Mal zusammen raufen
Ist der kämpfende Mensch womöglich der glücklichere? Es muss ja nicht gleich eine Kneipenschlägerei sein. Beim „Playfight“ rangeln fremde Menschen recht behutsam miteinander und entdecken eine kraftvolle Methode, sich völlig neu zu spüren. Ein Selbstversuch
Von Tabea Venrath; Bilder von Martin de Crignis
Verschwitzt und atemlos liege ich unter einem Typen mit grauem Longsleeve. Vorhin hatte ich ihm noch mein Knie in den Oberkörper gerammt: ein kurzer, kindischer Triumph, der sich sofort gerächt hat. Mit vollem Körpergewicht liegt er jetzt seitlich auf mir. Uff. Ich höre ihn atmen, höre mich atmen, spüre die fremde Körperwärme, die Bodenmatte und japse nach Luft.
Ich bin eine Person mit friedlichen Absichten, aber an diesem Sonntagabend will ich bei dem mitmachen, was ich mein Leben lang nicht getan habe: raufen. „Playfight“ steht für achtsames Raufen im spielerischen Setting – wo Nähe und Stärke nicht besprochen, sondern körpernah verhandelt werden.
„Dir fehlen einfach die Brüder“, diagnostizierte eine Bekannte belustigt mein Vorhaben. Als hätte ich als Kind ein paar ordentliche Rangeleien verpasst und würde sie jetzt nachholen wollen. Vielleicht. Aber es geht mir um mehr.
Ich will wissen, was passiert, wenn der Körper plötzlich streitet, wo sonst der Kopf moderiert
Ich, eine etwa 1,60 Meter große erwachsene Frau mit durchschnittlicher Konstitution und wenig Kampfsporterfahrung, bin hier, weil ich herausfinden will, was die körperliche Auseinandersetzung mit mir macht, ich will wissen, was passiert, wenn der Körper plötzlich streitet, wo sonst der Kopf moderiert.
Je länger mein Kampf mit dem Longsleeve-Typen dauert, desto klarer wird mir, dass ich es nicht nur mit ihm aufnehmen muss, sondern vorrangig mit den Grenzen meines Körpers. Komm schon, noch ein bisschen, appelliere ich verzweifelt an meine Muskeln, während ich keuchend versuche, mich aus meiner unvorteilhaften Position zu befreien. Fuck! Es geht einfach nicht. Ich kapituliere und klopfe zweimal mit der flachen Hand auf die Matte. Der Longsleeve-Typ weiß, was das bedeutet: Game over.

In einer Gesellschaft, in der Konflikte zusehends in roher Gewalt enden und Aggressionen sich oft im Digitalen entladen, erahne ich, dass beim „Playfight“ etwas Unzeitgemäßes geschieht: „Playfighten heißt in erster Linie, miteinander zu kämpfen statt gegeneinander“, erklärt der Trainer, der sich als Jonas vorstellt. Hier streiten zwei Körper, ohne dass es um Vernichtung oder die bessere Formulierung geht. Raufen produziert keine „Sieger“ oder „Verlierer“. Es geht um Nähe, Aushandlung – und auch so etwas wie Spaß.
An diesem Abend in einem Berliner Kampfsportstudio sitzen etwa zwölf Leute in einem Kreis auf weichen Bodenmatten – Männer und Frauen zwischen Mitte zwanzig und Mitte fünfzig –, während ein leichter Schweißgeruch in der Luft liegt.
Vor dem Playfight müssen Ohrringe herausgenommen, Piercings mit Pflastern abgeklebt werden, um Verletzungen zu vermeiden. Raufen braucht Vorbereitung, Entwaffnung. Auch körperlich. Wir starten mit harmlosen Warm-up-Übungen, dann leitet Jonas ein Spiel an, für das wir uns zu zweit zusammentun. Es gilt, sein Gegenüber so lange körperlich zu triezen, bis es mit einem klaren „Nein“ kontert. Konsens, so wird später klar, ist hier wesentliche Kampftechnik. Ein guter Playfight lebt von Grenzen und von dem, was innerhalb dieser plötzlich möglich wird.
Kein Würgen, okay, aber ich frage mich still, was mit Beißen ist
Unverzichtbar sind die Regeln, an die uns der Trainer erinnert: „Kein Schlagen, kein Hebeln, kein Würgen, kein An-den-Haaren-Ziehen“ und „auch kein Kitzeln“, „denn das triggert so manchen“. Ich frage mich still, was mit Beißen ist. Jonas schiebt hinterher, als hätte er meine Gedanken gehört: „Liefert euch keine Todeskämpfe!“ Blaue Flecken gibt’s trotzdem. Als „schönes Mitbringsel“ bezeichnet er sie. Und rät, fürs erste Mal einen Gegner zu wählen, bei dem die Kräfte halbwegs zu den eigenen passen.
Noch nie habe ich mir Menschen, die ich nicht kenne, so gründlich angesehen, so genau ihre Bewegungsabläufe registriert und Annahmen über ihre Körper getroffen. Choose your fighter, nur ohne Konsole: Wer passt zu meinem Level, wer ist zu viel, wer ist ein Risiko? Mein Blick streift umher, während ich Kategorien durchgehe, um künftige Gegner zu identifizieren. Ich denke an Körperspannung, Statur, Stärke. Mit wem lässt sich auf Augenhöhe raufen? In die engere Wahl fallen: eine Frau mit Brille und Socken mit Ananasmotiven, eine Blonde mit Pferdeschwanz und Leoparden-Leggings und der dunkelhaarige Typ mit grauem Longsleeve und sanftem Blick. Ich achte darauf, den Augenkontakt mit einem älteren bärtigen Mann zu vermeiden. Zwar ist er nicht besonders groß oder kräftig, aber seine Körperspannung strahlt absolute Beherrschung bei maximaler Gelenkigkeit aus. Gegen so eine Mischung aus Kontrolle und Dehnbarkeit hätte mein Körper keine Chance. Meiner ist zu steif, zu untrainiert, zu sehr Schreibtischkörper.

Ein Fight beginnt nicht mit einem Schlag, sondern mit Blickkontakt. Zwei Augenpaare, ein stummes „Ja“. Dann bewegt sich das erste Paar in die Mitte. Jonas lächelt ihnen zu: „Genießt es einfach und bleibt achtsam.“
Die zwei Frauen knien sich gegenüber, greifen zum Check-in ihre Unterarme, halten inne – eine kleine, fast respektvolle und feierliche Geste. Im Raum wird es jetzt mucksmäuschenstill. Man hört nur noch das Atmen der beiden, schnell und konzentriert. Das Rutschen nackter Füße auf den Matten, kurzes Aufkeuchen. Stöhnen, das für einen Moment erotisch wirkt – dann macht es wieder shhhhht auf der Matte, und die scheinbare Intimität weicht ordinärem Turnhallenflair.
Wir anderen verlassen unseren Kreis nicht, schauen uns nur gebannt das Schauspiel an. Als der Kampf vorbei ist, klatschen wir anerkennend, eine Mischung aus Faszination und Ehrfurcht. Die beiden Frauen sind atemlos, rot im Gesicht, wirken zufrieden. Und schon kriechen die nächsten zwei Kontrahenten in die Mitte. Es geht Schlag auf Schlag. Gelegentlich hält jemand inne, wirft ein „Alles okay?“ in das sonst so schweigsame Gerangel hinein – wenn zum Beispiel ein Kopf zu unsanft den Boden berührt oder ein Handgelenk überstrapaziert wird.
„Hat jemand Lust, mit Augenbinde zu kämpfen?“
Langsam verstehe ich: Raufen ist eine eigene Sprache, für die wir keine Worte haben. Jeder spricht sie anders, kämpft anders, manche rauer, manche sanfter. Ich denke mal an tollpatschige junge Hunde im Spiel, mal an Hirsche während eines Brunftkampfs. Die einen kämpfen vor allem mit dem Oberkörper, den Händen, die anderen geben vollen Körpereinsatz. Manche wollen den Gegner bloß ermüden, andere wollen ihn auf den Boden bringen, ein Ende erzwingen, Judo-Style. Manche Bewegungen sind Kung-Fu-nah, andere ähneln Yogaposen.
Je länger ich den Playfights zusehe, desto zögerlicher wird mein Körper, selbst in den Ring zu steigen. Ich habe Respekt vor diesen Bewegungen, dieser Begegnung, der vollen Aufmerksamkeit, die man füreinander aufbringen muss.
Zwischen zwei Kämpfen fragt Jonas: „Hat jemand Lust, mit Augenbinde zu kämpfen?“ Ein Mann, Mitte fünfzig, nimmt das Angebot an. Er möchte blindlings herausgefordert werden, „egal von wem“, fügt er hinzu und zieht sich eine Binde über die Augen. Ist das mutig? Nicht unbedingt, er gehört eher zu den Stärkeren im Raum. Und er ist ein Mann: Was soll ihm denn schon passieren?!

Es wird für einige Sekunden sehr still. Mit verbundenen Augen kniet er nun in der Mitte, fast verletzlich, während wir im Kreis schnelle Blicke austauschen. Wer traut sich? Dann schleicht ein jüngerer Mann geräuschlos in den Ring, auch mit Augenbinde. Zwei Körper, die nicht sehen und langsamer kämpfen als die vor ihnen: verantwortungsvoller, ruhiger. Nach zähen Minuten dieses blinden Kräftemessens: zwei Klopfer auf die Matte. Schluss. Applaus.
Und dann passiert das, wonach ich mich den ganzen Abend sehne – und wovor ich mich auch fürchte. Jemand fordert mich zum Kampf heraus. Wer zum ersten Mal im „Fight Club“ ist, muss kämpfen, lautete eine der Regeln aus diesem Hollywoodfilm von 1999 mit Brad Pitt, an den ich denken muss, als ich auf allen vieren in die Mitte des Raums krieche. Dabei passt er hier gar nicht hin. „Fight Club“ handelte von illegaler Prügelei, fiesen Punches und Mackern, die ihre Männlichkeit neu entdecken.
Ich hingegen schaue meinem Gegenüber tief in die Augen und denke: Was für ein sanfter Blick. Ich habe Vertrauen, dass unser Kampf gut werden wird. Gleichzeitig schießt mir die Frage durch den Kopf: Worum geht es hier eigentlich noch mal? Greifen, drücken, rollen, rutschen. Zwei Körper, ein paar Regeln, und plötzlich ist alles klarer als in jeder Diskussion. Mein Gegner sucht Halt, nimmt Raum, ich weiche aus und werfe mich im nächsten Moment wieder auf ihn. Mein Körper meldet sich mit Muskeln, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe. Bauch. Rücken. Grenzen. Doppeltes Klopfen, Ende, aus. Applaus.
Wieder draußen auf der Straße, ist Berlin wie immer, nur mein Körper scheint verändert
Als ich wieder außerhalb des Kampfplatzes hocke, schmerzt mein Brustkorb. Trotzdem bin ich euphorisch, nicht siegreich, eher angenehm berauscht. Friedlich. Als hätte mein Körper gerade etwas bekommen, von dem ich nicht wusste, dass er es vermisst. Während sich schon die nächsten zwei bereit machen, meine ich, den Anreiz dieser Veranstaltung zu begreifen: Menschen kommen nicht hierher, weil sie besonders aggressiv wären. Es sieht nur so aus. Was hier passiert, ist eher eine kontrollierte Rückkehr zu Facetten des Menschseins, denen wir im Alltag wenig Platz einräumen. Druck geben und Druck aushalten. Raum nehmen und Raum lassen. Mit Griffen statt Argumenten, mit Grenzen statt Eskalation.
Und es ist die seltene Gelegenheit, den eigenen Körper überhaupt mal wieder ernsthaft zu spüren. Und den eines anderen. Körperkontakt fühlt sich inzwischen oft an wie ein Auslaufmodell, Sport wie Einzelhaft mit Monatsbeitrag. Yogamatte, Laufband, Gerätepark. Jede und jeder optimiert in der eigenen Komfortzone. Geräte im Fitnessstudio sind Käfige für Einzelkörper, perfekt für stumpfe, kontaktlose Wiederholungen. Dagegen ist Playfight ein Ausnahmezustand. Nicht weil es härter wäre, sondern weil es näher ist.
Wieder draußen auf der Straße, ist Berlin wie immer, nur mein Körper scheint verändert. Menschen mit Kapuzen, Menschen in Eile, Menschen, die sich in die U-Bahn quetschen. Können sie mir etwas ansehen? Ich spüre immer noch die Matten unter meinen Knien, die Nähe des anderen, diese kurze, klare Sprache, die mein Körper gerade gelernt hat, während mein Kopf Pause hatte. Am nächsten Tag sitzt derselbe ungelenke Schreibtischkörper wieder vor dem Laptop, versteht den Muskelkater vom Vorabend als eine Art geheime Medaille und tut so, als bestünde sein Leben aus Text und Mails. Und doch kennen wir beide jetzt die Wahrheit. Er kann mehr als funktionieren. Er kann verhandeln, ohne Wörter. Mein battle-festes Dasein besteht plötzlich aus mehr: Greifen, nachgeben, Druck, stopp. Zwei Klopfer. Schluss.
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