wiedertrifft, als er die Sommerferien in Berlin verbringt. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, lädt Sedat seinen Sohn in seine Wohnung ein, in der er mit seiner Freundin lebt. Sie verbringen viel Zeit miteinander, Zeit, in der sich Abdul, der das Fotografieren entdeckt hat, seinem Vater mit Distanz und seiner Kamera nähert. Ihn beobachtet, wie er Kokain für Kunden verpackt, Freunde aus der Berliner Unterwelt vorbeischauen, geprahlt, gesnifft, geraucht, gedealt wird. Für Abdul ist es eine Welt wie im Film und er mittendrin, immer mit dem Finger auf dem Auslöser. In einem Moment bringt sein Vater ihn zum Lachen, kauft ihm Vintage-Kameras, im nächsten beschimpft und verletzt er ihn. Und warum fragt er nie, wie es seinem Sohn geht, interessiert er sich nicht für ihn? 

„Ich bin halt nicht der Typ, der anderen in den Arsch kriecht.“ 

 „Ich bin dein Sohn, du Arschloch.“ 

„Verpiss dich, geh, wohin du willst, komm nur nicht hierher. Fick dich und deinen Stiefvater. Ich komme heute Abend zu euch nach Hause und verprügle euch alle.“

Aus der zögerlichen Annäherung und Faszination einer neuen, geheimnisvollen Welt wird nach und nach Hass. Hass auf den Vater und sich selbst. Warum ist Abdul ihm so ähnlich, obwohl sein Vater die meiste Zeit abwesend war? Er befürchtet, dass der Charakter und das Wesen Sedats auch in ihm stecken. Es folgen Zeiten, in denen die Pausen zwischen den Wiedersehen größer werden, und Abdul stattdessen seine Ferien in der Türkei bei den Großeltern verbringt. Dort erlebt er, dass auch der Vater seines Vaters keine Nähe zulassen kann. Auch er hat seinen Sohn früher geschlagen und geglaubt, so seine Liebe zum Ausdruck zu bringen. 

Heute, als erwachsener 29-jähriger Mann, hat sich Abdul mit seinem Vater versöhnt, ihm vergeben. Und obwohl er nicht mit Sedat aufgewachsen ist, scheint er dessen ambivalente, komplexe Persönlichkeit durchdrungen zu haben. Mit der Kamera ist er Teil seines Lebens geworden. Auch wenn er dieses Leben, das er dokumentiert, nie ganz verstehen wird. Vor allem weiß er, dass er keine Angst haben muss, so zu werden wie sein Vater. Abdul kann die männliche generationsübergreifende Dominanz seiner Familie durchbrechen und sich ihr gleichzeitig nähern – mithilfe der Fotografie und seiner obsessiven Fotoarbeit „Rotting from Within“.

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