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Knast

Zu den unverschämt einfachen Wahrheiten, die einem die politischen Verführer heute unterjubeln wollen, bildet die Unterscheidung von gut und böse, schuldig und unschuldig einen permanenten moralischen Unterstrom. Wenn solche denkfaulen Dualitäten aber knallhart werden, zu Mauern, die Sünder von Wohlanständigen absondern, muss umso heftiger gewarnt werden: Das Thema „Knast“ lädt perfide dazu ein, sich zurückzulehnen, um sich an der dunklen Gegenwelt der Verkommenen zu ergöt­zen – und nicht zuletzt am schlechten Essen, das sie dort kredenzen. Könnte alles so schön einfach sein, ist es aber nicht. So besteht die Freiheit im Nachdenken über Gefängnisse erst mal darin, alle vorschnellen Klarheiten zu beseitigen, Widersprüche zu ertragen. Und diese Freiheit muss man erst mal aushalten.

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DUMMY 62
Einzelheft / 8 €

DUMMY Jahresabo
4 Hefte / 28 €
1 Heft als Prämie

Inhalt

Unschuld und Sühne / Niemand ist als Verbrecher geboren. Bilder junger Delinquenten aus Polen

Ob dieser Freund ein Mörder war? / Unsere Autorin erinnert sich an ihren ruandischen Fahrer, der in Haft gestorben ist

Grauenhaft / Mehr diabolische Mystik als Zelle 70 in Stadelheim kann ein Haftraum kaum haben

Diese unheimliche Kinderliebe / Die Mutter eines Pädophilen hofft immer noch, dass ihr Sohn frei- und alles in Ordnung kommt

Auf Verdacht in der Hölle / Was ein Elend: Venezolanerinnen in Untersuchungshaft

Jetzt umdrehen und nach vorn beugen / Ist es witzig, sich für ein unbezahltes Ordnungsgeld kurz mal einlochen zu lassen?

Robby hat das Freisein verlernt / Viel Zirkus um einen Schimpansengreis, der sein ganzes Leben in Gefangenschaft verbracht hat

Der Plan / Bruder Hanisch war ein tragischer Fall

Gut im Abgang? / Wir testen den Knastwein „Pruno", den Inhaftierte aus Abfall keltern

Coming-out / Eine, die lange im falschen Körper und im falschen Knast war, befreit sich

Eine Hinrichtung / Wie absurd eine Exekution ist, merkt man erst, wenn George Orwell sie beschreibt

Sperma Zelle auf! / Palästinenserinnen, die den Samen ihrer inhaftierten Männer aus dem Knast schmuggeln

Up in the bing / Das US-Knastsystem ist so rassistisch, dass man eigentlich nur drüber rappen kann

Ich bin so frei / Die ersten Wochen mit Rikko, der gerade entlassen wurde

Mitarbeiter dieses Hefts

Large_bildschirmfoto_2019-03-07_um_19.12.45 Zuza Krajewska
Fotografin

Immer wenn Zuza Krajewska (43) von der Jugendstrafanstalt Studzieniec außerhalb von Warschau zurück nach Hause gefahren ist, ging ihr noch lan­ge durch den Kopf, was sie über die Familiengeschichten der jungen Insassen erfah­ren hatte. Während sie das moderne Polen mit seinen Malls und neuen Ein­familienhaussiedlungen an sich vorbei­ziehen sah, hat sie sich oft gefragt: Warum bringt man in einem solchen Land Kinder zur Welt, um sie dann zu schlagen, zu ängstigen, zu demütigen? Fast immer ging es in den Biografien der Jungen um grausame Väter, die ständig betrunken waren – und um irgend­einen Blödsinn, der den Weg zu et­was Anerkennung und Geld dann abkürzen sollte. Letztlich surrte Zuzas ganze Fotoarbeit über die Einrichtung Studzieniec, die Jugendliche vor einer Knastkarriere bewahren soll, auf zwei Fragen zusam­men: Wie und wann fängt das an? Denn niemand kommt als Verbrecher zur Welt. Zuzas Bilder geben keine klare Antwort. Im selben Gesicht sieht man mal das unschuldige Kind, mal den Anwärter auf eine Knastkarriere. Für uns jedenfalls war gerade diese Unein­deutigkeit die wichtige Erkenntnis.

Large_bildschirmfoto_2019-03-07_um_22.05.00 Lukas Niehaus
Artdirektor

Dass Lukas Niehaus (34) alles andere als ein Idiot ist, wissen wir sehr gut, seit er uns 2016 ein Heft zu diesem Thema gestaltet hat. Als klar war, dass es jetzt um Knast geht, wussten wir sofort: Das ist ein Sujet, für das wir noch mal diesen überaus angenehmen Kollegen und langjährigen Layout-­Stürmer von „11 Freunde“ zu uns bitten sollten. Der kann Hefte gestalten und Schlagzeilen bauen, dass die Typo nur so kracht – als ob eine schwere Eisentür ins Schloss fällt oder der Wär­ter brüllt: „Zellenkontrolle!“ Gut, am Anfang mussten wir ihn schon ein bisschen bremsen, dass man sich angesichts lang gestreck­ter Lettern nicht selbst wie hinter Git­tern vorkam. Aber Lukas wäre nicht Lukas, hätte er es nicht verstanden, zu diesem Thema ein Heft zu gestalten, das seinen Gegenstand immer wieder klug durchkreuzt. Schließlich denkt der Mensch wohl nirgendwo so sehnsüchtig an Freiheit wie in Gefangen­schaft. Es war also wieder eine befreien­de Erfahrung mit Lukas. Am liebsten hät­ten wir ihn an seinen Schreibtisch bei uns angekettet, damit er uns noch ein bisschen erhalten bleibt.

Large_bildschirmfoto_2019-03-07_um_22.05.31 Ludwig Lugmeier
Autor

Bevor er Schriftsteller wurde, war Ludwig Lugmeier (69) ein erfolgreicher Dieb. Schon als Jugendlicher verübte er mehre­re Einbrüche und trat mit fünfzehn sei­ne erste Gefängnisstrafe an. Sein größ­ter Coup waren zwei Überfälle auf Geld­transporter 1972, bei denen er etwa drei Millionen D­-Mark erbeutete. Er floh ins Ausland, wurde gefasst und zu drei­zehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Drinnen, sagt Lugmeier, habe er von Anfang an Widerstand geleistet. „Das Gefängnis ist nicht dazu gemacht, den Menschen zu helfen. Es ist dazu gemacht, Menschen Schaden zuzufügen“, sagt er. Lugmeier schrieb in der JVA Straubing aufrührerische Texte für eine illegale Gefangenenzeitung. Die Revolte, die hier später ausbrach, bekam er jedoch nur noch von draußen mit. Nach seiner Freilassung veröffentlichte er mehrere Bücher, sein letzter Roman erschien passenderweise im Verbrecher­Verlag. Er handelt von Käpt’n Bilbo, einem Ber­liner Juden, der für sich fantastische Rollen und Lebensläufe entwarf. Derzeit durchforstet Lugmeier seine alten Tage­bücher für ein Projekt über Lebensläng­liche. In DUMMY schreibt er über einen früheren Mithäftling, dessen Frei­heitsdrang sich nicht brechen ließ.

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