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Es sind keine normalen Tage für die Türkei, und es sind keine normalen Tage für Kreuzberg. In einem Café an der Oranienstraße betrachtet ein Mann die dampfende Tasse vor sich. Seine Hände sind groß, die Tasse wirkt wie Spielzeug. Er ist ein impulsiver Typ, der halb Kreuzberg kennt und der für gewöhnlich laut spricht. Er macht eine ausladende Bewegung mit seinem Arm. „Türken, Kurden, Aleviten ... Für mich sind alle gleich! Und der Islam ... mir ist das doch egal. Ich trinke, ich esse Schweinefleisch, alles.“
Er schweigt, niemand schaut auf, und für einen Moment ist es im Café totenstill.
Dann beugt er sich plötzlich über den Tisch und fängt an zu flüstern. Ganz eindringlich, sein Blick springt unruhig zwischen den wenigen anwesenden Männern hin und her. „Ich weiß gerade nicht mehr, wer wo steht. Die Leute sind verrückt geworden.“

Seit dem Putschversuch gegen den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Juli 2016 bleibt in der Türkei kein Stein mehr auf dem anderen. Menschen sterben bei Bombenanschlägen, Regierungstruppen kämpfen gegen Kurden und gegen Islamisten, die Polizei startet eine Säuberungswelle nach der anderen gegen Regierungsgegner und alle, die dazu erklärt werden. Unliebsame Medien werden dichtgemacht. Und in Berlin flüstern nun sogar jene, die sonst immer laut ihre Meinung sagen.
7.000 Agenten und Informanten soll der türkische Geheimdienst in Deutschland haben. Aber wer sind die Menschen mitten in Berlin, deren Leben jetzt kopfsteht? „Ich kenne da jemanden, der wird seine Geschichte erzählen wollen“, sagt der impulsive Typ mit der Kaffeetasse. Also dann, auf geht’s.
Irgendwo in der Hauptstadt steht Nevin hinter der weiten Glasfront seines Supermarktes und blickt nach draußen. Er heißt eigentlich anders und will seinen richtigen Namen aus gutem Grund nicht veröffentlicht wissen: Nevin ist seit Juli 2016 türkischer Staatsfeind.
„Ich bin in der Bewegung von Fethullah Gülen aktiv. Ich sage das, und ich will das weiter sagen können“, erklärt er. Gülen wird von Edoğan für den Putsch verantwortlich gemacht, seine Organisation seither als terroristisch eingestuft, seine Anhänger im In- und Ausland verfolgt. Nevin ist Mitte 40, das Haar an seinen Schläfen ist etwas angegraut, seine Stimme ist sanft, sein Pullover beige. Er ist seit zehn Jahren in Deutschland.
„In der Gülen-Bewegung sind Türken und Kurden“, erklärt er. „Sie baut Schulen, auch in verarmten Regionen in Anatolien. Bildung ist doch das beste Mittel gegen Terror! Es ist absurd, uns als Terrororganisation zu bezeichnen.“ Nevin erklärt, dass früher ein deutscher Pass in der Türkei etwas Schutz geboten habe. Diese Zeiten seien vorbei.
„Ich kann nicht mehr in meine Heimat“, erklärt Nevin. Seine gesamte Familie außer seiner Frau und seinen Kindern ist noch dort, in der Gegend um die Metropole Diyarbakir, wo sich kurdische und türkische Truppen besonders harte Kämpfe liefern. Nevin erklärt, er sei bedroht worden, ihm sei zu verstehen gegeben worden, dass er besser nicht mehr in die Türkei reisen solle. Mit seinen Verwandten hält er mit Hilfe des Internets Kontakt, etwa per WhatsApp. Aber das Netz werde in den Kurdengebieten immer wieder abgestellt. Zum Beweis holt Nevin sein Smartphone raus und wählt. Es kommt kein Signal. Gar keins. Nevin schaut auf sein Telefon, als wollte er es nicht glauben.
Nevin blickt auf und erzählt, wie die Tochter eines Freundes, erst 14 Jahre alt, an einem türkischen Flughafen festgehalten wurde mit der Aufforderung, schriftlich nachzuweisen, dass ihre Schule in Deutschland nicht von Gülen finanziert wird. Nevin sagt: „Wenn Erdoğan heute erklärt, er sei Jesus, und jemand widerspricht, dann ist er dran!“ Kurz wird seine sanfte Stimme lauter. Doch bald schon spricht er wieder leise, etwa davon, auch in Deutschland mehr als die Hälfte seiner Freunde verloren zu haben, weil sie auf der anderen Seite stehen.

Über die Rolle der Gülen-Bewegung, auch Hizmet genannt, beim Putsch und beim Aufbau der gegenwärtigen Türkei wird erbittert gestritten. Hizmet wird bisweilen als sozial und moderat bezeichnet, wahlweise aber auch als klandestine islamische Sekte. Klar ist, dass Gülen und Erdoğan über viele Jahre an einem Strang zogen, bis es zum Zerwürfnis kam, weshalb die Bewegung in Ankara nun als „Fethullahistische Terrororganisation“ (FETÖ) geführt wird. Es ist nicht leicht, bei alldem den Überblick zu behalten. Aber der Versuch lohnt sich.
„Es gibt keine politische Kraft mehr in der Türkei, der ich noch vertrauen kann, weder Erdoğan noch Gülen oder sonst wem“, sagt Ercan Yasaroglu. Der 58-Jährige ist Sozialarbeiter und so etwas wie der inoffizielle Sprecher des stark türkisch geprägten Biotops am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Ein Linker, der wegen seiner Ansichten in den Achtzigern aus der Türkei abhauen musste, der mit seinem Rollkragenpullover aussieht wie ein verspäteter Existenzialist, der immer eine Zigarette in seinen Händen hält und mit seinen Ansichten nie hinterm Berg. „Ich habe hier 35 Jahre selbstbewusst gelebt. Aber gerade kippt es.“
Yasaroglu sagt das in einem von Aschenbechergeruch dominierten Raum neben dem Café Kotti im Betonbunker des Neuen Kreuzberger Zentrums, einer verunglückten Wohnutopie aus den Siebzigern. Er meint nicht nur die großpolitisch aufgeheizte Lage, sondern auch die Kriminalität am Kotti, die „Antänzer“, die Verwahrlosung, die steigenden Mieten bei gleichzeitig abnehmendem Sicherheitsgefühl.
Wer Yasaroglu zuhört, bekommt den Eindruck, dass der politische Konflikt einem von Gentrifizierung und Kriminalität gebeutelten Gebiet den sozialen Todesstoß versetzen könnte. Oder, wie Yasaroglu es ausdrückt: „Ich habe Angst, dass die Menschlichkeit hier komplett verloren geht.“
Die Debatte um die Anzahl türkischer Geheimdienstler in Deutschland, um Durchsuchungen bei Imamen und um Denunziationen missfällt Yasaroglu zutiefst. „Die Agenten waren schon immer da. Nur jetzt wird darüber geredet, alle sind verunsichert. Uns werden die Räume genommen, in denen wir uns frei bewegen und frei reden können!“ Hinter Yasaroglu hängt ein Poster, das Rassismus, Sexismus und Homophobie verurteilt. Er zieht an seiner Zigarette, schaut auf sein Handy und sagt: „Alle haben Angst. Die alten Migranten und die Neuankömmlinge, die jetzt aus der Türkei fliehen.“
Es geht weiter durch Kreuzberg, die Touristen sind da, die Türken auch, von außen wirkt alles normal. Doch jedes Gespräch offenbart, wie verworren die Lage ist. Der impulsive Typ aus dem Café ist wieder da. Er lächelt breit, aber er schüttelt auch seinen Kopf. „Ein Nachbar, mit dem ich immer gut ausgekommen bin, grüßt jetzt nur noch mit dem Wolfsgruß der türkischen Nazis.“ Der Wolfsgruß oder Bozkurt-Gruß – Daumen, Mittel- und Ringfinger zusammen, Zeige- und kleiner Finger stehen ab – ist ein Erkennungszeichen der rechtsextremen türkischen Grauen Wölfe. „Manchmal kommt es mir vor, als wären alle wieder Kinder. So: Ich bin bei der He-Man-Gang, ich bin bei den Power Rangers, mit den anderen spiele ich nicht! Lasst mich doch in Ruhe mit dem ganzen Scheiß!“
Es ist für türkischstämmige Menschen in Kreuzberg ebenso schwer, sich dem Thema zu entziehen, wie für alle anderen, überhaupt zu verstehen, wo die Frontlinien verlaufen. Grob gesagt stehen auf der einen Seite Erdoğan-Anhänger, islamisch-fromme Kader der herrschenden AKP sowie Nationalisten. Die von ihnen Bekämpften sind ein bunter Haufen: Linke, Liberale, Gülen-Anhänger, Aleviten, Kurden – aber auch radikale Islamisten. Da aber beide Seiten auch untereinander zerstritten sind, ist die wahre Gemengelage noch komplexer. Und hochexplosiv.
Es ist deshalb teilweise ein fast absurdes Schauspiel, abends in den Kreuzberger Cafés und Bars Gesprächspartner zu suchen, die bereit sind, mit ihrem richtigen Namen in den Medien zu landen und die türkische Regierung zu kritisieren. Austauschstudenten, die eloquent lange Vorträge über demokratische Missstände in der Türkei halten, werden plötzlich kleinlaut, wenn sie zitiert werden sollen. „Ich habe Familie in der Türkei“, lautet dann oft die Antwort. Oder: „Ich würde nicht einmal mehr auf Facebook etwas Kritisches schreiben.“
Doch während in der Türkei schon lange auch die Waffen sprechen, wird die Auseinandersetzung in Europa und in Deutschland immerhin zumeist noch mit Worten geführt. Deshalb wollen viele dort weg und hierher. So wie Leyla.
Sie ist Fotografin, Ende 20 und per Skype zugeschaltet, um über ihr Leben in der Türkei zu erzählen, „falls ich das noch so nennen möchte“. Leyla hat schwarze Locken, große Augen, sie ist schon viel gereist – und aus ihrer Stimme spricht eine Mischung aus Wut und Angst. „Für mich als Atheistin ist es extrem gefährlich geworden.“ Sie will deshalb nach Berlin auswandern, so wie die meisten ihrer Freunde wegwollen, wie sie erzählt. „In meinem Viertel in Istanbul laufen so viele finstere Gestalten umher, Islamisten, Typen mit Vorstellungen wie im Mittelalter. Ich gehe kaum noch vor die Tür.“
In Berlin aber gehen sie dieser Tage viel vor die Tür, sowohl die Anhänger als auch die Gegner Erdoğans.
„Nein zum Faschismus! Nein zur Diktatur! Nein zum Sultanat!“ So schallt es aus etwa 40 Kehlen kurdischer Aktivisten am Kotti. Es ist eine Demonstration, die sich gegen die angestrebte Umwandlung der Türkei in eine Präsidialrepublik richtet. Diesen Schritt möchte der Präsident am 16. April per Referendum legitimieren. Und deshalb rufen die Aktivisten: „Hayir!“, also „Nein!“. Die Polizei sichert die Veranstaltung ab, doch erst einmal ist an diesem Tag die Kälte das größte Problem der Aktivisten. Und es sind manche ihrer Lebensgeschichten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Vor kurzem noch war Ramazan Aksoy, der gerade mit einem Hayir-Schild in seinen Händen für die Freiheit der Türkei friert, Schauspieler an einem Theater in Izmir. Nun ist er ein entwurzelter Asylbewerber, der mit fünf anderen Männern in einem Heim wohnt.
Aksoy ist dreißig, er ist Kurde, neben der Schauspielerei hat er sich auch in der Flüchtlingshilfe in Izmir engagiert. Auf Einladung der Alice-Salomon-Hochschule kam er deshalb im Dezember 2016 für eine Tagung nach Berlin, nur mit kleinem Reisegepäck. Er hielt einen Vortrag, bei dem er sich kritisch über Erdoğan äußerte. Dieser Vortrag landete auch im Internet.
„Kurz darauf, ich war noch in Berlin, habe ich mit meinem Bruder in Izmir gesprochen, und er hat mich gefragt: Was hast du gemacht? Die Polizei war hier, hat dich gesucht, die haben alles durchsucht, viele Sachen mitgenommen“, erzählt Aksoy am Rande der Demo. Er bemüht sich sichtlich, sachlich und ruhig zu bleiben. Leicht fällt es ihm nicht. In der Türkei würde ihm die Verhaftung drohen, er kann nicht mehr nach Hause, hat auch keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. „Ich würde sie gefährden, wenn ich sie anrufe.“
Mit seinem Bruder habe er vereinbart, dass sie sich nur kontaktieren, wenn etwas Schlimmes passiert, wenn jemand stirbt oder verhaftet wird. „Obwohl ich manchmal denke, dass sie mir in so einem Fall nichts sagen würden, um mich zu schonen, weil ich alleine hier bin“, sagt Aksoy mit plötzlich düsterer Stimme.
Einige Wochen nach seinem Vortrag bekommt Aksoy von seinem Theater per Mail die Kündigung. Als sein Besuchervisum in Deutschland ausläuft, weiß er nicht weiter. Er beantragt Asyl. „Es ist das zweite Mal in meinem Leben, dass ich komplett rausgerissen werde. 1993 mussten wir wegen des türkisch-kurdischen Konflikts unser Dorf im Südosten der Türkei verlassen“, erzählt Aksoy. Mit seinem hellen Bart und dem Wollpulli fällt er optisch in Kreuzberg kaum auf, aber an eine Integration ist bislang kaum zu denken. Aksoy spricht kein Deutsch, auch fast kein Englisch. Auf die Frage nach seiner Zukunft hebt er nur die Schultern.
Das einzig Positive in Berlin sei ein Besuch im Berliner Ensemble gewesen, erzählt er. Er sei ein großer Bewunderer von Bertolt Brecht. So kämpferisch Aksoy während der Demo wirkte, so verzweifelt klingt es, wenn er später davon erzählt, wie viele seiner Freunde in der Türkei verhaftet wurden. Er selbst befindet sich in psychologischer Behandlung.
Aber hätte er nicht wissen müssen, dass etwas passieren würde, wenn er dieser Tage Erdoğan öffentlich kritisiert? Warum ist er bereit, unter seinem richtigen Namen zu sprechen? War er leichtsinnig? „Ich glaube, dieses Regime ist deshalb so groß geworden“, sagt Aksoy, „weil zu viele Leute sich zu lange nicht dagegen positionieren wollten.“ Es ist in diesem Moment unmöglich zu sagen, ob er seinen Mut nicht auch ein wenig bereut.
„Wenn ich das alles geahnt hätte, ich hätte meine Geschichten mitgenommen“, sagt er zum Ende des Gesprächs. Er habe immer viel geschrieben und alles auf einem USB-Stick gespeichert, den er aber vor dem Abflug nach Berlin nicht habe finden können. Er fand das in dem Moment nicht so wild. Er dachte ja, er wäre einige Tage später wieder zu Hause.