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Was aber, wenn wir’s lassen würden? Also alles? Wenn wir als Spezies unseren verheerenden Siegeszug auf diesem Planeten umkehren, uns seitlich in die Büsche schlagen, das Anthropozän absagen und – einfach verschwinden würden? Vielleicht nicht ganz, aber auf das Maß von 1960, eine Population von drei Milliarden? Es wäre vermutlich nicht nur zu unserem Besten, sondern auch zum Vorteil alles anderen Lebens auf der Erde, wenn das gewaltigste Raubtier seinen Schwanz einziehen würde. Was, wenn das ganz ohne Seuche und Kriege und Asteroiden zu bewerkstelligen wäre? Sondern ganz sanft einfach damit, dass wir unsere Fortpflanzung einstellen?
Das wäre dann ein erfolgreicher Antinatalismus. Eine geistige Strömung, oder eher eine Unterströmung, die für ein sanftes Ende der Menschheit eintritt. Ihre Anhänger tun dies aus guten Gründen. Es gibt metaphysische, ethische und moralische Argumente, die dafür sprechen. Religionen wie dem Buddhismus oder dem Jainismus ist diese Idee seit Jahrtausenden eingeschrieben, Philosophen wie Arthur Schopenhauer haben sie vertreten – und in Zeiten ökologischer Katastrophen erhält sie eine neue Aktualität und Dringlichkeit.
Zwei zentrale Aspekte dieser Denkweise sind unwiderlegbar. Erstens hat, wer nicht geboren wird, keine Probleme. Und zweitens kann, wer nicht geboren wird, keine Probleme machen.
Global gesehen sind wir zu viele. Mehr als sieben Milliarden, die Raubbau an den Ressourcen der Erde betreiben. 137 Millionen Menschen kommen jährlich hinzu, es sterben aber nur 58 Millionen. Wenn das im gegenwärtigen Tempo ungebremst weitergeht, werden wir am Ende dieses Jahrhunderts eine Heuschreckenplage von zwanzig Milliarden Menschen sein.
Mental gesehen sind wir unglücklich. Wer auf der Welt ist, erfährt zwangsläufig Leid – sei es am eigenen Leib, sei es als Zeuge des Leids anderer Menschen. Moralisch gesehen ist es nicht zu verantworten, Kinder in diese Welt zu setzen und sie damit dem Leid auszusetzen. Im Umkehrschluss ist es geboten, von der Zeugung abzusehen.
Das ist eigentlich so einleuchtend, dass der Antinatalismus längst weltweit oberstes Gebot der Vernunft sein müsste.
Trotzdem wird, wer diese Positionen vertritt, meistens nur verständnislos belächelt. Was vermutlich am Leben selbst und seinem Zweck liegt, sich zu vermehren. Gestützt wird dieser evolutionäre Imperativ von einer sehr mächtigen Ideologie. Sie skizziert uns die Zukunft als ein „Star Trek“-Universum, in dem dann doch noch die Vernunft siegt. Und sie legt uns das Leben als Geschenk ans Herz, für das wir unseren Eltern dankbar sein müssen.
Das Selbstverständlichste auf der Welt scheint die Liebe zum Leben. Ein so hohes Gut sei dieses Leben, dass man es sich nicht einmal selbst nehmen dürfe. Gleiches gilt für die Menschheit insgesamt, deren Fortbestand – das lehren uns nicht zuletzt Katastrophenfilme aus Hollywood – offenbar unhinterfragt allerhöchste Priorität hat. Ein Umstand, an den mich erst neulich wieder nicht irgendein Priester oder Therapeut, sondern ein seelenloser Algorithmus erinnerte. Bei Amazon hatte ich ein paar Bücher bestellt. Kurz darauf poppte „maßgeschneiderte“ Werbung für andere Werke auf. Die Titel reichten von Ratgebern („Wie Sie Ihre Gehirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen“) bis zu Romanen („Auerhaus“) und hatten alle den Zweck, mich von meinen angeblich suizidalen Gedanken abzubringen. Habe sehr gelacht.
Was war passiert? Ich hatte mich für Emil M. Cioran interessiert, den großen Aphoristiker aus Siebenbürgen. Cioran war kein Spaßvogel. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Bücher wie „Auf den Gipfeln der Verzweiflung“, „Die verfehlte Schöpfung“ und „Vom Nachteil, geboren zu sein“. Daraus zog der Algorithmus seine Schlüsse.
Cioran dachte auch, und zwar zeitlebens, an das Elend, das Unglück und den Tod. Schon als er zwanzig Jahre alt war, warf er sich auf sein Bett und rief: „Ich kann nicht mehr weiterleben, ich halte es einfach nicht mehr aus!“ Überliefert ist auch die Antwort seiner Mutter: „Hätte ich das damals gewusst, hätte ich wohl abgetrieben.“
Cioran ist einer der seltsamen Säulenheiligen des Antinatalismus. Für ihn ist der Mensch der „Krebs der Erde“, er muss verschwinden: „Was ich am meisten hasse, ist die Gegenwart des Menschen. Diese Parade hässlicher, degenerierter, verkrüppelter Leute raubt einem jeden Lebenswillen. Vollgefressener Abfall.“ Von grellhellen Geistern wurden solche scharfen Attacken gegen die Menschheit in toto schon immer geritten, von Nietzsche über Kafka bis Beckett.
Jeder Art, von der Brennnessel bis zum Blauwal, wohnt ein Wille zur Erhaltung inne, den der französische Philosoph Henri Bergson „élan vital“ nannte und Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) in „Jurassic Park“ auf den beunruhigenden Punkt brachte: „Das Leben findet einen Weg. Immer.“ Nun steht der Mensch mit seinem einzigartigen Bewusstsein von sich selbst über der Natur. Er kann, anders als die Heuschrecke, die Konsequenzen seiner Taten überblicken. Und die sind katastrophal. Bewegungen für ein freiwilliges Aussterben der Menschheit zielen denn auch nicht auf Ausrottung, sondern auf Fortpflanzungsverweigerung. Der Wahlspruch der Voluntary Human Extinction Society in den USA lautet: „May we live long and die out“.
Auch Raphael Samuel lebt gut und gern. Dennoch hat der indische Aktivist und Philosoph unlängst symbolisch seine Eltern verklagt – weil sie ihm mit dem Leben ungefragt ein Geschenk gemacht haben, das er nie haben wollte: „Es hat mehr Vorteile, gar nicht erst lebendig zu werden, als zu leben, zu leiden und dann zu sterben.“
Optimisten können weiterhin Klassiker wie „Utopia“ von Thomas Morus lesen oder „Arrival Cities“ von Doug Saunders, der aufgrund von Geburtenkontrolle und Urbanisierung ein natürliches Einpendeln der Menschheitspopulation auf ein gesundes Maß prognostiziert. Pessimisten greifen zu „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome) oder zu „Die Welt ohne uns“ von Alan Wiseman. Darin schildert der Autor mit antinatalistischer Euphorie, wie das Leben – ohne uns! – sich nach dem Abgang der Menschheit den Planeten zurückerobern wird, vom raschen Zerfall aller überirdischen Bauwerke bis zum Zerfall allen radioaktiven Materials. Zuletzt werden von uns nur unsere Funkwellen bleiben, die bis zum Ende aller Zeiten durchs All wehen. Ein entvölkertes Idyll.
Praktikerinnen praktizieren bereits die eigene Kinderlosigkeit, wie die Studienrätin Verena Brunschweiger mit ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos“ erklärt. Abgesehen von feministischen Aspekten gelte, dass jedes nicht geborene Kind der Erdatmosphäre große Mengen an CO2 erspare. Mutterschaft sei ein egoistisches und reaktionäres Projekt. Inzwischen ist die Lehrerin von ihren Aufgaben suspendiert.
Kommen antinatalistische Positionen nicht ohnehin vom Rand der Gesellschaft, werden ihre Vertreter dorthin verbannt. Das gilt für den belgischen Aktivisten Théophile de Giraud, der als komischer Kauz geschildert wird. Und es gilt für den südafrikanischen Philosophen David Benatar, den sein ethisch begründetes Gebot der Nachkommenslosigkeit – wie Emil M. Cioran – zum Außenseiter seiner Disziplin gemacht hat. Als viel zu radikal wird sogar eine tiefenökologische Umweltbewegung wie Extinction Rebellion gebrandmarkt.
Wenn wir’s einfach lassen würden, heißt es, wäre das ein Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Das Leben findet eben einen Weg, immer.