Kathmandu, 10. Februar 2004: Der Reporter Joseph Nathan von »The Himalayan Times« stellt die Szene nochmal nach. Er selbst saß vor fünf Monaten an einem der Blackjack-Tische des Casino Royal von Kathmandu, als er schräg gegenüber ein Gesicht erblickte, das ihm bekannt vorkam. Als der Typ aufs Klo ging, folgte ihm Josephs Kollege und stellte ihn am Pissoir zur Rede. »Sorry, sind Sie Charles Sobhraj?« »Wer soll das sein? Ein Filmstar?« habe der Typ erwidert und den Raum schnell verlassen. Joseph war sich sicher. Zwei Tage später titelte die Zeitung »Sobhraj in town!« Wiederum zwei Tage später nahm die nepalesische Polizei Charles Sobhraj am selben Baccara-Tisch fest, wo Nathan ihn zuerst gesehen hatte.
Seitdem sitzt Sobhraj im City Jail von Kathmandu. Ein Doppelmord an zwei Rucksacktouristen wird ihm vorgeworfen, an der Kalifornierin Annabella Tremont und derem kanadischen Freund Laddie DuParr. Beide wurden im Dezember 1975 stranguliert in einem Straßengraben nahe Kathmandu gefunden.
Es ist der erste Mordprozess gegen den Serienkiller. Nicht angeklagt ist er u.a. wegen:
- Mordes an Teresa Knowlton, einer Mittzwanzigerin aus Seattle, die Sobhraj in einem Hotel in Bangkok begegnete. Fünf Tage später fand ein Fischer ihre nur mit Bikini bekleidete Leiche am Strand von Pattaya.
- Mordes an Vitali Hakim. Der türkische Diamantenhändler wurde verbrannt. Seine Assistentin, die Französin Stephanie Parry fand man stranguliert im thailändischen Pattaya.
- Doppelmordes an Cornelia Hanker und Henricus Bitanja. Das holländische Liebespaar wurde in einem Auto nahe Bangkok lebendig in Brand gesteckt.
- Mordes an dem australischen Ehepaar Vera und Russell Lapthorne. An einem pakistanischen Fahrer, an dem französischen Touristen Jean-Luc Soloman. Alle vergiftet.
- Mordes an dem israelischen Geschäftsmann Alan Aaron Jacobs, der in seinem Hotelzimmer im indischen Pilgerort Varanasi am Ganges erdrosselt wurde.

Alle Morde geschahen innerhalb weniger Monate im Winter 1975 bis 76. Alle Opfer lernten kurz vor ihrem Tod Charles Sobhraj kennen. Die Liste der Menschen, deren Verschwinden mit Sobhraj zu tun haben könnte, ist mindestens noch einmal so lang.

Allem Anschein nach mordete Sobhraj nicht aus Trieb heraus, sondern aus rationalen Motiven: Wenn jemand seinem Business in die Quere kam, dem Handel mit Diamanten, Drogen oder Reisepässen. Weil es einfach jeweils das Richtige war, wie er selbst einmal sagte. Und weil er lange zuvor beschlossen hatte, jedes sentimentale Gefühl in sich zu eliminieren. Charles war hart. Charles war skrupellos, und Charles war ungeheuer schlau.

Saigon 1944. Am 6. April kommt Charles zur Welt. Mutter Noi ist eine Waise, die von den Reisfeldern nach Saigon kam, wo sie den indischen Schneider Hotchand kennenlernt und seine Geliebte wird. Hotchand nennt seinen Sohn Gurmukh, in der Sikh-Religion die menschliche Inkarnation göttlichen Wissens und geistiger Reinheit. 1947 verlässt Hotchand Noi und heiratet standesgemäß eine andere Frau. Noi sucht Zuflucht bei einem französischen Indochina-Veteran, der Gurmukh adoptiert und ihn Charles nennt, nach de Gaulle. Sie ziehen nach Marseille. Charles hasst sein Stiefvater, als Noi zum zum dritten Mal schwanger wird, schickt sie Charles nach Saigon zu seinem echten Vater und holt ihn drei Jahre später wieder zu sich, als sie selbst nach Saigon zieht. Charles, inzwischen ein Street-Kid von sieben Jahren, reißt mehrfach über Nacht aus und versteckt sich im Haus seines Vaters. Noi fesselt ihn tagelang an sein Bett. Als Charles neun ist, zieht er mit Noi und ihrem Mann wieder zurück nach Frankreich. Dort erzählt ihm Noi, dass sein Vater tot sei. Charles glaubt ihr nicht.
Tatsächlich sieht er seinen Vater nach achtjähriger Trennung mit 17 Jahren wieder. Hotchand ist inzwischen ein reicher Textilfabrikant und erlaubt Charles, nach Saigon zu kommen und das verhasste Frankreich für immer zu verlassen. Doch als der große Tag naht, ist Charles Reisepass nicht fertig. Hotchand verspricht ihm ein Flugticket, sobald der Pass da ist. Monate später kommt der Pass, nur das Ticket fehlt. Charles beschließt, es sich zu verdienen und raubt alleinstehende Frauen in Pariser Vorstädten aus. Er landet im Jugendgefängnis. Wieder draußen besorgt ihm sein Stiefvater das ersehnte Ticket. Im März 1961 erreicht Charles sein vermeintliches Zuhause, wo er in kurzer Zeit seine Chance verspielt. Nach einer ersten Phase der Harmonie beginnt er, seinem Vater systematisch zu beklauen, um seine Spielleidenschaft zu finanzieren. Hotchand ist schockiert und schickt seinen Sohn zu Verwandten nach Indien. Wenige Wochen später schicken ihn die Verwandten zurück. Doch sein Vater will ihn nicht zurück, und seine Mutter beantwortet keinen seiner Briefe. Charles weiß nicht mehr wohin. Auf einen Frachter fährt er als blinder Passagier zurück nach Marseille, wo er Autos stiehlt und bald auffliegt. Die Lebensjahre von 18 bis 23 verbringt Charles Sobhraj nonstop im Knast.

Paris 1968: Am 17. April, kurz nach seinem 24. Geburtstag, wird Sobhraj von seinem Anwalt Alain Benard am Gefängnis abgeholt und bei sich aufgenommen. Am nächsten Abend gibt Benard ein Dinner. Dort trifft Charles Chantal, Studentin an der Sorbonne. Die folgenden Wochen verfolgt er sie auf Schritt und Tritt, kutschiert sie in Benards Cabrio zur Uni, überschüttet sie mit Aufmerksamkeiten. Im Mai 68 gehen die Studenten auf die Barrikaden. Charles verachtet die Hippies, obwohl auch Chantal einer ist. Von ihren Freunden lernt Charles alles über Drogen und Betäubungsmittel, was ihm bei den späteren Morden an Hippies nützlich ist. Charles macht Chantal einen Heiratsantrag. Wochen später sind sie verlobt. Monate später rast Charles, der keinen Führerschein hat, mit Chantal in der Normandie über die Autobahn und wird von der Polizei verfolgt. Er setzt den Wagen gegen einen Baum und wandert sechs weitere Monate in den Knast. Obwohl Benard Chantal vor Charles warnt, bleibt sie dabei, ihn zu heiraten. Durch ihn, gesteht sie Bernard, sei ihr ein Licht aufgegangen, was Liebe sei. Charles studiert derweil hinter Gittern René LeSennes »Psychologie der acht Charaktertypen«. Er erkennt sich selbst wieder als passionierter Typ. Den Rest der Zeit überlegt er, wie er es anstellt, damit die anderen sieben Typen fortan nach seiner Pfeife tanzen.
Im Juni 1969 holt ihn Chantal aus dem Gefängnis ab. Im November wird geheiratet. Als Vater Hotchand zu Besuch kommt, erkennt er seinen Sohn kaum wieder. Der hat nun eine bezaubernde Frau, lädt ihn zur Shoppingtour ein und erzählt ihm von seinem Traum, zurück nach Saigon zu gehen und dort Juwelen an Touristen zu verkaufen. In Wirklichkeit ist Charles pleite. Mit dem Cabrio des Anwalts fahren die Frischvermählten Hotchand nach Genf zu einem Geschäftstermin, laden ihn ab und düsen immer weiter gen Osten. Drei Monate später erreichen sie so auf dem Landweg Bombay. Im November 1970 kommt dort ihre Tochter Madhu zur Welt.

Das neue Leben beginnt. Ein Leben zwischen Verbrechen, Flucht, Verhaftung und Ausbruch. Das des Gifts, der halbnackten Leichen und verwischten Spuren. Das Leben als Schlange. Charles entwickelt seine Masche: Er nimmt Hippies aus, die auf Selbsterfahrungstrip in Asien sind. Er lernt sie wie zufällig kennen, gibt sich als hilfsbereiter Geschäftsmann aus, lädt sie als Gäste zu sich nach Hause ein, stellt sie mit ein paar Tropfen ruhig, raubt sie aus und klaut ihre Ausweise. Anderntags finden sie sich irgendwo in der Pampa wieder, ohne Geld und Orientierung. Eine sichere Sache. Nebenbei knüpft Charles in Bombay Kontakte und verkauft geklaute Luxusautos.
Nur eins bringt er nicht unter Kontrolle: seine Spielsucht. Während der nachgeholten Flitterwochen in Hongkong verliert er eine Viertelmillion Dollar im Casino. Kurz darauf wird er nach einem spektakulären Juwelenraub im Luxushotel Ashoka in Delhi verhaftet. In der Zelle täuscht Charles eine Blinddarmentzündung vor, entkommt aus dem Hospital und flieht nach Teheran. Kurz darauf erneute Festnahme, Freilassung gegen Kaution. Drei Wochen später tauchen Charles und Chantal in Peschawar auf, wo Charles einen Taxifahrer betäubt. Doch diesmal ist das Gift falsch dosiert. Der Mann stirbt. Sie müssen aus Pakistan fliehen, allerdings gibt es zu diesem Zeitpunkt schon Haftbefehle in acht weiteren Staaten. Charles Sobhraj hat echte Probleme. Dazu kommt, dass ihn Chantal verlässt – zusammen mit ihrer Tochter. Sie kann nicht mehr. Chantal hat einen anderen. Chantal lässt sich scheiden.

Im Mai 1975 lernt Sobhraj in Delhi Marie Andrée Leclerq kennen. Die attraktive Medizinassistentin aus Kanada reist mit ihrem Verlobten durch Nepal. Als Marie zurück nach Quebec fliegt, beginnt Sobhraj sein Liebes-Bombardement. Er gibt Tausende Dollar für Telefonate, Briefe und Blumen-Sendungen aus. Wenige Monate später fliegt Marie tatsächlich zurück nach Bangkok und bleibt bei ihm. »Ich schwor mir, alles zu tun, damit er mich liebt«, schreibt Marie später. »Aber allmählich wurde ich seine Sklavin.«
Marie verfällt ihm und hilft ihm bei seinen Raubzügen. Mit Marie als Komplizin ermordet Sobhraj in weniger als einem Jahr zehn Menschen. Sein Motiv ist bis heute nicht völlig klar. Später erzählt er einmal, dass er im Auftrag chinesischer Drogenhändler gehandelt habe, die unwillkommene Konkurrenz ausschalten wollten. »Sie wissen, dass ich niemanden umbringen musste, um mich zu bereichern«, so Sobhraj später, seine Morde hätten ihm finanziell kaum genutzt. Einem Journalisten gestand er, dass es ihm nur um den Israeli Alan Aaron Jacobs leid getan hätte, weil der ein netter Kerl gewesen sei und hart gearbeitet habe. Die anderen eher nicht. »Ich habe nie gute Menschen umgebracht«, sagt Sobhraj.

Kathmandu, 12. Februar 2004: Nach einem Gefängnis sieht dieser Bau nicht aus, eher nach einer Baracke. Man spaziert an den Soldaten vorbei und kommt zu einem vergitterten Eingang, hinter dem ein paar Gefangene stehen und mit Passanten plaudern. Zu wissen, dass Charles Sobhraj ausgerechnet hier einsitzt, ist kein gutes Gefühl. Derselbe Sobhraj, der so oft aus Gefängnissem floh. Ein Gespräch mit ihm zu arrangieren, dauert. Irgendwann, nach endlosem Hin und Her, sitzt man im Büro von »RP Soramati«. Das ist zumindest der Name, den er auf einen Zettel schreibt. Ein Interview sei kein Problem. Ein paar Franzosen hätten neulich 10.000 Dollar dafür gezahlt, für einen Deutschen seien wohl auch 1.000 Dollar genug. Er müsse das nochmal besprechen. Und nur eine kurze Gegenüberstellung mit zwei, drei Fragen? Er werde sehen, was sich machen lässt. Man möge gegen 15 Uhr 30 wiederkommen. Doch später ist das Gefängnis bereits seit 15 Uhr zu, einen RP Soramati kennt hier keiner.

Bangkok 1976: Anfang des Jahres bringt die Mordserie Charles Sobhraj erstmals ernstlich in Gefahr. Ein Angestellter der niederländischen Botschaft setzt, gestützt auf Aussagen von Sobhrajs Helfershelfern eine Mordanklage in Gang und erwirkt einen internationalen Haftbefehl. Die Medien in Frankreich, Holland und Fernost fordern eine konzertierte Fahndung. Interpol schaltet sich ein. Sobhraj setzt sich nach Paris ab. Und weiter nach Delhi, mit einem seiner zahllosen gefälschten Ausweise. Dort wartet Marie, zusammen berauben sie den französischen Backpacker Jean-Luc Soloman, der an den Folgen seiner Vergiftung im Krankenhaus stirbt. Charles und Chantal entkommen unbehelligt.

Doch ein paar Tage später macht Sobhraj den wohl größten Fehler seines Lebens. Er legt es auf eine 60-köpfige französische Reisegruppe an. 60 Ausweise. Ein Riesen-Coup. Womöglich der Schlüssel zur geplanten Flucht nach Südamerika, wo Charles sich zur Ruhe setzen und seine Memoiren schreiben will. Zum Abendessen schwatzt er der Gruppe angeblich antibakteriell wirkende Kapseln auf. Dummerweise hat er das Gift zu hoch dosiert. Ein Großteil der Reisegruppe bricht unter Krämpfen am Tisch zusammen. Der Rest nimmt Sobhraj in die Mangel und holt die Polizei. 1977 wird Charles wegen Totschlags von Jean-Luc Soloman sowie der vorsätzlichen Vergiftung der Reisegruppe zu 12 Jahren Haft verurteilt. Ein erstaunlich mildes Urteil, das zahlreiche Zeitungen zu Spekulationen veranlasst, Sobhraj habe den Richter gekauft. Tatsächlich bewohnt er seine eigene Zelle samt Fernseher und vielen Büchern. Die Wächter werden so gute Freunde, dass er für sie eine Party schmeißt, auf der er Schlaftabletten in die Getränke mischt und die Flucht ergreift. Es ist ganz offenbar eine taktische Flucht. Er steht kurz vor der Entlassung, danach droht ihm die Abschiebung nach Bangkok und das sichere Todesurteil. Nach wenigen Wochen arrangiert er die erneute Festnahme und lässt sich zu weiteren sieben Jahren Haft in Nepal verurteilen. Als Sobhraj am 1997 im Alter von 52 Jahren entlassen wird, ist der Haftbefehl in Thailand längst verjährt. Sobhraj wird nach Frankreich ausgewiesen, wo er für einige Jahre ein ruhiges Leben führt. Er verdient viel Geld, und dem er sich für Interviews und die Rechte an seiner Lebensgeschichte bezahlen lässt. Er lebt allein, Marie die als Komplizin verurteilt wurde, erkrankte im Gefängnis an Krebs und stirbt 1984, vier Jahre nach ihrer frühzeitigen Entlassung.

Kathmandu, 13. Februar 2004: Der Journalist Joseph Nathan glaubt, dass sich Charles Sobhraj bewusst in Nepal hat festnehmen lassen. Er brauche Geld und weitere Publicity. Die Menschen in Nepal seien noch blöder als die Thais, soll Sobhraj einst einem Komplizen gesagt haben. Doch jetzt gerade, ein halbes Jahr vor dem Urteil, sieht es nicht so gut aus für die Schlange, die Beweise sind erdrückend. Fest steht, dass Annabella Tremont am Tag vor ihrer Ermordung Freunden im Hotel erzählte, sie habe da einen netten Juwelen Händler aus Holland kennengelernt. Zu dieser Zeit gab sich Sobhraj als Henricus Bintanja aus Holland aus, der kurz zuvor in Thailand ermordet worden war. Und dennoch: Nach fast 30 Jahren könnte es durchaus passieren, dass sich der Trickser, die Schlange, der ewige Jago unter den Serienkillern, seiner Strafe ein weiteres Mal durch Zeitspiel entzieht.

Nachtrag: Diese DUMMY-Geschichte erschien im Frühjahr 2004. Am 20. August 2004 wurde Sobhraj vor dem Bezirksgericht Kathmandu wegen zweier Morde zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 18. September 2014 wurde er vor dem Bezirksgericht Bhaktapur wegen Mordes an dem kanadischen Touristen Laurent Carrière nochmals verurteilt. Er ist nach wie vor im Gefängnis.